Leichtathletik
Weltmeisterin Nerius trainiert einen Weltmeister
Montag, 4. Januar 2010 16:38 - Von Sebastian ArltIm August beendete Steffi Nerius als Speerwurf-Weltmeisterin in Berlin ihre Karriere. Aber dem Sport ist die 37-Jährige erhalten geblieben. Die Diplomsportlehrerin trainiert in Leverkusen behinderte Leichtathleten – mit Erfolg. Und der soll sich auch bei der WM im indischen Bangalore wieder einstellen.

Mathias Mester ärgert sich. „Oh Mann!“, flucht er. Enttäuscht schaut er dem flatternden Diskus hinterher, den er ins Netz geworfen hat. Doch seine Trainerin muntert ihn auf: „Der war doch gut.“ Mester lacht: „Wenn du das sagst…“
Es geht locker zu beim abendlichen Training in der Leichtathletikhalle von Bayer Leverkusen. Mit Blick auf seine Trainerin sagt Mester: „Das ist super. Wer wird schon von einer Weltmeisterin trainiert?“ Seine Trainerin heißt Steffi Nerius (37), hat als Speerwerferin Medaillen bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften gewonnen – und vor drei Monaten nach dem sensationellen Titelgewinn bei der WM in Berlin ihre aktive Karriere beendet. „Sie ist ein echtes Vorbild für mich“, sagt Mester.
Nerius lässt nicht locker: „Los, noch ein bisschen dehnen, aber richtig.“ Mester schlappt zu einer Gymnastikmatte. „Na Kleiner, biste in Form?“, wird er von einem anderen Athleten gefragt. Die Antwort kommt sofort: „Logisch“, sagt der kleine Mann. Mathias Mester ist nur 1,42 Meter groß, 23 Jahre alt – und bei den Kleinwüchsigen Weltmeister im Diskuswerfen, Kugelstoßen und Speerwurf. In allen drei Disziplinen hält er in seiner Wettkampfklasse den Weltrekord. „Es ist ein schönes Gefühl, erfolgreich zu sein“, gibt er zu, „für mein Selbstbewusstsein bringt mir das sehr viel.“ Er bezeichnet sich als „ziemlich ehrgeizig“.Mester fühlt sich anerkannt, nicht belächelt. Dem Sport sei Dank: „Da kann ich zeigen, was ich drauf habe. Die Leute respektieren meine Leistungen.“ Im Sport kann Mester Grenzen überwinden: „Da nehme ich jede Hürde.“ Im täglichen Leben sieht es nicht selten anders aus: „Das fängt ja schon beim Einkaufen an.“
Nach dem goldenen Wurf in Berlin, ihrem „krönenden Karriere-Abschluss“, wie sich Nerius ausdrückt, hat sie gleich bei Mester angerufen, den sie seit 2005 betreut: „So Matze, ich habe vorgelegt, jetzt bist du dran.“ Seit Montag laufen die Leichtathletik-Wettkämpfe bei den Behinderten-Weltmeisterschaften in Bangalore/Indien (bis 2. Dezember). Mit vier Athleten aus ihrer zehnköpfigen Trainingsgruppe ist Nerius dabei. Der fröhliche Mester, der zurzeit bei Bayer eine Ausbildung zum Bürokaufmann macht, ist das Aushängeschild. Er fühlt sich vor Beginn seiner Wettkämpfe „topfit und optimal vorbereitet“. Und er hat nur ein Ziel: „Ich will natürlich alle drei Titel verteidigen.“Nerius braucht Aktion
Seit 2002 ist die Diplomsportlehrerin Steffi Nerius in der Behindertensport-Abteilung von Bayer als Trainerin angestellt, immer Teilzeit neben ihrer eigenen aktiven Karriere. Die Weltklasseathletin Nerius sagt: „Dieses Kapitel meines Lebens ist abgeschlossen.“ Seit dem 1. Oktober 2009 hat die 37-Jährige eine volle Stelle übernommen. „Jetzt kann ich mich ganz auf meinen Job konzentrieren.“
Wehmut ist bisher keine aufgekommen nach dem Karriereende. „Null Motivation“ habe sie, sich noch einmal zu schinden. Zurzeit habe sie „keine Lust, mich überhaupt zu bewegen“. Außer, wenn die begeisterte Fußballerin zweimal in der Woche mit anderen Leichtathleten kickt. „Ich stelle hohe Ansprüche an die Athleten“, charakterisiert sie sich als Trainerin. „Diejenigen, die hier als Behinderte Leistungssport betreiben, wollen gefordert und gefördert werden“, an ihre Grenzen gehen. „Und sie wollen vor allem nicht bedauert werden.“
Von daher mache es in psychischer Hinsicht auch keinen Unterschied, ob man nun Sportler ohne oder mit Behinderung trainiere. Körperlich gesehen „muss ich natürlich auf die spezielle Behinderung eingehen“. Oft sei bei Übungen besondere Kreativität gefragt oder sie müsse mit einem Orthopädie-Techniker zusammenarbeiten, wenn sie Athleten mit Prothesen betreut. Berührungsängste mit Behinderten habe sie „von Anfang an nicht gehabt“.
Pünktlichkeit und Disziplin
Sehr freundschaftlich ist das Verhältnis zwischen den Athleten und ihrer Trainerin. „Aber ich kann auch laut werden.“ Gerade Pünktlichkeit und Disziplin sind ihr sehr wichtig. Mester, nie um einen flotten Spruch verlegen, weiß das: „Wenn ich zu spät komme, gibt’s einen auf den Deckel.“ Aber Nerius schränkt gleich ein: „Eigentlich kann ich dem Matze nicht lange böse sein, auch wenn er manchmal ein bisschen trantütig ist.“
Sollte Mester die vier Kilogramm schwere Kugel in Indien über die 12-Meter-Linie stoßen (sein eigener Weltrekord steht bei 11,36 m), hat sich die Trainerin als Belohnung etwas ganz Besonderes ausgedacht: „Dann putze ich dir eine Woche lang die Wohnung.“
Steffi Nerius gibt zu, als Athletin „schon sehr ungeduldig“ gewesen zu sein. Ihr ehemaliger Trainer Helge Zöllkau, dessen Ruhe und Ausgeglichenheit sie bewundert, kann ein Lied davon singen. In den vergangenen Jahren sei ihre Ungeduld, bedingt eben durch die eigene Trainertätigkeit, aber zurückgegangen, glaubt sie und fügt lachend hinzu: „Der Prozess ist jedoch noch nicht abgeschlossen.“ Steffi Nerius arbeitet jeden Tag daran.





















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