Formel 1
Ross Brawn – Vom Superhirn zum Goldschürfer
Dienstag, 15. Dezember 2009 16:50 - Von Robert DunkerDie Geschichte hört sich an wie ein Märchen: Vor knapp einem Jahr kaufte Ross Brawn einen Rennstall zum Preis von einem englischen Pfund. Mit diesem Team wurde das Superhirn dann Weltmeister und verdiente dadurch nun rund 30 Millionen Euro. Jetzt schmückt sich Mercedes mit den Künsten des gewieften Managers.

Von den Wellen, die die spektakuläre Übernahme auslöste, bekam der Chef selbst gar nichts mit. Ross Brawn kreuzte durch den Indischen Ozean. Auf einer Yacht frönt er noch bis Anfang der Woche seiner zweiten großen Leidenschaft nach der Raserei: dem Hochseefischen.
Weltmeistermacher Brawn hasst pompöse Auftritte und jeden Anflug von Firlefanz. Mit seiner Frau Jean betreibt der Engländer, der morgen 55 Jahre alt wird, zu Hause in Henley-on-Thames eine kleine Rosenzucht. Als Chefstratege beim Formel-1-Team von Ferrari fuhr der beleibte Rennmanager meist mit einem Kombi des Mutterkonzerns Fiat vor statt mit einer roten Luxuskarosse. Und in der abgelaufenen Saison wies das Motorhome seines Rennstalls eher auf einen Schnellimbiss hin als auf den Verpflegungsbereich eines High-Tech-Labors, aus dem ein Weltmeister stammt: Kein stolzes Wappen am Eingang zu „Brawn Grand Prix“. Dahinter eine Rumpelkammer mit Kühlschränken, Ventilatoren, Campingtischen.?
Es soll ein behutsamer Übergang werden, verspricht Haug, das Team sei exzellent in Schuss. Diese Woche waren schon „unsere neuen Freunde“ (Haug) am Rennstallsitz in Stuttgart. Es gibt viel zu besprechen. Das Catering im Motorhome, die Pressearbeit, die Reisen der Mechaniker zu den Rennen, die Abstimmung zwischen der Brawns Fabrik in Brackley und der Mercedes-Motorenfiliale im nur 40 Kilometer entfernten Brixworth. „Feinjustierungen“, nennt Haug das.
Der eigentliche Sieger des Deals aber heißt Ross Brawn. Die Rendite seines Geschäfts ist ein Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde wert. Vor knapp einem Jahr kaufte Brawn den Rennstall zum Preis von einem englischen Pfund dem japanischen Autobauer Honda ab. Jetzt wird sein verbliebener Anteil am neuen Mercedes-Grand-Prix-Team auf 30 Millionen Euro geschätzt.
Dabei profilierte sich der Goldschürfer nicht nur wie in den Weltmeisterjahren bei der Scuderia als Superhirn und Chefstratege, als Tüftler und Physiker, er bewies ungeahnte Managerqualitäten. Vor einem Jahr ging es nicht nur darum, das cleverste, schnellste Auto für die WM zu kreieren. Er musste gleich einen ganzen Rennstall neu erfinden. Menschen motivieren, die um ihre Existenz bangen, sie dazu bringen, trotz aller Ungewissheit über Weihnachten Sonderschichten zu machen.?
Es wurde um den Sanierungsplan gefeilscht, es ging um die Rennfabrik mit 700 Mitarbeitern und darum, die Saison 2009 irgendwie zu meistern. Drei Wochen vor dem Auftaktrennen der Durchbruch. Honda zahlt 70 Millionen Euro, um den Rennbetrieb aufrecht zu erhalten.
Das Team sollte ursprünglich einen anderen Namen tragen als den, der auf einen eitlen Besitzer deutet. „Pure Racing“ schwebte Brawn vor, doch seine Anwältin warf plötzlich ins Brainstorming ein: „Warum nicht Brawn Grand Prix, du bist der Mann, um den es geht, Ross“. Am Anfang sei es ihm unangenehm gewesen, seinen Namen zu lesen, „erst nach und nach habe ich mich geehrt gefühlt“. In England ist er inzwischen ein Volksheld, ein ehemaliger Angestellter der Atomenergiebehörde, der es als Schrauber des Williams-Teams zum Weltmeistermacher bei Ferrari und einem millionenschweren Rennstallbesitzer brachte, der Weltwirtschaftskrise zum Trotz. Er soll demnächst zum „Sir“ geadelt werden.
Mit Schumacher telefoniert
Brawn zieht an den richtigen Strippen, so wie er es Anfang der 90er Jahre schon bei Benetton erlernte. Brawn stellte Michael Schumacher jenen flotten Dienstwagen hin, der dem jungen Deutschen 1994 zu seinem ersten WM-Titel verhalf. „Ross und ich hatten tolle Zeiten zusammen, nicht nur, weil sie so erfolgreich waren“, sagt Michael Schumacher, „man kann ihm einfach trauen. Man weiß, dass er die bestmögliche Entscheidung treffen wird. Wir haben uns wirklich blind verstanden.“
Am Tag der Machtübernahme durch Mercedes gingen bei Schumachers Medienberaterin Sabine Kehm prompt die ersten Anrufe ein für eine Reaktion auf eine schöne Geschichte. Schumi im Silberpfeil, die Wiedervereinigung mit Ross Brawn nach neun gemeinsam gewonnenen Titeln.
Das wär’s, nur wollen die Fakten noch nicht so recht zusammenpassen. „Man kann ein bisschen träumen, aber nicht alle Träume gehen in Erfüllung“, sagt Norbert Haug, der zugab schon länger nicht mehr mit Schumacher telefoniert zu haben. Schumacher, der zurzeit in Amerika urlaubt und nächste Woche in Brasilien Kart fährt, ließ ausrichten, dass er sein Leben sehr genieße und eine Rückkehr sehr unwahrscheinlich sei.
Brawn, „den große Bär“, wie er im Fahrerlager liebevoll genannt wird, schwärmt immer noch Zeiten mit Schumacher. „Das waren sehr schöne Jahre, auch wenn das, was ich in diesem Jahr erlebt habe, darüber hinausgeht.“ Auch hat er noch ein Cockpit frei, denn bisher ist nur Nico Rosberg so gut wie fix. Aber Teddy Brawn kann auch ungemütlich werden. Jenson Button stauchte er am Telefon zusammen, weil der neue Weltmeister unerlaubt im Hause der Konkurrenz verhandelte und nach Brawns Predigt bei McLaren unterschrieb. Einen Weltmeister vor die Tür setzen, das kann sich nur Brawn erlauben.Erschienen am 26.11.2009


Versicherungen
Gesundheitstests
Hotelsuche
Abo
Stadtplan
epaper
Archivsuche
Zeitung Heute
RSS
Newsticker
Video
TV-Programm
Events
Kino
Wetter
Gehaltsrechner
Börse
Branchenbuch
Kredit und Zinsen
Europa
Krankenkassen
Hilfe
Handelsregister
Leserbrief
Kontakt
Mobilportal
iPhone-/iPad-Apps
Heizölvergleich