Logo der Berliner Morgenpost
http://www.morgenpost.de/sport/article1188084/Arthur-Abraham-verzichtet-auf-jedes-Alibi.html
twitter Facebook StudiVZ/MeinVZ
Link in E-Mail oder Instant-Message einfügen close

Boxen

Arthur Abraham verzichtet auf jedes Alibi

Weltmeister Arthur Abraham wird am Samstag in Berlin erstmals als Supermittelgewichtler in den Ring klettern. Sein Gegner ist der amerikanische Ex-Weltmeister Jermain Taylor. Bei dem Duell geht es noch um keinen Titel, dafür aber um die ideale Ausgangsposition für ein historisches Boxturnier.

Arthur Abraham (Boxweltmeister) vor Siegessäule
Foto: Reto Klar
Arthur Abraham posiert in Berlin selbstbewusst vor der Siegessäule. Seine Botschaft: Komme wer wolle - keiner kann mich schlagen.

Die Kellnerin konnte ihre Überraschung nicht verbergen, als Arthur Abraham sich „eine schöne Portion Bratkartoffeln“ zum Abendbrot bestellte. „Müssen Sie nicht hungern?“, fragte sie. Die junge Dame hat Abraham im Baltic-Hotel von Zinnowitz schon oft bedient, der deutsche Boxstar armenischer Herkunft brachte sich bereits mehrmals im Ostseebad vor wichtigen Kämpfen in Form. Die Kellnerin weiß deshalb auch um Abrahams größte Sorge während einer solchen Vorbereitung.

Bislang hatte der Preisboxer stets jede Kalorie zählen müssen, die er zu sich nimmt, Bratkartoffeln galten als Tabu. Nun aber kann er sich sein Leibgericht guten Gewissens schmecken lassen. Schließlich ist Abraham ins Supermittelgewicht aufgestiegen und darf dreieinhalb Kilogramm mehr wiegen als zuvor im Mittelgewicht, wo er den Weltmeistertitel der International Boxing Federation (IBF) in den vier Jahren zehn Mal verteidigte.

Ob Abraham, 29, der Wechsel ins Limit bis 76,203 Kilogramm auch sportlich gut bekommt, wird sich erst am Samstag zeigen, wenn er in seinem „Wohnzimmer“, wie er die Berliner O2-World nennt, erstmals als Supermittelgewichtler in den Ring klettert. Sein Gegner ist der amerikanische Ex-Weltmeister Jermain Taylor, 31. Bei dem Duell geht es noch um keinen Titel, dafür aber um die ideale Ausgangsposition für das „World Boxing Classic“– so der sperrige Titel eines historischen Turniers, das mit Abrahams Kampf eingeläutet wird.

Das Turnier ist eine Weltpremiere, etwas Vergleichbares hat es in der Boxgeschichte nie gegeben. Bis zum Sommer 2011 wollen die vermeintlich sechs besten Supermittelgewichtler ihren Superchampion küren. Außer Abraham und Taylor kämpfen der dänische WBA-Weltmeister Mikkel Kessler, der britische WBC-Champion Carl Froch sowie der amerikanische Olympiasieger Andre Ward und dessen Landsmann Andre Dirrell darum, uneingeschränkter Meister dieser Klasse zu sein. Boxerische Leckerbissen sind garantiert: Zusammen weisen die Profis 163 Siege auf, davon 119 Erfolge durch Knock-out. Kämpfe verloren haben bislang überhaupt nur Kessler (einen) und Taylor (drei).

Der Modus sieht vor, dass jeder Boxer drei Vorrundenkämpfe bestreitet. Die vier Punktbesten qualifizieren sich für die im Januar 2011 terminierten Halbfinals, wobei der Kämpfer mit den meisten Zählern gegen den Vierten des Rankings und der Zweite gegen den Dritten antritt. Der Sieger eines Vorrundenkampfes erhält zwei Punkte plus einen Zusatzzähler für einen Knock-out. Für ein Unentschieden gibt es einen Punkt.

Auf die kühne Turnieridee war Abrahams Promoter Kalle Sauerland gekommen. „Da Arthurs Möglichkeiten im Mittelgewicht ausgereizt waren, wollte ich ihm etwas ganz besonderes bieten, denn nur so ist er zu motivieren. Nach einigen schlaflosen Nächten kam mir dann dieser Einfall“, erzählt der Sohn von Boxstall-Gründer Wilfried Sauerland. Dass er mit seiner Vision beim amerikanischen Pay-Per-View-Sender Showtime auf sofortige Zustimmung stieß, „war ein großer Glücksfall“. Ohne finanzstarken TV-Partner wäre das Unternehmen niemals realisierbar.

