Graciano Rocchigiani
"Arthur Abraham gewinnt jeden Kampf vorzeitig"
Mittwoch, 14. Oktober 2009 18:53 - Von Matthias BrzezinskiGraciano Rocchigiani gewann vor über 20 Jahren als erster deutscher den WM-Titel im Supermittelgewicht. Im interview mit Morgenpost Online spricht der 45-Jährige über die Chancen von Arthur Abraham beim am Samstag beginnenden "Super-Six-Classic", Millionenbörsen, schwache Amerikaner und lächerliche WM-Duelle.

Am 11. März 1988 demoralisierte Graciano Rocchigiani in Düsseldorf den favorisierten Amerikaner Vincent Boulware und gewann als erster deutscher Boxprofi den Weltmeistertitel im Supermittelgewicht. Zwei Jahrzehnte später arbeitet der 45-jährige Berliner als Trainer und freut sich auf das am Samstagabend in Berlin beginnende „Super-Six-Classic“. Bei dem Turnier der vermeintlich besten sechs Supermittelgewichtler der Welt trifft der Berliner Arthur Abraham (29) zunächst auf den Amerikaner Jermain Taylor (31).
Morgenpost Online: Herr Rocchigiani, wie groß ist für Sie die Wahrscheinlichkeit, dass das Turnier ohne Ärger über die Bühne geht?
Graciano Rocchigiani: Wer soll denn da Ärger machen?
Morgenpost Online: Es kann knappe Urteile geben, der eine oder andere Berufskämpfer kann sich betrogen fühlen und aussteigen.
Rocchigiani: Wie bescheuert muss denn einer sein, wenn er bei über 2,5 Millionen Dollar garantierter Börse für drei Kämpfe aussteigt.
Morgenpost Online: Niederlagen können doch aber eine Karriere verderben.
Rocchigiani: Die sechs Mann, die jetzt boxen, sind ganz weit oben. Sonst wären sie nicht dabei. Also gibt es nichts mehr zu verbauen. Es ist diesmal eben nicht so, dass Don King irgendwelche Typen nach Deutschland geschleppt hat, die in den USA Dresche beziehen und hier dann umfallen. Es gibt WM-Kämpfe, die lächerlich sind. Und es gibt andere Pseudotitel, die genauso lächerlich sind. Deswegen verliert alles andere an Wert. Eine Europameisterschaft zählt doch heute nicht viel mehr als eine Bezirksmeisterschaft, weil es zu viele Weltmeisterschaften gibt. Jetzt wird endlich mal gesiebt.
Morgenpost Online: Und wessen Arm wird Ihrer Meinung nach dem Finale gehoben?
Rocchigiani: Ich lege mich fest: Arthur Abraham wird das Turnier gewinnen. Und ich traue ihm sogar zu, jedes Mal durch K.o. zu siegen.
Morgenpost Online: Das soll ein Scherz sein bei Kontrahenten wie dem Amerikaner Taylor oder Mikkel Kessler aus Dänemark.
Rocchigiani: Taylor war mal super, ist aber über den Berg. Und Mikkel Kessler hat einen Nachteil. Er musste noch nie wirklich beweisen, dass er etwas einstecken kann.
Morgenpost Online: Auch nicht bei seiner einzigen Niederlage gegen den Waliser Joe Calzaghe?
Rocchigiani: Der hat ihn ausgeboxt, nicht brutal getroffen.
Morgenpost Online: Also Abraham. Warum er, der Neuling im Supermittelgewicht, der leichteste und kleinste Boxer? Und wer wird sein Finalgegner sein?
Rocchigiani: Arthur kann hauen und einstecken. Er hat acht Runden lang mit einem mehrfach gebrochenen Unterkiefer geboxt. Das ist tierisch. Das ist nicht zu toppen. Er kann Schmerzen im Ring offenbar wegdrücken und klingt sich aus allem aus, was nicht zum Kampf gehört. Arthur merkt, wann sein Gegner alle ist, wann er ihn abschießen kann, und dann trifft er hammerhart. Als Gegner tippe ich schon auf Kessler.
Morgenpost Online: Ist Abraham der perfekte Boxer?
Rocchigiani: Keiner ist perfekt. Das gab es noch nie und wird es nie geben. Natürlich hat er da keine Nasenbohrer vor sich. Er muss vor allem sehen, dass er den Start nicht verpennt. Wenn die Jungs frisch sind, sind sie gefährlich.
Morgenpost Online: Sie waren nicht immer ein Abraham-Anhänger.
Rocchigiani: Er hat bei ein paar Urteilen auch ein bisschen Glück gehabt. Denn verlieren ist nicht erlaubt. Das Fernsehen und die Manager wollen nur Sieger. Was wäre denn schlimm daran, mal zu verlieren, wenn man sich dann einen Titel wieder zurückholen kann. Abraham wäre da, wo er jetzt ist, selbst wenn er eine oder zwei Niederlagen hätte. Wir haben zu viele Boxer mit ach so tollen Rekorden. Und wenn der erste Gute kommt, sind sie weg vom Fenster.
Morgenpost Online: Glauben Sie, dass die Zukunft des Profiboxens in Turnieren liegt.
Rocchigiani: Als Henry Maske sein Comeback angekündigt hat, habe ich gesagt, wir sollten ein Turnier machen: Maske, Dariusz Michalczewski, Virgil Hill und ich. Damals haben manche gelacht.
Morgenpost Online: Sind Sie verärgert?
Rocchigiani: Nein, absolut nicht. Aber Turniere werden die Ausnahme bleiben.
Morgenpost Online: Welche Pläne haben Sie?
Rocchigiani: Ich werde von Duisburg wieder nach Berlin gehen. Wenn es geht noch in diesem Jahr. Ich will einfach zurück. Wir suchen Räume, so 200 bis 250 Quadratmeter groß, und wollen was Neues aufbauen.
Morgenpost Online: Sie und Ihr Bruder?
Rocchigiani: Wenn Ralf Lust hat, ist er dabei.
Erschienen am 13.10.2009


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