Willi Lemke
"Europa League ist für Werder nur Trostpflaster"
Dienstag, 23. Februar 2010 15:46 - Von Patrick KrullDen Schwung des Sieges gegen Hertha BSC will Werder Bremen in den DFB-Pokal nehmen. Im Viertelfinale empfangen die Hanseaten 1899 Hoffenheim. Morgenpost Online sprach mit Aufsichtsratschef Willi Lemke über Bremens Schwächephase, die Verschuldung der Engländer und Sympathiewerte.

Morgenpost Online: Gegen Hertha standen die Fans zur Pause auf und applaudierten trotz des 0:0. Haben sich die Anhänger mittlerweile mit Mittelmaß abgefunden?
Willi Lemke: Sie nicht und wir auch nicht. Die Werder-Familie hält nur zusammen, wie sich das in Bremen gehört. Im Übrigen gibt uns das 2:1 gegen Hertha 100-prozentig recht.
Morgenpost Online: Inwiefern?
Lemke: Wir sind nicht verrückt geworden, haben keine Sondersitzungen gemacht und nicht Trainer sowie Manager infrage gestellt. Wir haben Thomas Schaaf und Klaus Allofs die Verantwortung übertragen, sind von den beiden überzeugt und wissen: Abgerechnet wird erst am Ende der Saison. Dann gucken wir uns an, welche Qualifikationen es für die nächste Saison gibt, wie die wirtschaftliche Entwicklung ist, wie unsere Sympathiewerte sind. Aber wir werden doch nicht die sportliche Leitung infrage stellen. Dann verlieren die Spieler jegliche Achtung und Respekt vor dem Trainer oder den jeweils handelnden Personen.
Morgenpost Online: Die Unverbrüchlichkeit von Trainer und Klub als pädagogische Maßnahme?Lemke: Bei uns wissen die Spieler, dass sie sich selber fragen müssen, was sie falsch machen. Sie selber stehen auf dem Spielfeld und nicht Herr Allofs oder Herr Schaaf.
Morgenpost Online: Dennoch muss das Ergebnis stimmen, dafür trägt jeder Verantwortung – Spieler wie sportliche Leitung.
Lemke: Keine Frage. Und natürlich bin ich daran interessiert, dass wir am Ende der Saison wieder ähnliche Erfolge zu feiern haben wie in der Vergangenheit. Daran wird man gemessen, nicht aber an einem Zwischenergebnis.
Morgenpost Online: Inwieweit ist es denn projektgefährdend, wenn zum zweiten Mal in Folge die Champions League verpasst wird, vielleicht sogar die Europa League?
Lemke: Das hat logischerweise Auswirkungen. So etwas darf bei unserem System nicht langfristig passieren. Wir haben ein zu gut besetztes und damit teuer zu bezahlendes Mannschaftsgefüge. Das ist eine Hausnummer, und diese Hausnummer kann man nur dann halten, wenn man die entsprechenden Einnahmen erzielt. Wenn die nicht da sind, werden wir die Ausgaben reduzieren müssen.
Lemke: Das können wir wohl mit einem großen Kraftakt gerade noch mal so meistern. Die Frage ist, ob wir uns über den DFB-Pokal oder die Bundesliga für die Europa League qualifizieren können. Das würde es ein kleines bisschen kompensieren.
Morgenpost Online: Könnten sie auch „ein kleines bisschen“ konkretisieren?
Lemke: Man kann die Einnahmen der Champions League nicht mit denen aus der Europa League vergleichen. Da muss man natürlich auch mal darüber nachdenken, womit es gerechtfertigt ist, dass ein derartig großes Einnahmegefälle zwischen der Champions und Europa League besteht.
Morgenpost Online: Wofür plädieren sie?
Lemke: Zu überlegen, ob es nicht zu Gunsten der Europa League korrigiert werden kann. Ich plädiere dafür, dass die Uefa eine Umverteilung vornimmt. Was sicherlich ohne Probleme möglich wäre. Die Einnahmeseite darf nicht weiter zu Lasten der Schwächeren ausgebaut und der Forderung der machtvollen Klubs nach mehr Geld nachgegeben werden. Ich glaube, dass dadurch kein Topklub Europas ins Wanken geraten würde. Die gehen doch ohnehin in einer Art und Weise mit dem Geld um, dass einem angst und bange wird. Man muss sich doch nur die Verschuldung der englischen oder spanischen Vereine anschauen. Da sind wir in Deutschland doch im Paradies.
Morgenpost Online: Würden Sie das auch sagen, wenn Werder auf Champions-League-Kurs wäre?
Lemke: Ich persönlich ja. Ob es Klubmeinung wäre, weiß ich nicht. Es nützt aber doch nichts, wenn die Spitzenklubs keine Gegner mehr haben, die halbwegs mithalten können.
Morgenpost Online: Angenommen, Werder käme durch den DFB-Pokal wieder in die Europa League: Würde das Ihrem Klub finanziell ausreichen?
Lemke: Das ist so etwas wie ein Trostpflaster. Aber das können wir verkraften. Da gehen wir nicht auf die Knie, also braucht sich auch keiner unserer Konkurrenten freuen.
Morgenpost Online: Nach unseren Informationen könnte der Kader in der jetzigen Konstellation nicht mehr finanziert werden. Richtig?
Lemke: Die Frage ist jetzt noch nicht zu beantworten, weil ich nicht sagen kann, ob wir wieder in beide Pokalfinals einziehen. Dann sieht es gut aus und wir müssten keine dramatischen Einschnitte machen. Wenn wir aber schnell aus beiden Wettbewerben rausfliegen, stellt sich die Situation völlig anders da.
Morgenpost Online: Warum gibt es diese sportlichen Wellenbewegungen an der Weser?
Lemke: Die gibt es doch in jedem Klub. Was war denn in Stuttgart in dieser Saison los? Wie sind die gestartet. Wie ist München gestartet und wo stehen sie jetzt? Das ist nicht etwas, was Werder auszeichnet. Werder hat von den wirtschaftlichen Grundvoraussetzungen nicht die Chancen, die andere haben. Wir sind keine Weltstadt, haben kaum Hinterland und kaum Sponsoren, die hier zu Hause sind. Die Ausgangssituation für die Führung des Klubs ist also viel schwieriger als in Berlin, Hamburg, Frankfurt oder München.
Morgenpost Online: Warum verkaufen sie nicht Ihr Tafelsilber. Wie wäre es mit dem Stadionnamen?Lemke: Finden Sie gut, dass ich gar nicht mehr weiß, wie das HSV-Arena oder das Stadion in Nürnberg heißt? Was ist entscheidend: zwei oder drei Millionen Euro mehr in der Kasse oder große Tradition? Ich finde es total klasse, dass das Weserstadion noch Weserstadion heißt. Das ist ein Stück unserer Identität, ein Stück Bremen und Herzensangelegenheit. Warum sind wir der sympathischste Klub Deutschlands?
Morgenpost Online: Sagen Sie es mir!
Lemke: Weil wir seit Jahrzehnten diese vernünftige Politik machen.
Erschienen am 09.02.2010


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