Vertragsverlängerung
Das Ultimatum des DFB bringt Löw auf die Palme
Dass der DFB ihm und seinem Team Mitte der Woche einen Vertrag vorlegte, mit der Bedingung sich innerhalb von 48 Stunden dafür oder dagegen zu entscheiden, verärgerte Bundestrainer Joachim Löw extrem: "Ich habe immer alles dem sportlichen Erfolg untergeordnet. Da lasse ich mir kein Ultimatum stellen."
Von Patrick Krull
Im Warschauer Kulturpalast kam es am Sonntag zu einer grotesken Situation. Bundestrainer Joachim Löw musste sich nach der Auslosung der Qualifikationsgegner für die Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine zu Kontrahenten äußern, obwohl er ab Juli gar nichts mehr zu sagen haben könnte. Löw hatte Losglück, seinem Team wurden mit der Türkei, Österreich, Belgien, Kasachstan und den von Berti Vogts betreuten Aserbaidschanern lösbare Aufgaben gestellt. "Ob ich dann aber noch Bundestrainer sein werde, wird man sehen. Mal gucken, was die Zeit bringt", sagte Löw.
Nach den vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) abgebrochenen Verhandlungen über eine Verlängerung des nach der WM in Südafrika im Sommer auslaufenden Vertrages hat er seine Zukunft sogar selbst in Frage gestellt. Er könne noch nicht sagen, ob er nach der WM weitermachen wolle. "Das muss man mal sehen, ob wir dann gefragt werden. Und ob wir auch zu Gesprächen bereit sind. Wir hatten uns alles schon anders vorgestellt und auch gewünscht", sagte Löw. Allen Friedensbekundungen zum Trotz ging das Säbelrasseln nämlich weiter.
Jede Aussprache zwischen Löw und Präsident Theo Zwanziger als Verhandlungsführer des DFB wird als harmonisches Miteinander dargestellt, es folgt kurz danach aber immer ein donnernder Nachhall. Das kennzeichnet das Miteinander – oder Gegeneinander. Wenn der eine Fehler einräumte, hämmerte der andere oben drauf. Das Verhältnis ist offensichtlich zerrüttet, das Vertrauen aufgebraucht.
Zur Auslosung erschien Löw mit Teammanager Oliver Bierhoff, Zwanziger kam erst später. Schon beim Flug von Frankfurt zur EM-Auslosung nach Warschau hatten es Zwanziger und Löw geschafft, "während des gesamten Fluges kein Wort miteinander zu reden", beobachtete "Bild". Mittlerweile wird der Disput zwischen dem Löw-Lager und Zwanzigers DFB so offen ausgetragen, wie die Vertragsinhalte durch Indiskretionen an die Öffentlichkeit gelangten. Vor der WM, das stellt Löw klar, werde es "auf keinen Fall" ein weiteres Vertragsgespräch geben. Das habe er Zwanziger verdeutlicht.
Löw sagte: "Was mich persönlich irritiert, ist, dass manche Dinge an die Öffentlichkeit gekommen sind, die intern am Tisch besprochen wurden. Ich fühlte mich wie vor den Kopf gestoßen." Er meint das Vetorecht, das Teammanager Oliver Bierhoff für sich bei der Bestellung eines neuen Bundestrainers eingefordert hatte. Bierhoff hatte von Löw Prokura für die Verhandlungen bekommen. Er soll unter anderem auch einen millionenteuren Unterschriftenbonus für die neuen Verträge gefordert haben.
Für den DFB ist der unbequeme Bierhoff anscheinend die Wurzel des Übels. Zwanziger skizziert, es habe beim ersten Gespräch mit Löw Mitte Dezember keine Anzeichen für gravierende Unterschiede gegeben. "Die gab es erst, als Oliver Bierhoff in einem Gespräch Mitte Januar neue Fakten geschaffen hat, indem er uns Entwürfe für völlig neue Verträge präsentiert hat. Wir wollten verlängern, doch wir wollten keinen neuen Vertrag machen", sagte er.
Was gefordert wurde, wäre einer nahezu autonome Einheit innerhalb des DFB gleichgekommen, mit Löw und Bierhoff an der Spitze. Zwanziger stellt klar, dass so eine Machtkonzentration außerhalb des Präsidiums nicht infrage kommt. "Ich hätte dann drei oder vier Anträge auf Satzungsänderung beim nächsten Bundestag stellen müssen. Diese offensive Ausdehnung der Kompetenzen wäre mit den Grundsätzen des DFB nicht vereinbar gewesen. Eine Nationalteam-GmbH mit dem DFB als Aufsichtsrat – das geht nicht", sagte er.
