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08.02.10

Sexualisierte Pose

Amerika empört sich über Vonns Titelbild

Für die neueste Ausgabe der "Sports Illustrated" posierte der amerikanische Skistar Lindsey Vonn in hockender Haltung bei der Abfahrt. In Amerika wird diesen Fotos der attraktiven 25-Jährigen nun eine sexualisierte Pose unterstellt. Die Diskussion offenbart wenig Fachkunde und viel Fantasie.

Sports Illustrated/Getty Images/Sports Illustrated

Die US-Skifahrerin Lindsey Vonn ...

4 Bilder

Für gewöhnlich erfüllt die öffentliche Beachtung Lindsey Vonn, 25, mit Stolz. Sie darf sich zwar rühmen, die beste Skirennläuferin der Welt zu sein und die beste, die die USA jemals aufgewiesen haben. Nur weisen die Amerikaner leider wenig Verständnis für den Skirennlauf auf. Also erlebt Vonn eine kuriose Konstellation: Sie taugt bisher nur in Europa zum Star.

Zu den Olympischen Spielen in Vancouver könnte sich das ab Freitag ändern. Bei Forschungen nach der wahrscheinlichsten US-Heldengeschichte der Spiele landen immer mehr einheimische Medien bei Lindsey Vonn. "Olympia ist, wovon ich mein ganzes Leben lang geträumt habe", schwärmt sie.

Erstmals allerdings bringt der aufkommende Hype auch Kehrseiten zum Vorschein. Allmählich verschärft sich die Stimmung gar so sehr, dass die Nation von der wagemutigen Vonn gleich fünf Goldmedaillen erwartet, obwohl sie in den technischen Alpin-Wettbewerben wie dem Slalom nur sehr gut, aber nicht so unangefochten souverän wie in den Speed-Disziplinen ist. Vonn fühlt sich prompt an den Erwartungsdruck ihres Schwimmkollegen Michael Phelps vor Peking erinnert: "Sie phelpsen mich", klagt sie, "dabei ist es im Skirennlauf möglich, dass ich in fünf Rennen alles richtig mache und trotzdem keine Medaille gewinne."

Ausgerechnet eines der wichtigsten Zeichen der vorsichtig wachsenden Bekanntheit droht Vonn nun auch zum Bumerang zu geraten: Auf der am Montag erscheinenden Ausgabe des größten US-Fachblatts darf Vonn in der Hockposition einer alpinen Schussfahrt posieren, gekleidet in einen blauen Skianzug, die Stöcke unter dem Arm. Prompt meldet die Sportsoziologin Nicole M LaVoi von der Universität Minnesota, dem Bundesstaat aus dem Vonn selbst stammt, schwere Kritik an: "Wenn Frauen auf dem Titel von 'Sports Illustrated’ auftauchen", schimpft LaVoi, "dann tun sie es wahrscheinlicher in sexualisierten Posen und nicht in Action – das jüngste Vonn-Cover bildet da keine Ausnahme." Umgehend sorgt sich die "Huffington Post": "Vonns Foto auf dem Titel von 'Sports Illustrated’ sorgt für eine Kontroverse".

Pünktlich zu Olympia winkt Vonn, zum tragischen Opfer einer explosiven amerikanischen Mischung zu werden: Die Unkenntnis ihrer Landsleute von ihrem Sport gepaart mit der Prüderie und Doppelmoral des Landes entladen sich auf eine harmlose Skirennläuferin. Amerikas schwierige Gratwanderung zwischen der Verteidigung der absoluten Freiheit und der resoluten Beschränkung der Freizügigkeit hat schon vor Vonn zahlreiche skurrile Opfer gefordert: Vor allem konservative Christen forcieren ihren Feldzug der Prüderie.

Nur knapp entkam die Fußballspielerin Brandi Chastain der Entrüstung ihrer Landsleute, als sie vor gut zehn Jahren den Tabubruch wagte: Nachdem sie den entscheidenden Elfmeter zum Weltmeisterschaftstriumph über China verwandelt hatte, zog sie sich ausgelassen ihr Trikot über den Kopf und zeigte ihren blanken BH. Nur ein beinahe juristisch klingendes Plädoyer bewahrte sie vor Strafen: "Kurzzeitige Unzurechnungsfähigkeit."

Aus Angst vor Boykottaufrufen und dem Einnahmen schmälernden Jugendschutzvermerk verzichten amerikanische Filmproduktionen längst auf alle Risiken von Nacktheit. Noch immer bewegen Nachbeben der Nipplegate-Affäre das Land, mit dem der Super Bowl der National Football League 2004 legendär wurde: In der Halbzeitshow legte der Künstler Justin Timberlake allzu gewagt Hand an bei der Kollegin Janet Jackson. Als deren ledernes Top dem Griff zum Opfer fiel, blitzte blanker Busen auf. Da das live vor 90 Millionen Fernsehzuschauern nicht als Petitesse durchgehen durfte, sollte der Sender CBS wegen "öffentlicher Obszönität" eine Rekordbuße von einer halben Million Dollar zahlen. Das juristische Gefecht tobt bis heute.

Auch im Falle Vonns sagen Vorwürfe einer "sexuell suggestiven Pose" ("Huffington Post") mehr über die Fantasie der Betrachter als ein Vergehen des Stars. Sogar in den USA, die gerade ihren größten aller Sporthelden, den Golfprofi Tiger Woods, durch eine Sextherapie schleusen mussten, mehren sich Stimmen, die für mehr Aufklärung kämpfen: nicht sexuell, sondern sportfachlich. Zu Olympia soll das Volk lernen, was auf Ski hockende Frauen tatsächlich signalisieren: nicht das Ende der Keuschheit, sondern den Anfang der Raserei.

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