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26.10.09

Kolumne "Nachspielzeit"

Darum ist Bremen ohne Diego ein Titelkandidat

Was vom 10. Spieltag übrig bleibt: Gewinner des aufregenden Spitzenspiels zwischen Schalke und Hamburg war Werder Bremen. Der Elf von Thomas Schaaf fehlt nach dem Sieg in Bochum nur noch ein Punkt zur Tabellenführung. Nach der katastrophalen Vorsaison und trotz Verlust des Superstars ist Werder wieder Titelkandidat.

© Reuters/REUTERS
Marko Marin of Werder Bremen celebrates with team mate Aaron Hunt after scoring against VfL Bochum during their German Bundesliga soccer match in Bochum

Viel schlechter kann ein Spiel nicht beginnen, zumal wenn der eigene Torwart kurz vor einem Vereinsrekord steht. 619 Minuten in Folge hatte Nationaltorhüter Tim Wiese keinen Treffer mehr kassiert, in Bochum aber konnte er nicht eine einzige kleine Zeigerumdrehung auf die Bestmarke Oliver Recks (641) aus dem Meisterjahr 1988 gutmachen. Denn nach nur 39 Sekunden lag Werder Bremen durch das Tor von Stanislav Sestak 0:1 zurück.

Nach dem Schlusspfiff jedoch hielt sich Wieses Ärger in Grenzen. Das 4:1 gegen den VfL Bochum war der vierte Sieg in Serie, das 15. Pflichtspiel hintereinander ohne Niederlage, nachdem die Spielzeit nicht viel schlechter hätte beginnen können: mit einer 2:3-Heimpleite gegen Eintracht Frankfurt.

Nach diesem Ergebnis, Anfang August, sahen sich all jene Skeptiker bestätigt, die nach der für Bremer Verhältnisse katastrophalen Saison 2008/2009 - trotz Pokalsieg und Erreichen des Uefa-Cup-Endspiels - das Ende der Ära Schaaf ausgerufen hatten. Tabellenplatz zehn in der Endabrechnung der Bundesliga, nach fünf Mal Champions League in Folge, lag vor allem an Werders mangelhaftem Defensivspiel, das der sture, brummige Trainer Thomas Schaaf zu verantworten hatte.

Keine drei Monate später haben die Bremer hinter Tabellenführer Bayer Leverkusen die zweitbeste Abwehr der Liga und sich fast unbemerkt auf den dritten Platz hochgearbeitet. Weil die Vereinsführung Schaaf ihr Vertrauen schenkte und ihn in Ruhe weiterarbeiten ließ, der nach gründlicher Analyse in der Sommerpause offenbar die richtige Balance zwischen Angriff und Verteidigung gefunden hat.

Die Ergebnisse sind nun unspektakulärer. Vor einem Jahr hatte Werder nach zehn Spielen ein Torverhältnis von 23:20, jetzt lautet es 20:7. Siege sind schön, aber noch schöner ist es, wenn die Null steht, findet nicht nur Torwart Wiese. Als Otto Rehhagel noch Bremen trainierte, nannte man diesen Stil "kontrollierte Offensive", aber Schaaf ist mittlerweile schon im elften Jahr Cheftrainer an der Weser und muss sich nichts mehr abgucken. Gemeinsam mit Sportdirektor Klaus Allofs geht er längst seinen eigenen Weg. Dass die beiden wissen, wie man ein Meisterteam formt, haben sie 2004 bewiesen.

Dem Superstar Diego, der Bremen nach der vergangenen Saison unbedingt verlassen wollte und jetzt für Juventus Turin zaubert, hat der stoische Schaaf nicht einziges Mal nachgetrauert, sondern ersetzt durch drei "Mini-Diegos", die Werders Variantenreichtum vermehrten haben: die U21-Europameister Mesut Özil und Marko Marin sowie Aaron Hunt. Der hochtalentierte 23-Jährige, in dieser Saison endlich wieder verletzungsfrei, erzielte in Bochum in der 9. Minute den Ausgleich und bereitete nach wunderbarem Doppelpass den 2:1-Führungstreffer von Zugang Marin (32. Minute) vor. Shootingstar Özil traf in der Schlussminute mit einem genialen Schlenzer aus dem Fußgelenk zum 4:1-Endstand.

Es geht mittlerweile sogar ohne Treffer von Torjäger Claudio Pizarro, der bis zur Dienstreise nach Bochum in 13 Einsätzen 12 Mal erfolgreich war, gegen den VfL aber leer ausging. Schütze des dritten Bremer Tores war Tim Borowski, einzig verbliebener Spieler der Meistermannschaft von 2004. Der Rückkehrer aus München war erst nach 63 Minuten für den 20-jährigen Philipp Bargfrede eingewechselt worden - weiteres Indiz für die viel versprechende Breite des Kaders - und 13 Minuten später erfolgreich, nachdem sein alter Kumpel Torsten Frings - mit 350 Partien mittlerweile erfahrenster Feldspieler der Bundesliga - einen Freistoß zu schnell für die Bochumer ausgeführt hatte.

Borowskis routinierter Abschluss entschied die Begegnung, nachdem die Bremer wie schon beim 2:2 in der Europa League bei Austria Wien, im Gefühl des sicheren Sieges und um Kraft zu sparen, weniger getan hatten als nötig - und dafür fast erneut bestraft worden wären. Einen Schuss des Bochumers Mimoun Azaouagh, der durch Werders Abwehr spaziert war, wehrte Wiese quer in der Luft mit einer Glanzparade ab (66.), wenig später rettete Bremens Schlussmann außerhalb des Strafraums mit einem fairen Kung-Fu-Tritt gegen den Ball.

Meisterschaftstaugliches Gerüst

Der regelrecht solide gewordene Wiese im Tor bildet mit den Innenverteidigern Per Mertesacker und Naldo, Kapitän Frings als Abräumer, den drei "Mini-Diegos" Özil, Marin und Hunt sowie Torjäger Claudio Pizarro das wertvolle Gerüst der Mannschaft, das um die Meisterschaft mitspielen dürfte.

Öffentlich reden werden sie in der Bremer Führungsetage darüber allerdings nicht. Nicht nur auf, sondern auch außerhalb des Spielfeldes sind die Werderaner defensiver geworden. Als guter Kaufmann darf Allofs die Ansprüche aber nicht zurückschrauben. Der Kader sei finanziell auf die Champions League ausgelegt, gibt der Sportdirektor zu.

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