Fussball-Bundesliga
Fünfte Pleite – Werder immer tiefer in der Krise
Bei Borussia Mönchengladbach kassierte Werder Bremen die fünfte Niederlage in Folge und muss sich wohl schon nach dem 20. Spieltag von seinen Saisonzielen verabschieden. Doch fast noch schlimmer ist, dass bei den Hanseaten offenbar niemand weiß, wie die schwere Krise zu beenden ist.
Von Roland Leroi
Vielleicht liegt in den Worten des Abtrünnigen doch eine tiefere Wahrheit begründet als zunächst angenommen. Thomas Schaaf sei der beste Trainer, den er je gehabt habe, sagte Jurica Vranjes, "als Psychologe aber ist er eine Katastrophe und menschlich für mich die größte Enttäuschung meines Lebens".
Bremens Mittelfeldspieler Vranjes sprach jene Worte, ehe er sich am Freitag für fünf Monate zu Genclerbirgli Ankara in die Türkei ausliehen ließ, und es wurde zunächst tiefer Frust über die fortgesetzte Nichtberücksichtigung hinter seiner verbalen Stichelei vermutet. Dabei gibt es seit Samstagabend tatsächlich vermehrt Diskussionen über die psychologischen Fähigkeiten des Trainers von Werder Bremen. Beim 3:4 (2:4) in Mönchengladbach spielte Schaafs Team lange Zeit unfassbar desolat und kassierte bereits die fünfte Niederlage in Folge. "Wenn man gesehen hat, wie wir uns vorbereitet haben, dann ist es schwer zu verstehen, wie so eine erste halbe Stunde zustande kommt", rätselte Schaaf nach Spielschluss. "Wir haben fast keinen Zweikampf geführt. Wenn man dem Gegner so einen Vorsprung gestattet, ist es schwierig wieder aufzuschließen."
Durch die negative Serie beträgt Werders Rückstand auf die zur Europapokal-Teilnahme berechtigenden Plätze bereits sieben Zähler, gar 14 Punkte liegt Bremen hinter dem neuen Spitzenreiter Bayern München zurück. Es sind die Daten einer handfesten Krise an der Weser, und noch weiß niemand so recht, wie sie zu beenden ist. Von den im Sommer ambitioniert formulierten Ansprüchen jedenfalls muss sich Bremen offenbar schon nach dem 20. Spieltag verabschieden. "Wir sind jetzt weit von unseren Zielen entfernt", gestand Manager Klaus Allofs. "Insofern gehen wir jetzt nicht zur Tagesordnung über. Wir haben ein katastrophales Defensivverhalten. So ist es schwierig, Spiele zu gewinnen."
Gegen die bis dato nicht durch ihre Angriffswucht aufgefallene Borussia hatte Werder 20 Minuten lang mit der Naivität einer Schülermannschaft agiert. Im Bemühen, ein rasches Tor zu erzielen, fingen sich die Bremer drei wunderbare Konter, die an die Glanzzeiten der Hausherren in den 70er-Jahren erinnerten. Zunächst nutzte Marco Reus einen Doppelpass mit Raul Bobadilla zur frühen Führung (4.). Neun Minuten später dann bediente der Argentinier seinen Sturmpartner Roberto Colautti, der aus kurzer Distanz Bremens bemitleidenswerten Keeper Tim Wiese überwand. Und schließlich traf Bobadilla für die entfesselten Jungfohlen gar noch zum 3:0 (18.), als die gesamte Bremer Abwehr inklusive Wiese nett Spalier stand.
Dabei hatte Trainer Schaaf die Seinen vor dem Gang in den Borussen-Park noch einmal eindringlich darauf hingewiesen, was ihm zuletzt bei den beiden Pleiten nach der Winterpause gegen Eintracht Frankfurt (0:1) und die Bayern (2:3) nicht gefallen hatte. "Wir haben in dieser Woche noch einmal sehr deutlich gemacht, welche Punkte wir verbessern müssen, und daran sehr intensiv und sehr effektiv gearbeitet. Ich hoffe, dass wir das jetzt auch im Spiel umsetzen können und endlich die Ergebnisse erzielen, die uns in den vergangenen Wochen gefehlt haben", sagte der Trainer.
Doch davon war zunächst nichts zu sehen, auch wenn Mesut Özil auf Pass des ehemaligen Mönchengladbachers Marko Marin den Anschlusstreffer erzielte (26.). Neun Minuten später stellte Bobadilla mit seinem zweiten Treffer den alten Abstand wieder her und erhielt anschließend für sein euphorisches Trikotausziehen die Gelbe Karte. Hoffnung verschaffte den Bremern dann noch vor der Pause der nach einer Grippe wieder genesene Claudio Pizarro, der per Flugkopfball eine feine Flanke von Aaron Hunt ins Tor beförderte (40.).
In Aufholjagden und dem Erzielen vieler Tore sind die Bremer erprobt, und so gingen sie durchaus ambitioniert in die zweiten 45 Minuten. Allein: An Durchschlagskraft im Angriff ließen sie es zunächst völlig vermissen. Zwar besaß der eingewechselte Hugo Almeida auf Flanke von Özil eine gute Gelegenheit, doch er verfehlte in leichter Rückenlage das Tor (64.). Auf der Gegenseite hätte Bobadilla fast noch seinen dritten Treffer erzielt, aber der zurückeilende Wiese erreichte den Heber des emsigen Argentiniers noch knapp vor dem Überschreiten der Torlinie (74.).
Gladbach musste noch mal zittern
Statt der erhofften Entscheidung mussten Gladbachs Anhänger unter den 48.000 dann noch mal Minuten voller Zittern überstehen. Weil Keeper Logan Bailly seinen einstigen Kollegen Marin unsanft von den Beinen holte, erhielt Bremen sechs Minuten vor dem Ende einen Elfmeter zugesprochen, den Torsten Frings sicher verwandelte.
Mehr als der Anschlusstreffer aber gelang den Bremern nicht – sie brauchen nun einen starken Trainer, vielleicht sogar einen einfühlsamen Psychologen. "Wenn sich dieses Fehlverhalten eingeschlichen hat, dauert es eine ganze Zeit, bis man das wieder rausgebracht hat", sagte Allofs. "Jetzt kommen noch andere Dinge erschwerend dazu: dass die Spieler verunsichert sind, dass sie Angst vor Niederlagen haben."
Ganz anders dagegen gestaltete sich die Gefühlswelt der Hausherren nach dem überraschenden Sieg. "In der ersten Halbzeit haben wir perfekte Konter gespielt", sagte Trainer Michael Frontzeck. "Zum Schluss wird es in solchen Spielen aber immer eng. Trotzdem ist die Mannschaft dran geblieben, und ich freue mich, dass sie mit drei Punkten belohnt wurde."
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