Ski alpin
Lindsey Vonn staunt über ihre eigene Dominanz
Nach drei Rennsiegen an diesem Wochenende rätselt die Konkurrenz: Wer soll Seriensiegerin Lindsey Vonn stoppen? Die Kombination ihrer offenkundig jederzeit abrufbaren Fähigkeiten, gepaart mit einer herausragenden Physis, macht die 25-jährige Amerikanerin nzu einer derzeit kaum zu bezwingenden Gegnerin.
Von Jens Hungermann
Manchmal hat die Ratlosigkeit ganz unterschiedliche Antlitze. Sie kann sich genervt zeigen, wie im Gesicht von Maria Riesch, der 24. im gestrigen Super-G-Rennen in Haus im Ennstal ("Ich bin ein gutes Rennen heute gefahren"). Oder sehr fröhlich, wie im Gesicht von Lindsey Vonn, der dreimaligen Siegerin innerhalb von drei Tagen.
"Keine Ahnung" habe sie, wie ihr das gelungen sei, feixte die Amerikanerin, und lieferte dann doch einen Erklärungsversuch: "Ich bin aggressiv gefahren heute, habe genau gewusst, wo ich fahren muss. Ich habe alles gegeben, alles riskiert – und bin trotzdem klug gefahren."
Es ist die Kombination dieser offenkundig jederzeit abrufbaren Fähigkeiten, gepaart mit einer herausragenden Physis, die die 25-Jährige zu einer derzeit kaum zu bezwingenden Gegnerin machen. "Da ist es wurscht, welche Ski, welche Verhältnisse sie hat, die ist im Moment wirklich unschlagbar", sagte die Deutsche Riesch am ARD-Mikrofon über ihre Freundin: "Lindsey strotzt vor Selbstvertrauen. Ich kenne das ansatzweise von meiner Slalomform voriges Jahr. Da fährt man einfach runter, alles geht so leicht. Es läuft einfach."
Gelingt es Vonn, Form und Fitness in den nächsten gut 30 Tagen bis zum Start der Winterspiele in Vancouver zu konservieren, wird es keine wahrscheinlichere Goldmedaillensammlerin geben als sie. Schon fragte der US-Fernsehsender NBC, der sie jüngst zur "Sportlerin des Jahrzehnts" gekürt hatte, sensationslüstern: "Könnte Vonn die Michael Phelps der Winterspiele werden?" Achtmal Gold heimste der Schwimmer 2008 in Peking ein. Schon rein rechnerisch muss Phelps’ Ski fahrendes Pendant in spe an dieser Vorgabe scheitern: wegen der Anzahl der Disziplinen (fünf) und wegen ihrer einzigen Schwäche, dem Riesenslalom, in dem sie (noch) nicht zu den Favoritinnen zu zählen ist. Aber sonst?
"Du musst nicht in Top-Fitnessform sein für Olympia", sagte Vonn am Sonntag in Österreich, "für mich, wenn ich Selbstvertrauen habe, ist alles möglich." Ein wenig scheint die Gesamtweltcupsiegerin der vergangenen beiden Winter selbst erschrocken über ihre Dominanz, die nicht einmal ein übler Sturz vor Jahreswende in Lienz brach. Da vermutete sie im ersten Augenblick eine Unterarmfraktur: "Ich fühlte mich fürchterlich und dachte: Okay, wie kann ich mit einem gebrochenen Arm Ski fahren?" Am nächsten Tag trat Vonn im Slalom mit einer Bandage an. Sie wurde 18. und juxte: "Ich glaube, ich brauche einen Tapebandsponsor."
Alles wirkt so leicht in diesen Tagen für die hochgewachsene Blondine aus Vail/Colorado, die ihrem in Dauergewinner verliebten Land die Lust auf Skirennen zurückgegeben hat. Zweimal hat sie bislang an Olympia teilgenommen, am ehesten in Erinnerung geblieben ist ein fürchterlicher Crash 2006 im Abfahrtstraining – und ihr Start 48 Stunden später. "Ich habe viel daraus gelernt", hat sie einmal gesagt, "es hat meinen Charakter gestärkt."
Seit etwa 15 Jahren sei er nun im alpinen Skizirkus unterwegs, sagt Vonns Ehemann Thomas, ein früherer Weltcupstarter für die USA, "und ich habe noch nie jemanden gesehen, der so hart arbeitet und sich so schindet wie sie, Tag für Tag". Nur durch ihre außergewöhnliche Physis ist die Amerikanerin in der Lage, die längeren Männerskier auf der Piste zu beherrschen.
Im Gesamtweltcup ist Lindsey Vonn ihren Konkurrentinnen durch das Tripel am Wochenende weiter enteilt. Maria Riesch, im ersten Abfahrtsrennen am Freitag noch Dritte, im zweiten am Samstag Siebte, hat nun als Zweite 192 Punkte Rückstand. "Es geht einfach auch um den Zweikampf mit der Lindsey", gestand die Bayerin ein, "da hänge ich ein natürlich grad ein bissl hinterher. Ich versuche, nicht zu viel daran zu denken, sondern einfach mehr ans Skifahren." Gestern verhinderte ein Flüchtigkeitsfehler kurz vor dem Ziel eine Spitzenplatzierung. Riesch haderte: "Zum Sieg hätte es wahrscheinlich nicht gereicht, aber Zweite, Dritte hätte ich schon werden können."
Milde gegenüber sich selber ist Maria Riesch eben fremd, da half auch der drollige Trost von Doppelolympiasieger und Fernsehexperte Markus Wasmeier wenig ("Solch ein Fehler kann mal passieren, wenn der Hang so hängt"). Doch mit Blick auf Vancouver sind sich Wasmeier und Riesch einig: "Das richtige Rennen musst du gewinnen. Dann denkst du über dieses hier nicht mehr nach."
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