Internationaler Wettbetrug
Größter Betrugsskandal im europäischen Fußball
Freitag, 20. November 2009 19:02Im Fußball-Wettskandal stehen rund 200 Spiele unter Manipulationsverdacht, davon 32 in Deutschland. Peter Limacher, Vertreter der Uefa, spricht vom größten Skandal in der Geschichte des europäischen Fußballs. Inzwischen wurde mehrere Fußballer festgenommen. Eine Spur führt auch nach Berlin: Das Café King war bereits in der Hoyzer-Affäre Zentrum der Betrügereien.
Der neue Wettskandal im europäischen Fußball sprengt alle bisherigen Dimensionen. Dabei ist auch Deutschland von von den Betrügereien massiv betroffen. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Bochum besteht konkreter Verdacht, dass insgesamt 32 Spiele manipuliert wurden: Vier Spiele der 2. Bundesliga, drei Spiele der 3. Liga und 18 Partien der Regionalligen, fünf Spiele der Oberligen sowie zwei U19-Begegnungen.
Insgesamt sollen mehr als 200 Spiele in neun Ländern manipuliert worden sein. Hinzu kommen mindestens drei Champions-League- und zwölf Europa-League-Spiele sowie ein Qualifikationsspiel zur U21-EM.
Betroffen sind: In Belgien 17 Spiele der 2. Liga, in der Schweiz 22 Spiele der 2. Liga und sechs Vorbereitungsspiele, in Kroatien 14 Spiele der 1. Liga, in Slowenien sieben Spiele der 1. Liga, in der Türkei 29 Spiele von der 1. Liga abwärts, in Ungarn 13 Spiele der 1. Liga, in Bosnien acht Spiele der 1. Liga, Österreich elf Spiele in der 1. und 2. Liga. Die Betrüger sollen dabei Gelder in Höhe von mindestens zehn Millionen Euro kassiert haben.
Mehrere Fußballspieler verhaftet
Nach Polizeiangaben am Freitagmittag wurden bisher 17 Personen festgenommen:15 Verdächtige seien in Deutschland und zwei in der Schweiz gefasst worden, sagte ein Ermittler auf einer Pressekonferenz in Bochum. Insgesamt habe es mehr als 50 Durchsuchungen in mehreren Ländern gegeben, darunter auch in Österreich und Großbritannien. Dabei seien umfangreiche Beweismittel sichergestellt worden, darunter auch hohe Summen Bargeld. In Deutschland konzentrierte sich die Aktion am Donnerstag auf Berlin, das Ruhrgebiet und Nürnberg.
Auch gegen drei Spieler des VfL Bochum wurden Haftbefehle erlassen: Dabei soll es sich umThomas Reichenberger, Thomas Cichon (inzwischen in Johannisburg/Südafrika beim Erstligisten Moroka Swallows) und Marcel Schuon (nun bei Drittligist SV Sandhausen, bereits verhaftet). Bei den drei Sportlern soll auch die bestechungssumme bekannt sein.
Mehr als 200 Verdächtige
Bisher beziehen sich die Ermittlungen nur auf Fußballspiele und keine anderen Sportarten. Es geht um Spiele seit Beginn dieses Jahres. Die verdeckten Ermittlungen gegen die internationale Bande laufen seit etwa einem Jahr. Der strafrechtliche Vorwurf lautet auf gewerbsmäßigen Bandenbetrug. Der Gruppe wird zur Last gelegt, Sportler, Trainer, Schiedsrichter und Offizielle aus hochrangigen europäischen Fußballligen bestochen zu haben. Gegen unterschiedlich hohe Summen sollten sie Einfluss auf den Ausgang der Spiele nehmen. Ob das in allen Fällen im Sinne der Täter gelungen ist, ist unklar.
Insgesamt werden 200 Personen verdächtigt, darunter auch Geldgeber und Strippenzieher im Hintergrund. Namen von in den Skandal verstrickter Personen und Vereine nannten die Ermittler wegen der laufenden Untersuchungen jedoch nicht. Auch wurden keine konkreten Spielbegegnungen genannt. Laut Staatsanwaltschaft ist davon auszugehen, dass sich sowohl die Zahl der Tatverdächtigen als auch die Anzahl der betroffenen Spiele durch weitere Ermittlungen weiter erhöhen wird.
