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10.11.09

Nach dem Selbstmord

Deutschland trauert um Robert Enke

Die Nachricht verbreitete sich schnell: Robert Enke, der Torhüter der deutschen Nationalelf und des Bundesligisten Hannover 96, hat sich das Leben genommen. Kollegen und Funktionäre waren schockiert über den Tod des 32-jährigen Familienvaters. Vor dem Stadion in Hannover nahmen hunderte Fans Abschied von ihrem Keeper.

Warum ausgerechnet er? Immer wieder stellten sich fassungslose Fans von Fußball-Bundesligist Hannover 96 diese quälende Frage. Eine Antwort fanden sie nicht. Tief betroffen, schweigend, mit Tränen in den Augen gedachten sie am Dienstagabend vor dem Stadion in der niedersächsischen Landeshauptstadt ihrem "Helden", nahmen Abschied von Robert Enke. Hunderte kamen. Kerzen wurden entzündet, fast schon symbolisch regnete es. "Auch der Himmel weint", sagte Andre Schneider mit stockender Stimme.

Am Abend war bekannt geworden, dass sich der 32-jährige Torhüter der Niedersachsen und des deutschen Nationalteams am frühen Abend das Leben genommen hatte. Ein Sprecher der Polizei aus Hannover sagte Morgenpost Online: "Enke hat sich in Neustadt am Rübenberge vor einen Zug geworfen." Stefan Wittke, Leiter der Pressestelle der Polizei Hannover sagte, alles deute darauf hin, dass es sich um Selbsttötung gehandelt habe. Die Tragödie ereignete sich gegen 18.25 Uhr in der Nähe von Enkes Wohnort.

Polizei gibt Details bekannt

Nach Angaben der Polizei wurde Enke von einem Regionalexpress überrollt, der zwischen Hamburg und Bremen unterwegs war. Der Zug war mit etwa 160 km/h unterwegs. Der Zugführer hatte eine Person bemerkt und den Verdacht, diese erfasst zu haben", sagte Polizeisprecher Stefan Wittke dem DSF. Es habe sich dann schnell herausgestellt, dass ein Mensch zu Tode gekommen sei. "Dann wurde rasch die Identität geklärt, und es ergab sich die traurige Gewissheit, dass es sich um Robert Enke handelt." Enke habe nur drei bis vier Kilometer von der Unglücksstelle entfernt gewohnt.

Nur etwa zehn Meter von den Gleisen entfernt sei ein unverschlossener schwarzer Mercedes-Geländewagen gefunden worden, "ein Kollege von der örtlichen Polizei bestätigte mir, dass es Enkes Wagen war", sagte Wittke. Enke hatte sein Portemonnaie auf dem Beifahrersitz liegen lassen. Ob ein Abschiedsbrief gefunden wurde, wollte Wittke nicht sagen. Auch Enkes Ehefrau habe sich später an der Unfallstelle aufgehalten.

"Ich habe die Todesnachricht erhalten", bestätigte Hannovers Präsident Martin Kind, "es ist eine furchtbare Tragödie." Das ist ganz furchtbar", sagte Kind. Er war von der Sitzung der Deutschen Fußball-Liga (DFL) zurückgekehrt und bekam am Flughafen den schockierenden Anruf. "Man rechnet mit vielem, aber nicht mit so etwas", sagte Kind. "Ich weiß nicht, warum es und wie passiert ist", sagte Kind. Der 96-Chef ist sich sicher, "dass es nichts mit Fußball zu tun hat".

Unter Schock standen auch Enkes Teamkollegen. Mike Hanke, Sergio Pinto, Arnold Bruggink – nach und nach fanden sich die Kollegen Enkes an der Spielstätte des Erstligisten ein. Zu einer Stellungnahme waren sie nicht in der Lage. Noch am Sonntag hatten sie gemeinsam mit Enke und den Fans den Nord-Klassiker gegen den Hamburger SV (2:2) bestritten.

Auch in Spanien hatte der Tod Bestürzung ausgelöst. Enkes ehemaliger Verein FC Barcelona gedachte des Verstorbenen am Dienstagabend vor dem Pokalspiel gegen den Drittligisten Cultural Leonesa im Stadion Nou Camp mit einer Schweigeminute. Im Hintergrund wurde klassische Musik eingespielt, die Spieler senkten die Köpfe. Enke stand von 2002 bis 2004 bei den Katalanen unter Vertrag.

Über das Fernsehen, Radio, Internet – die Nachricht vom plötzlichen Tod des National-Torhüters verbreitete sich in Hannover in Windeseile. Nach und nach fanden sich immer mehr Anhänger vor der 96-Geschäftsstelle ein. In Gedanken für sich oder im leisen Dialog mit den anderen gedachten sie des Verstorbenen.

"Gleich mein erster Gedanke war, wir müssen zum Stadion und eine Kerze anzünden", sagte Bettina Stümpel. Diese Tragödie zeige, wie wenig man einen Menschen manchmal kenne. Ihr Mann, seit über 30 Jahren Anhänger der "Roten", ist wie sie zutiefst geschockt. "Er war ein absoluter Sympathieträger, das ist alles unfassbar", meinte Michael Stümpel.

"Doch nicht Robert Riese, der doch nicht", versuchte auch Stefan Busse das für ihn immer noch für unmöglich Gehaltene irgendwie zu realisieren. "Der hat schon so viel weggesteckt und ist immer wieder aufgestanden. Ich kann das alles gar nicht glauben."

