Wettskandal
Der größte Wettskandal in der Fußball-Geschichte
Freitag, 20. November 2009 23:38 - Von Udo MurasDer Wettskandal im europäischen Fußball weitet sich immer mehr aus. Auch von Frühwarnsystemen lassen sich die Betrüger nicht schrecken. Das Problem sind der unüberschaubare asiatische Markt sowie völlig absurde Wettmöglichkeiten. Und jeder aufgedeckte Skandal kurbelt das Geschäft an.

Beim VfL Osnabrück haben sie nicht schlecht gestaunt, als im Frühjahr ein langjähriger Spieler um einen Gehaltsvorschuss von rund 20.000 Euro bat. Der damalige Zweitligist war darauf nicht wirklich vorbereitet und suchte im Vereinsumfeld sogar einen Gönner für die ungewöhnliche Bitte eines Fußballprofis. Denn wenn es dieser Spezies gewöhnlich an etwas nicht mangelt, dann an Geld.
Und so ergeben die Dinge, die über Fußball-Deutschland hinaus die Nation aufrütteln, plötzlich Sinn in Osnabrück. Mindestens 32 Spiele sollen seit Januar 2009 von einer vorwiegend aus dem Ruhrgebiet und Berlin operierenden Wettmafia auf deutschem Boden manipuliert worden sein. Mindestens zwei der laut Staatsanwaltschaft Bochum vier verschobenen Zweitligaspiele, von denen die Staatsanwaltschaft Bochum berichtete, sollen die Osnabrücker bestritten und verloren haben. Das führte im Juni zum Abstieg des VfL, dessen Manager Lothar Gans sagt: „Wenn das stimmt, sind wir natürlich alle erschüttert.“
Es dürfte stimmen. Tatsache ist, dass es Augenzeugen gibt, die den Haftbefehl für einen Hintermann aus Lohne gesehen haben, der auf eine Osnabrücker Niederlage Mitte April in Augsburg mit drei Toren in Asien 150.000 Euro gesetzt haben soll. Das Spiel endete wunschgemäß 3:0. Auf dem Haftbefehl waren nach Morgenpost-Online-Informationen auch drei Osnabrücker Spielernamen erwähnt: Thomas Reichenberger, Thomas Cichon (inzwischen in Johannisburg/Südafrika beim Erstligisten Moroka Swallows) und Marcel Schuon (nun beim SV Sandhausen, bereits verhaftet) – mitsamt der jeweiligen Bestechungssummen.
Der bislang größte Wett- und Manipulationsskandal in der Geschichte des europäischen Fußballs stellt eine ganze Branche auf den Kopf. Dabei schien doch endlich Ruhe eingekehrt zu sein – eine trügerische Ruhe.
Rückblick: Als im Januar 2005 der damalige Profi-Schiedsrichter Robert Hoyzer der Wettmanipulation überführt worden war und sich ein Geflecht an Korruption nun auch im deutschen Fußball offenbarte, an dem auch zahlreiche Spieler und Funktionäre beteiligt gewesen waren, war der Aufschrei laut. Doch nach der Verhaftung der Hintermänner, zwei kroatische Betreiber des schon legendären Berliner Café King, und einer rigorosen Aufarbeitung durch den Deutschen Fußball-Bund, schien die Gefahr vorerst gebannt.
Außerdem gibt es das technische Überwachungssystem Sportradar, das täglich bis zu 8000 Sportwetten im Internet beobachtet und auffällige Quotenbewegungen erkennen kann. Bei rund 300 seriösen Wettanbietern, die kooperieren, wohlgemerkt.
Das sind die meisten in Europa, doch das Problem bleibt der asiatische Markt. Auch ein Großteil der Wetten auf die rund 200 europäischen Spiele, die seit gestern offiziell suspekt sind, wurde in Asien und dazu nach Morgenpost-Online-Informationen noch in geschlossenen Zirkeln platziert.
Etwa wie viele Einwürfe es in Zehn-Minuten-Tranchen gibt, ob der Ball während der 90 Minuten Pfosten oder Latte trifft, die Anzahl der Eckbälle, die Summe der Rückennummern aller Torschützen und weitere Absurditäten wie die vom vierten Offiziellen angezeigte Nachspielzeit. Wer als Spieler seine Instruktionen hat, muss also heutzutage keine Eigentore mehr schießen, um sich und andere reich zu machen, und kann besser unentdeckt bleiben.
Das überbordende globale Wettangebot löst so manches finanzielle Problem ganz pragmatisch. So sind Fälle in Osteuropa vorgekommen, dass Mannschaften nach einer hohen Hinspielniederlage im Europapokal im Rückspiel auf ihre eigene Niederlage gesetzt haben, um die Reisekosten zu refinanzieren. Auch aus diesem Grunde wurde beispielsweise 2008 in Europa der UI-Cup abgeschafft.
Besonders attraktiv auch für ehrliche Wetter sind die so genannten Live-Wetten während einer Partie, weil die Quoten nach Toren wie eine Wippe in die Höhe schnellen. Auch mit bedeutungslosen Testspielen lassen sich so Zigtausende verdienen. Wer vergangenen Samstag auf einen Sieg von Bundesligist Hertha BSC gegen Amateurklub Türkiyemspor setzte, als es zehn Minuten vor Schluss noch 1:2 stand, bekam bei bet365 in England das 21-fache seines Einsatzes ausbezahlt. Hertha siegte tatsächlich noch mit 3:2. Vergeblich forderte DFB-Präsident Theo Zwanziger schon 2005 die Abschaffung dieser Live-Wetten: „Wenn ein paar Betrüger entscheiden können, ob ein Ereignis wie gewettet eintritt, dann ist der Sport kaputt.“
Doch sonst geht eben ein boomendes Geschäft kaputt, das sich trotz staatlicher Ächtung auch in Deutschland seit Jahren hält und nährt. Die Kunden wetten einfach per Mouseklick im Ausland. Weltweit wurden nach einer Studie schon im Jahr 2005 rund 260 Milliarden Dollar mit Sportwetten umgesetzt. Dieses Rad ist nicht mehr zurückzudrehen – und jede aufgedeckte Manipulationsaffäre ist offenbar gut für das Geschäft. Das nämlich war eine perverse Folge des Hoyzer-Skandals: viele Kunden erkannten damals erst, was alles möglich ist im weltweiten Netz.


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