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Belächelt und bestaunt

Olympia-Exoten machen Winterspiele liebenswerter

Ob die Skiartisten aus Südamerika, die Langläufer aus Afrika oder die Rennläufer aus dem Nahen Osten – keiner wird von ihnen bei den olympischen Winterspielen in Vancouver auf dem Siegertreppchen zu sehen sein. Wegen ihrer Exotik ziehen die chancenlosen Athleten das Publikum dennoch in ihren Bann.

Der Plan klingt im Prinzip simpel. Wenn Äthiopiens Langstreckenläufer schon in der Leichtathletik weltberühmt sind für ihre famose Ausdauer, warum sollte sich diese Fähigkeit dann nicht auch in anderen Disziplinen gewinnbringend einsetzen lassen? Im Skilanglauf zum Beispiel, meint Robel Teklemariam, 35. Die Sache hat nur einen Haken: Schnee ist in seiner afrikanischen Heimat so verbreitet wie Elefanten in Kanada.

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Dennoch ist Teklemariam zwei Wochen vor Beginn der Olympischen Spiele optimistisch geblieben, getreu seinem Motto: „Ich verfolge meinen Traum.“ In Vancouver wird der Mann mit der Rastamähne zum zweiten Mal nach 2006 sein Land bei Winterspielen repräsentieren. Vor vier Jahren war er der erste Äthiopier überhaupt, der daran teilnahm, und einer von als Exoten bestaunten Sportlern aus schneeunverdächtigen Ländern.

„Äthiopien ist eines der unterrepräsentiertesten Länder der Welt“, findet der 35-Jährige, der seit seinem zehnten Lebensjahr in den USA lebt, jedoch viel Zeit des Jahres in seinem Heimatland verbringt. Teklemariams sportliche Ziele mögen nichtig sein, sein Motiv ist es nicht: „Ich erwarte nicht, dass ich Medaillen gewinne in Vancouver“, sagt der Gründer des äthiopischen Skiverbands: „Es geht um die Zukunft, es geht darum zu zeigen, dass alles möglich ist. Wenn mir Kinder aus Äthiopien zusehen, die das realisieren, ist vielleicht eines darunter, das eines Tages die Medaille für Äthiopien gewinnt.“

Der Afrikaner Robel Teklemariam wird ebenso von einem offiziellen Olympiasponsor finanziell gefördert wie Clyde Getty, einem in jeder Hinsicht ungewöhnlichen Exoten: Er ist 48 Jahre alt, Argentinier und Freestyle-Skifahrer. Auch Gettys erste Teilnahme an den Winterspielen vor vier Jahren geriet bemerkenswert: Beim Versuch, einen Dreifachsprung zu stehen, verkalkulierte er sich, knallte bei der Landung mit dem Gesicht in den Schnee, purzelte den Hang hinunter – doch die Zuschauer feierten ihn frenetisch. Getty hatte Tränen in den Augen. Vor Rührung.

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Fakten und Zahlen der Winterspiele von Vancouver

„Das hat mich bis 2010 geführt“, sagt er heute. In Cypress Mountain, Austragungsort der Snowboard- und Freestyle-Skiwettbewerbe, soll es dem akrobatischen Senior („Ich habe noch eine Olympiateilnahme in mir“) anders gehen. Zwei Triples will er diesmal stehen und das Finale erreichen: „Das wäre meine Goldmedaille.“

Es sind diese vermeintlichen Randgeschichten, die die Spiele liebenswerter machen als das x-te Gold für einen Skandinavier oder Deutschen. In Kanada werden in zwölf Tagen Athleten aus rund 90 Nationen teilnehmen, knapp zehn mehr als 2006 in Turin. „Wintersport geht immer mehr in die Breite, immer mehr Nationen verschreiben sich ihm“, dozierte vorigen Mittwoch der Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes, Michael Vesper, vor dem Sportausschuss des Bundestags.

Verantwortlich dafür ist auch das Internationale Olympische Komitee (IOC). 1981 rief es das Hilfsprojekt „Olympic Solidarity“ ins Leben. Es soll unter anderem Athleten aus finanz- und strukturschwachen Ländern mithilfe von Stipendien den Traum von der Olympiateilnahme ermöglichen.

Für das Programm von 2009 bis 2012 zweigt das IOC dazu nach eigenen Angaben insgesamt 311 Millionen US-Dollar (rund 224 Millionen Euro) aus den Einnahmen aus Fernsehrechten ab – was eine hübsche Fußnote ist. Denn schließlich entzücken und amüsieren gerade die Geschichten der Exoten Fernsehzuschauer ganz besonders.

Gleichzeitig geht es den Herren der Ringe auch darum, die Qualität der Exoten dergestalt zu fördern, dass sie ihren arrivierten Konkurrenten nicht völlig hilflos hinterherhecheln. Schließlich sind Olympische Spiele ein Hochglanzprodukt. Ein Hauch Bizarres darf sein – aber bitte nicht zu viel. Über ein Mindestmaß an Ausscheidungskriterien – etwa die Teilnahme an einer bestimmten Zahl vorolympischer Wettbewerbe – versuchen sich IOC, Weltverbände und Nationale Olympische Komitees gegen gar zu viel Dilettantismus abzusichern.

Inwieweit diese Maßnahme Erfolg zeitigt, wird auch in Whistler Creekside, dem Austragungsort der alpinen Skiwettbewerbe, zu beobachten sein. Dort nimmt nicht nur einmal mehr der als „Schneeleopard“ berühmt gewordene Ghanaer Kwame Nkrumah-Acheampon, 35, teil, sondern unter anderen auch die erste Iranerin.

Zwar ist Marjan Kalhor, 21, Insidern bislang eher als im Grünen talentiert bekannt – bei der Grasski-WM 2005 belegte sie Rang zehn –, jedoch weist ihre Akte auch einen 60. Platz im WM-Riesenslalom von Val d’Isère 2009 aus. Den islamischen Regeln gemäß wird die Athletin nun in Kanada wieder so antreten, dass ihre Kleidung ihre Körperkonturen und auch die Haare verdeckt. Um Kalhor und andere Novizen am Steilhang vor Havarien zu bewahren, sind Starts in den risikoreichen Disziplinen Abfahrt oder Super-G nicht vorgesehen.

Für viele Exoten sind gleichwohl neben der mangelnden Fachausbildung die Finanzen der limitierende Faktor. Deshalb tummeln sich die Außenseiter weitaus seltener in kostenintensiven Disziplinen wie Ski alpin, Bob oder Rodeln. Sie bevorzugen vor allem den vergleichsweise leicht zu erlernenden und weniger teuren Skilanglauf. So wie Philip Boit.

Wenn man so will, könnte man den Kenianer einen alten Schneehasen nennen. 1998 in Nagano sorgte er bei seinem Olympiadebüt in der Loipe für Aufsehen, als er japsend als Letzter ins Ziel kam und Norwegens Legende Björn Dählie in die Arme stolperte. Die Geschichte ihrer Freundschaft ging anschließend um die Welt.

Dieses Jahr wird Boit zum vierten Mal an Winterspielen teilnehmen. Seine Bestzeit über 15 km hat der Familienvater von 47:26 Minuten auf 39:15 Minuten gedrückt. Sein persönliches Ziel? „Ich möchte mein Rennen auf einem respektablen Platz beenden, bevor ich über Rücktritt nachdenke.“ Boit ist 38.

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