Der frühere Vertragssender von Mike Tyson, der dem ehemaligen Schwergewichts-Champion für seine Kämpfe zweistellige Millionensummen zahlte, setzt für das Super-Six-Championat ein Budget von 50 Millionen Dollar ein. Selbst die Boxer, die nach der Vorrunde ausscheiden, danken als Multimillionäre ab. Garantierte 500?000 Dollar gibt es für den ersten, eine Million für den zweiten und 1,25 Millionen für den dritten Kampf. Für Halbfinale und Finale werden die Börsen neu verhandelt.

„Das ist seit Jahrzehnten die beste Nachricht für Boxfans“, jubelte das berühmte US-Boxmagazin „The Ring“ nach der ersten Ankündigung des Turniers, „das alles verspricht, was man von hochkalibrigem Boxen erwartet.“ Ob die Euphorie Bestand haben wird, bleibt abzuwarten. Viele Kenner des zwielichtigen Boxbusiness sind skeptisch, dass das Projekt seinen finalen Höhepunkt erleben wird. „Es gibt so viele Unwägbarkeiten Für mich wäre es ein Wunder, wenn der Plan aufgeht. Ich glaube nicht daran“, sagt US-Promotorkönig Don King und fragt: „Was passiert eigentlich, wenn ein Boxer nicht mehr mitmachen kann?“ Angeblich sei Showtime auf alle Eventualitäten vorbereitet, heißt es.

Über solche Dinge zerbricht sich Abraham nicht den Kopf. Als ihm das Turnierangebot unterbreitet wurde, zögerte er nicht mit der Zusage, obwohl er dafür seinen WM-Titel ablegen musste. Die neue Aufgabe sei eine „göttliche Fügung. Etwas Besseres“, sagt der Berliner, „hätte in meiner Situation nicht passieren können.“ Dadurch erledigten sich nicht nur die extremen und ungeliebten Hungerkuren. Er muss sich auch keine Gedanken mehr machen, gegen wen er seinen WM-Titel im Mittelgewicht überhaupt noch verteidigen soll.

Um seine Fans „nicht mit Alibigegnern zu verarschen“, wären für den unbesiegten Ex-Weltmeister im Mittelgewicht nur noch zwei Vergleiche reizvoll gewesen. Doch weder der Amerikaner Kelly Pavlik noch sein deutscher Erzrivale Felix Sturm waren trotz diverser Millionenangebote seines Managements bereit, sich ihm zu stellen.

Abraham ist als einziger der „Super Sechs“ kein angestammter Supermittelgewichtler. Er ist kleiner und besitzt eine geringere Reichweite als seine künftigen Herausforderer. „Ich gehe ein großes Risiko ein, dass weiß ich, doch ich brauche diesen Kick“, sagt er. Angst machen ihm nicht die härteren Schläge, die auf ihn einprasseln werden: „Darauf bin ich vorbereitet, im Kampf werde ich zum Tier.“

Ihn beschleicht vielmehr die Furcht vor einer Niederlage. „Ich kann im Ring nicht verlieren“, gesteht er. „Das bricht mir mein Herz.“ Letztmalig besiegt wurde er vor sieben Jahren in seinem letzten Amateurkampf. Danach habe er lange geweint. Das möchte er „nie wieder“.

Nach einer Umfrage von Showtime tippten die meisten Boxfans auf Kessler als neuen Superchampion. Ulli Wegner, Abrahams Trainer, sieht das natürlich anders. „Arthur ist so stark, er kann sich nur selber schlagen“, sagt der Boxlehrer. Er ist froh, dass sein Schützling jetzt beweisen kann, dass er der King ist, für den er sich seit Jahren hält. Wegner geht sogar soweit, dass er behauptet: Wenn Arthur siegt, wäre er ein größerer TV-Quotenbringer als die Klitschko-Brüder, der neue Liebling der Massen also. Und auf dem lukrativeren US-Markt könnte er dann um Börsen boxen, wie sie derzeit nur Manny Pacquiao und Floyd Mayweather kassieren. Unter zehn Millionen gehen die nicht mehr in den Ring.



Erschienen am 11.10.2009

Anzeige
Sport live im Ticker
Live-Ticker Frauenfußball WM
Anzeige
Die Zeitung
Premium Inhalte
Berliner Morgenpost Apps
Von unserem Partner gutefrage.net
  • Mein Ernährungs Plan + Trainingszeiten Hier ist mein Ernährungsplan da ich 16 bin und in die Schule gehe muss ich teil weiße das Regel mäßige essen von 2-3 std ...
  • Benz CLS mieten, aber wo? Wo in NRW kann ich den neuen Mercedes CLS mieten? Ich hab schon im Internet recherchiert aber nichts gefunden. Bitte um Hilfe ...
  • Formel 1 - Sehr berühmte Kurven Hallo Leute! Ich interessiere mich sehr für die Formel 1, kenne jedoch nur ziemlich wenige Namen von berühmten Kurven. Kann ...