Damit hat der neue Wettskandal im Fußball bisher nicht gekannte Dimensionen angenommen. „Das ist zweifellos der größte Betrugsskandal, den es im europäischen Fußball jemals gegeben hat“, sagte Peter Limacher, Leiter der Disziplinarabteilung bei der Europäischen Fußball-Union (Uefa). Da Spiele der aktuellen Europapokalsaison betroffen sind, sind Konsequenzen für den laufenden Spielbetrieb möglich. Die andauernden sport- und wettspezifisch äußerst komplizierten Ermittlungen werden weiterhin von der Uefa begleitet.
Ralf Ziegler, Polizeiführer in Bochum, sagte es gebe mehr 200 Verdächtige, mehr als 300 Polizeibeamte seien in dem Fall im Einsatz. Bei den Ermittlungen habe man eng mit der Uefa zusammengearbeitet, an den polizeilichen Ermittlungen seien unter andem das britische Scotland Yard und auch Behörden in der Schweiz und in Österreich beteiligt gewesen.
Auf die Spur kamen die Ermittler der Wettmafia durch Abhöraktionen im Umfeld der organisierten Kriminalität. Dabei habe man die entscheidenden Hinweise auf die Manipulationen im internationalen Fußball erhalten. Die Tätergruppe soll Wettgewinne in Höhe von mehreren Millionen Euro bei europäischen und asiatischen Wettanbietern erzielt haben. Dabei sollen die Anbieter nichts von den kriminellen Machenschaften gewusst haben.
Bande agierte auch von Berlin aus
Laut Staatsanwaltschaft agierte ein Teil der Verdächtigen neben Berlin auch im Ruhrgebiet. Dabei soll es sich um eine internationale Tätergruppe handeln, die seit mindestens Anfang 2009 europaweit tätig ist. Wahrscheinlich ist jedoch, dass die Bande bereits seit mehreren Jahren aktiv ist, da es sich um ein durchorganisiertes Netzwerk handelt, das nicht erst seit wenigen Monaten in diesem Ausmaß agieren könne, hieß es.
Die Bande soll von einem zentralen Kopf gesteuert werden. Ob es sich dabei um den am Donnerstag im Zuge der Fahndung in Berlin verhafteten Ante S. handelt, sagten die Ermittler nicht. Die wegen Wettbetrugs vorbestraften Brüder Ante und Milan S. waren bereits 2005 in den Fußball-Wettskandal um den damaligen BUndesliga-Schiedsrichter Robert Hoyzer involviert. Die beiden Männer hatten 2004 mehrere Spieler und Schiedsrichter, so auch Hoyzer, bestochen, damit diese Spiele zu ihren Gunsten manipulieren. Damals waren die Wett-Manipulationen vom Berliner Café King in der Charlottenburger Rankestraße ausgegangen. Am Donnerstag hatte es Hinweise gegeben, dass auch im neuerlichen Fall die Drahtzieher von dort aus agieren könnten.
Nach einem Bericht der "Neuen Osnabrücker Zeitung“ sind auch Profis aus Norddeutschland verwickelt. Wie das Blatt unter Berufung auf Informationen der Bochumer Staatsanwaltschaft berichtete, soll ein 34-jähriger Mann aus Lohne mit Hilfe zweier Spieler des VfL Osnabrück zwei Spiele aus der vergangenen Zweitliga-Saison manipuliert haben. Der Mann sei am Donnerstag verhaftet worden. Wie die "Süddeutsche Zeitung“ berichtet, haben die Ermittler den Verdacht, dass auch ein Freundschaftsspiel zwischen dem Regionalliga-Club SSV Ulm 1846 und Fenerbahce Istanbul am 14. Juli 2009 manipuliert wurde.
Hartes Durchgreifen angekündigt
Führende Fußballfunktionäre kündigten ein rigoroses Durchgreifen an. Sollten Trainer, Schiedsrichter oder Spieler der Manipulation überführt werden, werde man mit Konsequenz „alle Mittel der Sportgerichtsbarkeit ausschöpfen“, erklärte der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Theo Zwanziger am Freitag. Liga-Präsident Reinhard Rauball sagte: „Wir können nicht dulden, dass auch nur ein einziges Spiel manipuliert ist.“
Auch der Generalsekretär des europäischen Fußballverbandes Uefa, Gianni Infantino, kündigte „null Toleranz“ bei der Verfolgung von Korruption im Fußball an und erklärte, die Uefa werde die schärfsten Strafen für die Beteiligten fordern. Zugleich stellte er jedoch auch klar, dass der größte Teil der bislang rund 200 Verdachtsfälle unter die Rechtssprechung der betroffenen Nationen und ihrer Fußballverbände falle. Zugleich räumte man ein, nichts von den Manipulationen mitbekommen zu haben.


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