Auch deswegen hatte er wohl zum Gegenschlag ausgeholt. Löw, dessen Trainerteam und Bierhoff bekamen einen Vertrag mit dem Ultimatum vorgesetzt, sich innerhalb von 48 Stunden dafür oder dagegen zu entscheiden. Löw reagierte darauf allergisch. Von der Form her gemäßigt, inhaltlich aber angriffslustig, machte er am Sonntag seinem Unmut Luft. "Ich bin der Bundestrainer und ich bin seit sechs Jahren beim DFB. Ich habe immer alles dem sportlichen Erfolg untergeordnet. Da lasse ich mir kein Ultimatum stellen", sagte er. Auch stellte er klar, dass es ihn beim DFB nur mit Bierhoff an seiner Seite geben werde: "Oliver gehört selbstverständlich zu unserem Team."
"Der Übernahmeversuch ist gescheitert"
Das aber stößt auf Unverständnis, denn Bierhoff hat nach Ansicht der Fußballbranche deutlich überzogen. So sagte DFB-Präsidiumsmitglied Franz Beckenbauer in "Bild": "Auch in Zukunft darf nur das DFB-Präsidium über den Bundestrainer entscheiden und nicht der Nationalelf-Manager. Meine Meinung: Der Übernahmeversuch ist gescheitert." Falls die Situation eskalieren sollte, hält Beckenbauer sogar eine vorzeitige Trennung von Löw für möglich. " Keiner ist unentbehrlich. Es gibt auch noch andere, die es können." Der ehemalige Nationaltorwart Oliver Kahn unterstellte Bierhoff "fast eine Art Amtsmissbrauch". Kahn sagte, Bierhoffs Forderungen würden "weit außerhalb seines Kompetenzbereichs" münden. Und Günter Netzer sagte trocken: "Oliver Bierhoff hat sich maßlos überschätzt."
Bierhoff selbst verteidigte sich am Sonntag: "Es wird immer so getan, als ob ich allein vorgegangen wäre. Das stimmt überhaupt nicht. Wir haben als Team agiert, da steht Jogi voll an meiner Seite." Eine vernünftige Vorbereitung auf die WM sei durch den Eklat nicht gefährdet, behauptet Bierhoff. "Wir müssen mit der Situation professionell umgehen, auch wenn es im Sommer für uns nicht weiter geht, von welcher Seite auch immer: ob wir nicht weiter machen wollen oder der DFB das nicht will. Wir müssen alles so belassen und planen, als ob wir weiter machen."
Zweifel seien gestattet, ob das tatsächlich geht. Schon jetzt müssen für die Zeit nach der WM Pläne vom Stab der Nationalmannschaft entworfen werden, um die dann anstehende EM-Qualifikation vernünftig angehen zu können. Ist das aber mit einem DFB-Manager Bierhoff möglich, der allgemein als Buhmann ausgemacht wurde – unabhängig davon, dass er ganz im Sinne Löws handelte?
Netzer sieht Bierhoff kritisch
Netzer sieht den öffentlich immer smart auftretenden Manager äußerst kritisch. Der habe sich "verselbständigt" und nehme sich so wichtig, "wie es ihm nicht zusteht. Er ist ersetzbar!" Aus Netzers Sicht sei es überraschend, dass Löw mit Bierhoff eine Schicksalsgemeinschaft eingehe: "Was denkt sich denn diese Gruppe? Dass sie irgendwo anders bei einem Verein oder Verband einziehen, diese ganzen Forderungen wieder auf den Tisch legen und gesagt wird: Ja, wir sind froh, dass ihr hierher kommt. Macht das mal so. Das wird es nicht geben. Die müssen nicht so naiv sein und glauben, dass ihnen so etwas irgendjemand in ähnlicher Form gestattet."
Die Frage ist nur, was der DFB ihnen in Zukunft gestatten wird. Der Rahmen bis zur WM ist gesteckt, daran wird nicht mehr gerüttelt. Welche Rahmenbedingungen es danach gibt, ist für Löw jedoch von elementarer Bedeutung. Das unterstrich er am Sonntag in aller Deutlichkeit. "Stillstand möchte ich nicht. Ich möchte vorankommen. Da bedarf es manchmal harter oder schwieriger Verhandlungen. Denn wir haben auch unsere Vorstellungen. Die wollen wir auch umgesetzt sehen. Wenn ich jetzt sehe, dass wir vielleicht in den nächsten ein, zwei Jahren nicht weiter kommen, dann macht es wenig Sinn. Ich will erfolgreich sein", sagte er.
Auch für die EM 2012 in Polen und der Ukraine hat Löw klare Vorstellungen. Er erwarte, dass sich Deutschland dafür qualifizieren wird. "Natürlich sind wir neben der Türkei Favorit in dieser Gruppe." Ob er selbst Anfang September dann noch mit von der Partie sein wird, ist nach diesem Wochenende mehr als fraglich.
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