Neuer Wettskandal
Die Spur führt nach Deutschland
Ein neuer Wettskandal erschüttert die Fußballwelt. Eine von Berlin aus agierende Bande soll Spiele in der Türkei manipuliert haben. Aber auch in Deutschland gibt es zumindest einen Anfangsverdacht. Betrüger wetten Millionenbeträge auf laufend Spiele. Um Manipulationen im Fußball zu stoppen, will die Uefa Sportbetrug zur Straftat erklären.
Von Daniel Stolpe und Udo Muras
Wenn Behörden den Fußball zum Thema machen, droht meistens etwas Unangenehmes. In Bochum dürfte es am Freitag noch weitaus schlimmer kommen. Dort bittet die Polizei zur Pressekonferenz. Mitarbeiter des Sportwetten-Frühwarnsystems "Betradar" erwarten das Hochgehen einer sprichwörtlichen Bombe.
Konkret sollen gleich mehrere der 15 am Donnerstag festgenommenen Betrüger gestanden haben, an Spielmanipulationen mitgewirkt zu haben, verlautete aus Ermittlerkreisen. Laut dem Internetportal suedeutsche.de gebe es auch in Deutschland einen Anfangsverdacht. So sollen nach Unterlagen der Ermittler vor dem Freundschaftspiel zwischen dem SSV Ulm und dem von Christoph Daum trainierten türkischen Erstligisten Fenerbahce Istanbul (0:5) am 14. Juli "bislang unbekannte Spieler des SSV Ulm für ihre Bereitschaft zu verlieren" insgesamt einen niedrigen fünfstelligen Betrag erhalten haben.
Der international agierenden Bande werden fortgesetzte, gewerbsmäßige Wettbetrügereien zur Last gelegt. In Summe, so hieß es, erlebe der professionelle Fußball einen der größten internationalen Skandale seiner Geschichte. Dass es sich bei alldem nicht um bloße Spekulation handelt, wird daran deutlich, dass der europäische Dachverband Uefa die seit Jahresbeginn laufenden Ermittlungen nicht nur unterstützt hat, sondern heute in Person von Peter Limacher auch zugegen sein wird. Limacher ist der Leiter der Disziplinarabteilung der Uefa und als solcher unter anderem zuständig für die Bekämpfung von Spielmanipulationen durch Wettbetrug.
Aus der Zentrale des Verbandes in Nyon/Schweiz verlautete am Freitag: "Die Uefa arbeitet eng mit den deutschen Behörden zusammen und hat diesen detaillierte Angaben aus ihrem System zur Aufdeckung betrügerischer Wetten geliefert, in dessen Rahmen sämtliche Spiele der ersten und zweiten Ligen in ganz Europa überwacht und unregelmäßige Wettmuster gemeldet werden."
Als eine der Lehren aus dem so genannten Hoyzer-Skandal der Jahre 2004/05 hat die Uefa ein umfassendes Überwachungssystem auf- und seitdem immer weiter ausgebaut. So bleibt nicht einmal mehr verborgen, wenn auf einzelne Spiele der fünften englischen Liga unglaubliche 700.000 Pfund gewettet werden – und das bei nur einem einzigen Anbieter. Flächendeckend werden seit dieser Saison nicht mehr nur Spiele der diversen Europapokalwettbewerbe überwacht, sondern auch sämtliche in ersten und zweiten Ligen aller Mitgliedsländer sowie nationale Pokalspiele; insgesamt 29.000 Spiele pro Saison.
Und doch steht die Uefa dem Treiben von Klubfunktionären und Spielern kleiner Klubs bzw. in den wirtschaftlich schwächeren Ligen Ost- und Südosteuropas mitunter noch immer machtlos gegenüber. Nicht zuletzt deshalb wurde 2008 der UI-Cup abgeschafft. Die Uefa kapitulierte schlichtweg vor der kaum zu überwachenden, offensichtlichen Geldwäsche via Sportwetten.
In ihrem Feldzug gegen das Krebsgeschwür der Spielmanipulationen fehlt es der Uefa an der juristischen Handhabe, weil der Straftatbestand des "Sportbetruges" in vielen Ländern nicht gegeben ist; auch in Deutschland nicht. "Ein solches Gesetz wäre ein großer Fortschritt", sagte Limacher bereits im Juli. Um jedoch die Politik hierfür zu gewinnen, "muss es noch ein, zwei große Fälle geben". Der Uefa-Funktionär prophezeite: "Und diese werden kommen!"
Diese Aussagen legen den Verdacht nahe, dass die Uefa die Wettbetrüger, die in ihren Organisationsformen längst in den mafiösen Bereich hineinragen, bestens kennt und beobachtet – und auch gewähren lässt, ehe sie, wie nun geschehen, mit Unterstützung der Behörden mit einem Aufsehen erregenden Schlag gegen sie vorgeht.
So habe der "Hoyzer-Skandal" geholfen, Wettbetrügereien das Label des Gentlemen-Delikts zu nehmen. Auch hätten zuvor die wenigsten etwas von dem Milliardenpotenzial des asiatischen Wettmarktes mit all seinen kriminellen Energien geahnt. "Aber ein Sportverband kann nicht gegen das organisierte Verbrechen vorgehen", wirbt Limacher um mehr Unterstützung seitens der Politiker. Fälle wie der des Malaysiers William Bee Wah Lim sind nach wie vor die Ausnahme. Lim war 2007 wegen Verabredung zum gewerbs- und bandenmäßigen Betrug zu zwei Jahren und fünf Monaten Haft verurteilt worden, weil er Spiele der deutschen Regionalliga und der ersten Division Österreichs hatte verschieben wollen. Gegen 40.000 Euro Kaution kam Lim frei und ist seitdem untergetaucht.
Anzeichen dafür, dass erneut Spiele im deutschen Fußball Gegenstand von Manipulationen waren, will der DFB nicht haben – obwohl in der international angelegten Aktion die Staatsanwaltschaft Bochum federführend ist. "Die Uefa- und DFB-Frühwarnsysteme für die Überwachung des Wettmarktes haben keinerlei Erkenntnisse über Spielmanipulationen in Deutschland geliefert", sagte DFB-Mediendirektor Harald Stenger.
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