Internationaler Wettskandal
Haftbefehle gegen merere Fußballprofis
Freitag, 20. November 2009 20:03 - Von Udo MurasDie Erben von Schiedsrichter Hoyzer betrügen munter weiter: Im neuen europaweiten Wettskandal stehen gleich mehrere Spieler in Deutschland unter Verdacht. Bei den Osnabrückern Reichenberger, Cichon und Schuon sollen sogar die Summen bekannt sein, die die drei kassiert haben sollen. Auch in Würzburg wurde ein Fußballer verhaftet.

Beim VfL Osnabrück haben sie nicht schlecht gestaunt, als im Frühjahr ein langjähriger Spieler um einen Gehaltsvorschuss von rund 20.000 Euro bat. Der damalige Zweitligist war darauf nicht wirklich vorbereitet und suchte im Vereinsumfeld sogar einen Gönner für die ungewöhnliche Bitte eines Fußballprofis. Denn wenn es dieser Spezies gewöhnlich an etwas nicht mangelt, dann an Geld. Die Frage ist nur, wie sie mit den Unsummen umgeht.
Dieser Spieler, das Gerücht ging schon länger in Osnabrück, hatte eine fatale Leidenschaft: Wetten auf Fußballspiele. Die sollen ihn in die Schuldenfalle getrieben und Geldeintreiber eines illegalen Wettbüros ihn dann unter Druck gesetzt haben.
Und so machen die Dinge, die seit Freitag über Fußball-Deutschland hinaus die Nation aufrütteln, plötzlich Sinn in Osnabrück. Mindestens 32 Spiele sollen seit Januar 2009 von einer vorwiegend aus dem Ruhrgebiet und Berlin operierenden Wettmafia auf deutschem Boden manipuliert worden sein. Mindestens zwei der laut Staatsanwaltschaft Bochum vier verschobenen Zweitligaspiele, von denen die Staatsanwaltschaft Bochum am Freitag berichtete, sollen die Osnabrücker bestritten und verloren haben. Das führte im Juni zum Abstieg des VfL, dessen Manager Lothar Gans sagt: „Wenn das stimmt, sind wir natürlich alle erschüttert.“
Es dürfte stimmen. Tatsache ist, dass es Augenzeugen gibt, die den Haftbefehl für einen Hintermann aus Lohne gesehen haben, der auf eine Osnabrücker Niederlage Mitte April in Augsburg mit drei Toren in Asien 150.000 Euro gesetzt haben soll. Das Spiel endete wunschgemäß 3:0. Auf dem Haftbefehl für den Mann aus Lohne waren nach Morgenpost-Informationen auch drei Osnabrücker Spielernamen erwähnt: Thomas Reichenberger, Thomas Cichon (inzwischen in Johannisburg/Südafrika beim Erstligisten Moroka Swallows) und Marcel Schuon (nun bei Drittligist SV Sandhausen, bereits verhaftet) – mitsamt der jeweiligen Bestechungssummen. Mittlerweile hat die Polizei nach Angaben der „Osnabrücker Neuen Zeitung“ die Wohnung eines Ex-Spielers durchsucht.
"Fakt ist: Gegen Marcel Schuon wurde ermittelt und eine Hausdurchsuchung gemacht, aber es wurde kein Haftbefehl erlassen“, sagte hingegen Sandhausens Manager Tobias Gebert am Freitagabend der Deutschen Presse-Agentur. „Wir haben daraufhin mit Marcel Schuon ein persönliches Gespräch geführt, er hat uns versichert, dass er nichts gemacht hat. Ich denke, in Deutschland gilt die Unschuldsvermutung“, betonte Gebert.
Cichon jedenfalls streitet alles ab. Morgenpost Online erwischte den Fußballprofi auf dem Flughafen von Durban, wo er mit seinem Team am Sonnabend bei den Golden Arrows spielt: „Ich weiß nicht, dass gegen mich ermittelt wird. Wer mich kennt, der weiß, was los ist, damit habe ich nichts zu tun. Das ist, denke ich, reine Spekulation, ich höre davon zum ersten Mal. Ich habe wegen den Meldungen, in denen der VfL Osnabrück erwähnt wird, schon mit Matze Heidrich (ein Spieler des VfL Osnabrück, Anm. d. Red.) gesprochen, ich kann mir nicht vorstellen, dass irgend einer aus dem Verein damit zu tun hat.“
Was immer die Ermittler noch finden werden (am Freitag wurde auch der Würzburger Landesligaspieler Kristian Sprecakovic verhaftet) – der Skandal ist zurück und die Erben Hoyzers betrügen munter weiter. Auch seine damaligen Anstifter wurden ja Donnerstag in Berlin verhaftet. Dabei schien doch endlich Ruhe eingekehrt zu sein – offenbar eine trügerische.
Rückblick: Als im Januar 2005 der damalige Profi-Schiedsrichter Robert Hoyzer der Wettmanipulation überführt worden war und sich ein Geflecht an Korruption nun auch im deutschen Fußball offenbarte, an dem auch zahlreiche Spieler und Funktionäre beteiligt gewesen waren, war der Aufschrei laut. Doch nach der Verhaftung der Hintermänner, zwei kroatische Betreiber des schon legendären Berliner Cafe King, und einer rigorosen Aufarbeitung durch den Deutschen Fußball-Bund, schien die Gefahr vorerst gebannt. Seitdem werden Schiedsrichteransetzungen erst am Spieltag publiziert, enthalten Spielerverträge ein Wettverbot.
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So konnte, wie der Uefa-Funktionär Peter Limacher in Bochum erwähnte, das Monitoring gar nicht helfen. Es gibt also offiziell keine Vorwürfe an Sportradar. Dafür weiter quälende Fragen. Was hilft die Zusammenarbeit der Fußballverbände mit einem System, wenn es doch Schlupflöcher gibt?
Aber es liegt auch am Wettangebot an sich, dass so mancher auf dumme Gedanken kommt. Gab es fast hundert Jahre lang nur Ergebnistipps auf Sieg, Remis oder Niederlage, können die Kunden heute bei über 3500 deutschsprachigen Internet-Anbietern die absurdesten Dinge wetten.
Etwa wie viele Einwürfe es in Zehn-Minuten-Tranchen gibt, ob der Ball während der 90 Minuten Pfosten oder Latte trifft, die Anzahl der Eckbälle, die Summe der Rückennummern aller Torschützen und so weiter und so fort. Ein Spieler muss also heutzutage keine Eigentore mehr schießen, um sich und andere reich zu machen.
Besonders attraktiv auch für ehrliche Wetter sind die Live-Wetten während einer Partie, weil die Quoten nach Toren wie eine Wippe in die Höhe schnellen. Auch mit bedeutungslosen Testspielen lassen sich so Zigtausende verdienen. Wer vergangenen Sonnabend auf einen Sieg von Bundesligist Hertha BSC gegen Amateurklub Türkiyemspor setzte, als es zehn Minuten vor Schluss noch 1:2 stand, bekam bei bet365 in England das 21-fache wieder. Hertha siegte tatsächlich 3:2 und machte so mehr Zocker als Fans glücklich. Vergeblich forderte DFB-Präsident Theo Zwanziger schon 2005 die Abschaffung dieser Live-Wetten: „Wenn ein paar Betrüger entscheiden können, ob ein Ereignis wie gewettet eintritt, dann ist der Sport kaputt.“


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