Der Streit geht weiter
Bundestrainer Löw attackiert DFB-Boss Zwanziger
Der offen ausgetragene Machtkampf zwischen Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff und Bundestrainer Joachim Löw sowie DFB-Präsident Theo Zwanziger und Generalsekretär Wolfgang Niersbach hat eine neue Qualität erreicht: Löw wirft Zwanziger die Verbreitung von Unwahrheiten vor.
Von L. Wallrodt und L. Gartenschläger
Eigentlich müssen sich die Streithähne zusammenreißen. Wie sähe es denn aus, wenn sich die Delegation des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) bei der Auslosung der Qualifikationsgruppen für die EM 2012 morgen in aller Öffentlichkeit an den Kragen gehen würde? Aber es ist schwer vorstellbar, dass sie einträchtig beieinander sitzen werden: Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff und Bundestrainer Joachim Löw auf der einen sowie DFB-Präsident Theo Zwanziger und Generalsekretär Wolfgang Niersbach auf der anderen Seite.
Zu verhärtet sind die Fronten in einem mittlerweile offen ausgetragenen Machtkampf, der am Freitag eine neue Qualität erreicht hat: Joachim Löw geht voll auf Konfrontationskurs zu Theo Zwanziger. Der 50-Jährige hat am Tag nach den abgebrochenen Gesprächen über eine Verlängerung seines im Sommer auslaufenden Vertrages dem Präsidenten indirekt vorgeworfen, die Unwahrheit gesagt sowie ihn und Bierhoff in den Verhandlungen unter Druck gesetzt zu haben.
"Ganz bewusst haben wir uns in den vergangen Wochen nicht konkret zur Vertragssituation geäußert. Umso verwunderter sind wir über die plötzlich in der Öffentlichkeit diskutierten angeblichen Vertragsdetails. Dadurch sind viele Unwahrheiten in Umlauf gekommen. Einen Handschlag-Vertrag hat es zum Beispiel nicht gegeben", hieß es in einer schriftlichen Stellungnahme Löws. Theo Zwanziger aber hatte am 17. Dezember 2009 bekannt gegeben, dass er sich mit Löw per Handschlag auf eine Vertragsverlängerung geeinigt habe.
Die Gespräche über jene waren vor zwei Tagen dann aber nach nur fünf Minuten auf einer Sondersitzung des DFB-Präsidiums abgebrochen und auf die Zeit nach der Weltmeisterschaft in Südafrika (11. Juni bis 11. Juli) verschoben worden. Die Vorstellungen beider Seiten lagen zu weit auseinander, zumal am Donnerstag auch noch pikante Details an die Öffentlichkeit gelangt waren. So soll Oliver Bierhoff für sich ein Vetorecht erbeten haben, mit dem er einen neuen Bundestrainer ablehnen kann. Auch soll er als Generalbevollmächtigter für sich und das Trainerteam einen Unterschriftsbonus für die neuen Verträge bis 2012 gefordert haben. Die Summe in Form eines Jahresgehalts sollte dem Vernehmen nach unter allen Trainern sowie Bierhoff aufgeteilt werden.
"Von unserer Seite wurde ein verhandelbarer Vorschlag vorgelegt, uns dagegen wurde ein nicht verhandelbares Angebot zugestellt, über das ich innerhalb von 48 Stunden entscheiden sollte", hieß es in Löws Erklärung weiter. Für ihn und sein Team würden Teamwork, Loyalität und Respekt an erster Stelle stehen. In diesem Sinne wolle man sich nun intensiv auf die WM in Südafrika vorbereiten. Ob das auch mit der nötigen Ruhe geschehen kann, ist 126 Tage vor Turnierstart nun mehr als fraglich.
