Starke Hanseaten
Werder Bremen ist diese Saison reif für den Titel
Samstag, 14. November 2009 16:53 - Von Patrick Krull und Kai Niels BogenaKaum einer der Konkurrenten hatte Werder Bremen vor der Saison ernsthaft auf dem Zettel, wenn es um das Thema Meisterschaft ging. Jetzt sind die Hanseaten seit 18 Spielen ungeschlagen und haben sich in der Spitzengruppe der Liga etabliert. Ist die Mannschaft reif für den Titel? Die Antwort lautet: ja.

Einmalige Erlebnisse zu schaffen, fällt gern mal in Werders Ressort. Sportlich sind sie die Lach- und Schießgesellschaft der Liga und an diesem Sonntag können die Bremer sogar schon vor dem Anpfiff gegen Borussia Dortmund mit etwas Kuriosem aufwarten. Eine Fähre transportiert erstmals Fans auf der Weser bis zu einem Anleger direkt hinter dem Stadion – ein Novum im Kreis der Bundesligisten.
Die Antwort ist ja. Und paradoxerweise hat dieser Umstand viel mit dem Abschied des einstigen Bremer Superstars Diego zu tun. Bei Genies wie dem zu Juventus Turin abgewanderten Brasilianer wird immer geglaubt, dass Verluste wie seiner sportlich kaum zu kompensieren sind. Den Bremern aber gelingt das stets erstaunlich gut. Sie haben in der Vergangenheit große Spieler wie Ailton, Johan Micoud oder Miroslav Klose verloren und konnten es dank geschickter Personalpolitik verschmerzen. Auch bei Diego griff dieses Instrument wieder. Mehr noch: Diegos Erben fühlen sich anscheinend von einer Last befreit – von Diego selbst.
Mesut Özil war als Erster auserkoren worden, den Spielmacher zu ersetzen. Seine Fähigkeiten ähneln in vielem dem, was Diego auf den Platz zaubern konnte. Der 21 Jahre alte Nationalspieler ist nun auch einer derjenigen, die im Loslassen von Diego einen wichtigen Faktor für den Erfolg in dieser Spielzeit sehen. „Im letzten Jahr lief gerade im Mittelfeld fast alles über ihn. Jetzt konzentriert sich nicht mehr alles nur auf eine Person, und das tut unserem Spiel gut“, sagt Özil. Sein Fazit: Weil die Offensivabteilung dank vieler Protagonisten variabler geworden sei, „werden wir auch weiterhin ganz oben mitspielen und haben eine gute Chance, Deutscher Meister zu werden.“
Kein überragendes Team in Sicht
Die Chance scheint sogar äußerst günstig zu sein. Denn zum einen ist die Konkurrenzsituation in der Spitzengruppe der Liga ähnlich ausgewogen wie in der vergangenen Saison. Ein alles überragendes Team ist noch nicht in Sicht. Zum anderen scheinen die Bremer die lange vermisste Stabilität zurückgewonnen zu haben. Im vergleichbaren Zeitraum hatten sie in der vergangenen Saison bereits 23 Gegentreffer kassiert, in dieser sind es erst neun. Aus den wilden Werderanern sind wehrhafte geworden.
Im Offensivspiel sind sie dagegen so munter wie eh und je – auch ohne Diego. Keiner gibt in der Liga mehr Torschüsse ab, und nur Dortmund kreiert mehr Großchancen (34) als Werder (33). Verantwortlich dafür zeichnen neben Özil auch Marko Marin, Aaron Hunt, zunehmend auch der zu Saisonbeginn eher defensiv agierende Tim Borowski. Die Zeiten des Alleinunterhalters im Mittelfeld sind vorüber, Werder hat das Team wieder für sich entdeckt.
Werder ist jetzt unberechenbarer
Die Mannschaft ist dadurch für den Gegner unberechenbar geworden. Trainer Thomas Schaaf weiß, was er Gutes an Diego hatte. Er weiß aber auch, was er Positives ohne ihn hat. Schaaf sagt: „Unseren Konkurrenten fällt es jetzt schwerer, weil sie sich nicht mehr in erster Linie auf eine Person fokussieren können. Einst hatten sie nur eine Dominante zu berücksichtigen, jetzt haben sie gleich ein paar davon, auf die sie sich konzentrieren und die sie bearbeiten müssen.“
Früher galt in der Liga die Faustformel: Hast du Diego im Griff, würgst du Werder ab. Heute legt die Vielzahl an offensiven Bremer Mittelfeldspielern oftmals die Konkurrenten lahm. Werder ist auf dem Platz variabler und reicher geworden, auch wenn das Schmuckstück abhandengekommen ist.
Diego bestimmte Schlagzeilen und Spielgeschehen. Er war ein Dominator, ohne böse Absichten, aber zum Teil auch erdrückend für den Rest der Bremer. Als er da war, haben sie ihn gebraucht, hingen mehr oder minder an seinem Tropf. Seit er weg ist, haben sie einen radikalen Emanzipierungsfeldzug gestartet um über ihn hinwegzukommen.
Jetzt stimmt wieder die Balance
Mit erstaunlichen Nebeneffekten, wie Trainer Schaaf ausgemacht hat. Diego habe wirklich eine große Dominanz gehabt: „Er ist ein Spieler, der jeden Ball haben wollte. Aber das gibt natürlich auch den anderen die Rechtfertigung: Na ja, der ist ja da, der wird schon was machen. Diese Rechtfertigung ist nun weggefallen. Jeder ist jetzt selbst mehr in der Verantwortung. Die Spieler genießen das und sie stellen sich dem.“ Jetzt stimme im Bremer Spiel wieder die Balance zwischen defensiver Absicherung und offensiver Ausrichtung. Aus dem Erlebnisfußball mit Diego ist ohne ihn Ergebnisfußball geworden. Mit Philipp Bargfrede ist aus dem eigenen Amateurbereich ein emsiger Arbeiter im Mittelfeld dazugekommen, mit Marin einer, der sich zusammen mit Özil die Aufgaben Diegos teilt, das Spiel kreativ und torgefährlich zu machen. Und Hunt ist am Freitag erstmals in den Kreis der Nationalmannschaft berufen worden – Werder blüht gerade in Diegos einstigem Machtbereich Mittelfeld auf.
Er war zweifelsohne wichtig für den Klub und dessen Entwicklung. Ein Spieler, der den Unterschied ausgemacht hat. Mittlerweile aber hat Werder einige, die den Unterschied ausmachen können. Es habe sich durch seinen Abgang eine Lücke aufgetan, die einige nun dankend ausfüllen, glaubt Manager Klaus Allofs. Die Bremer haben sich als Mannschaft in jedem Fall wieder eine Identität geschaffen, die vorher nahezu das Abbild eines Einzelnen war.





















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