Enke hatte wegen einer Erkrankung, die als Bakterien-Infektion des Darmes angegeben wurde, vier Länderspiele der Nationalelf verpasst. Er war auch nicht für die beiden Länderspiele gegen Chile und die Elfenbeinküste am 14. und 18. November eingeladen worden. Löw hatte dem Hannoveraner aber deutlich signalisiert, dass er weiter ein Favorit auf die Nummer eins bei der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika sei. Torwart Enke bestritt acht Länderspiele. Sein letzter Einsatz am vergangenen Sonntag gegen den Hamburger SV (2:2) war erst der zweite nach der Zwangspause: "Das war eine verdammt lange Zeit, fast ein Viertel der Saison. Aber es war von der ersten Sekunde an wieder ein gutes Gefühl", hatte Enke danach gesagt. Enke zählte in Hannover zu den Identifikationsspielern des Vereins. Gleich nach der Todesnachricht war seine eigene Website nicht mehr zu erreichen.

"Er war labil", berichtete Kind. Das sei in der Öffentlichkeit wohl nicht aufgefallen. "Er hat das überlagert", sagte der 96- Clubchef. Der verheiratete Fußballprofi und seine Frau hatten vor drei Jahren ihre Tochter im Alter von zwei Jahren verloren, die an einem angeborenen Herzfehler litt und im Krankenhaus starb. Das Paar hatte im Mai ein heute achtmonatiges Mädchen adoptiert. "Wir sind sehr, sehr glücklich und dankbar für diesen kleinen Menschen, der in unser Leben getreten ist", sagte das Ehepaar damals in einer offiziellen Stellungnahme.

Löw und Bierhoff sind "geschockt"

Beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) wurde die Nachricht mit "tiefer Fassungslosigkeit" aufgenommen. Bundestrainer Joachim Löw und Manager Oliver Bierhoff informierten die Spieler und Betreuer am Dienstagabend in Bonn. "Wir sind alle geschockt, uns fehlen die Worte", sagte Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff. Wir sind fassungslos und voller Trauer. Unser ganzes Mitgefühl gilt der Frau von Robert Enke und seiner Familie", sagte DFB-Präsident Theo Zwanziger.

Am Samstag soll die deutsche Nationalelf in Köln gegen Chile antreten. Ob die Nationalmannschaft das Spiel bestreitet, ist noch unklar. Auch ob die Vorbereitung auf das Spiel am Mittwoch wie geplant ablaufen kann, ist ungewiss. "Wir wissen noch nicht, was am Mittwoch ist", berichtete DFB-Mediendirektor Harald Stenger. Für Mittwochmorgen (10.30 Uhr) war ursprünglich ein Training im Sportpark Nord in Bonn angesetzt, bei dem auch Kamerateams, Reporter und Fotografen zumindest am Anfang zugelassen sein sollten. Für 12.30 Uhr war bei der Deutschen Telekom in Bonn eine Pressekonferenz anberaumt.

"Ich kann die traurige Nachricht bestätigen. Robert lebt nicht mehr. Zu Einzelheiten kann ich im Moment aber nichts sagen", sagte Enkes Freund und Berater Jörg Neblung. "Alles Weitere werden wir am Mittwoch auf einer Pressekonferenz in Hannover mitteilen."

Bischöfin: "Wir werden ihn vermissen"

Landesbischöfin Margot Käßmann zeigte sich nach dem Tod von Nationaltorhüter Robert Enke tief erschüttert. "Er war ein solcher Sympathieträger! Uns alle hat gerührt, wie er mit seiner kleinen kranken Tochter und ihrem Tod umgegangen ist", sagte Käßmann. Sie bete für seine Frau und ihr kleines Adoptivkind. Möge Gott Ihnen Kraft geben in dieser so schweren Zeit. "Wir werden Robert Enke vermissen in Hannover."

Betroffen zeigte sich auch Heribert Bruchhagen, Vorstandsvorsitzender von Eintracht Frankfurt und Vorstandsmitglied der Deutschen Fußball Liga: "Mir fehlen die Worte, ich bin total schockiert. Da wird einem klar, wie unbedeutend die Scharmützel in der aufgeblasenen Bundesliga sind." Michael Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), sagte: "Ich bin erschüttert. Unser tiefstes Mitgefühl gilt seiner Familie. Das ist eine Tragödie."

Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) zeigte sich tief betroffen vom Tod Robert Enkes. "Deutschland verliert einen Ausnahmesportler und einen sensiblen Menschen, der für viele ein Vorbild war. Wir trauern um ihn und unser Mitgefühl ist bei seiner Frau, seiner Familie, seinen Angehörigen und vielen Freunden", sagte Wulff am Dienstagabend nach einer Mitteilung der Staatskanzlei.

Bei den Fans genoss Enke ein hohes Ansehen. Er war bodenständig geblieben. "Er war eine Kultfigur, er war Hannover 96", sagte Manuel Nikoleyczik, der mit seinen Freunden zum Stadion gekommen war. "Er war ein Vorbild. Ich habe ihn am Sonntag noch im Stadion gesehen. Ich kann es einfach noch nicht realisieren, dass er nicht mehr da ist", meinte der sichtlich bewegte Jonas Tute.

Quelle: BMO/dpa/sid
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