"Da muss viel passiert sein, dass es zu so einem Eklat kommen kann", mutmaßte Bayern-Präsident Uli Hoeneß bereits in der "Bild". DFB-Generalsekretär Niersbach sprach von Dingen, die am Ende so nicht akzeptabel waren und räumte im Gespräch mit der Morgenpost Online ein, dass die Atmosphäre nun "etwas belastet" sei. Niersbach sagte aber auch: "Ich denke nicht, dass es nach dieser Entscheidung jetzt irgendwelche Probleme geben oder es Auswirkungen auf die Vorbereitung für die WM haben wird. Selbst wenn man jetzt mal kurz über Kreuz liegt: das sind alles Profis, die menschlich und fachlich in Ordnung sind." Man müsse sich keine Sorgen um die Arbeit bei der deutschen Nationalelf machen.
Wenn er sich da mal nicht täuscht. Die Diskussionen der vergangenen Tage haben eine Menge Staub aufgewirbelt und verbrannte Erde hinterlassen. Als Sieger ist aus diesem Kampf jedenfalls niemand hervorgegangen. Im Gegenteil: Die gescheiterten Verhandlungen und der Fakt, dass Interna an die Öffentlichkeit gelangt sind, haben ein zerrüttetes Innenleben offenbart. So harmonisch, wie es oftmals nach außen hin schien, geht es unter dem Dach des DFB nicht zu.
Oliver Bierhoff kündigte zwar an, im Hinblick auf eine gute WM und die dazu nötige optimale Vorbereitung nun alles ausblenden zu wollen. Doch der Druck ist immens. Löw muss das ohnehin äußerst schwierige Unternehmen, in Südafrika den Titel zu gewinnen, jetzt ohne Garantie auf Weiterbeschäftigung angehen – und steht dabei urplötzlich sogar da wie einst sein Vorgänger Jürgen Klinsmann. Der war vor der Heim-WM 2006 massiv unter Druck geraten. Nach einem 1:4 in Italien am 1. März des Jahres wurde offen die Absetzung des Reformators gefordert. Erst ein 4:1-Sieg gegen die USA drei Wochen später glättete die Wogen.
Es gilt als offenes Geheimnis, dass Klinsmann, dessen Vertrag nach der WM auslief, bei einer Niederlage gegen die Amerikaner zur Disposition gestanden hätte. Löw wiederum wird öffentliche Diskussionen nun nicht verhindern können, sollte das Länderspiel gegen Argentinien am 3. März schiefgehen. Obwohl es dahin gehend schon Rückendeckung vom Generalsekretär gibt. "Wir befürchten durch die aktuelle Entscheidung keine zusätzlichen Probleme bis zur WM. Selbst ein negatives Ergebnis gegen Argentinien kann uns von unserer Grundhaltung nicht abbringen: Wir wollen die Arbeit mit diesem Bundestrainer fortsetzen und machen unsere Einstellung zu ihm und seinem Team nicht von einem Spiel abhängig. Die Bereitschaft, mit ihm zu verlängern, ist grundsätzlich da", sagte Wolfgang Niersbach.
Hinter den Kulissen ist beim DFB dennoch von "groben taktischen Fehlern" und einem "Jahrmarkt der Eitelkeiten" die Rede. "Ich bedauere es sehr, zu dem jetzigen Zeitpunkt diese Diskussion führen zu müssen. Das ist unglücklich, und die Frage muss erlaubt sein, warum vier Monate vor der Weltmeisterschaft dieses Thema diskutiert werden muss", sagte DFB-Vorstandsmitglied Andreas Rettig. Der Manager des FC Augsburg begrüßte die Verschiebung der Verhandlungen: "Die Entscheidung kann ich nachvollziehen." Niersbach betonte unterdessen, dass die Situation den Verantwortlichen keine Angst mache: "Wir fahren ja nicht als einziges Team zur WM, bei dem nicht klar ist, wie es anschließend mit dem Trainer weiter geht."?
Die starke Position, die die Nationalelf nach der fast makellosen WM-Qualifikation hatte, haben die Beteiligten am Frankfurter Possenspiel leichtfertig aufs Spiel gesetzt. Frei nach dem Motto: Wer keine Probleme hat, macht sich welche.
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