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06.10.09

Gefeuerter Hertha-Trainer

Die Selbstdemontage des höflichen Monsieur Favre

Die private Pressekonferenz des früheren Hertha-Trainers Lucien Favre geriet zu einer Farce im Berliner Hotel "Adlon". Der Schweizer demontierte sich bei seiner Abschiedsrede selbst. Nach dieser Vorstellung dürfte es für den 51-Jährigen schwer werden, noch einmal einen Bundesligisten zu trainieren.

© dpa/DPA
Pressekonferenz Lucien Favre

Die Kulisse war erlesen. Lucien Favre (51) hatte ins "Hotel Adlon" am Brandenburger Tor geladen. Vor den Marmorwänden des Wintergartens saß der Ex-Trainer von Hertha BSC acht Tage nach seiner Beurlaubung auf dem Podium einer Pressekonferenz, zu der er privat geladen hatte.

Favre erzählte dem staunenden Publikum das Gegenteil von dem, was bisher als Meinung des Schweizer angenommen wurde. Das erste Statement lautete: "Niemand hat gegen den Trainer gespielt, inbegriffen Arne Friedrich." Um den Hauptstadt-Klub, derzeit Letzter der Liga, mache er sich keine Sorge. "Hertha wird nicht absteigen." Im nächsten Satz allerdings sprach Favre der Mannschaft die Qualität gleich wieder ab. "Eines ist klar, im Winter muss Hertha investieren. Nicht eine halbe Million Euro, sondern zehn Millionen. Es ist bemerkenswert, dass Herr Gegenbauer jetzt davon spricht (von Nachkäufen – d.R.)."

Das ist eine schallende Ohrfeige für den Klubpräsidenten. Dabei hatte Werner Gegenbauer Lucien Favre stets vorab über den kleinen Etat der verschuldeten Berliner unterrichtet.

Favre, dessen Antworten von seinem Berater Christoph Graf anmoderiert wurden, las weitere erstaunliche Statements vor, die schriftlich auf Din-A4-Zetteln vorbereitet waren. Mit dem vorzeitigen Abgang von Dieter Hoeneß habe er nicht das Geringste zu tun. "Ich habe keine Klubpolitik gemacht. Er hat mich in die Bundesliga geholt. Ich bin ihm sehr dankbar. Der Verein hat die Trennung von Dieter Hoeneß nicht verkraftet. Dieser Umstand hat meine Arbeit erschwert."

Das ist nun ein Treppenwitz. Richtig ist: Ex-Manager Hoeneß hat in seinem letzten halben Hertha-Jahr viel Zeit auf eine doppelbödige Strategie verwendet. Öffentlich wurde der damals erfolgreiche Favre gelobt, hinter den Kulissen ("Mal unter uns") aber nicht unversucht gelassen, um den Trainer in Misskredit zu bringen. Das war so, auch wenn Hoeneß das vehement bestreitet. Und das war Favre nicht verborgen geblieben, weshalb der Trainer intern mehrmals sagte, dass er nur bei Hertha bleibt, wenn Hoeneß geht. Im Sommer gewann Favre mit Gegenbauers Unterstützung diesen Machtkampf.

Favre nannte am Dienstag den Namen von Hoeneß-Nachfolger Michael Preetz nicht, stellte ihm aber indirekt ein schlechtes Zeugnis aus. "Ich habe in meiner Zeit in Berlin zu viele Kompromisse gemacht, auch im Sommer. Es war immer meine Philosophie, Spieler mit Perspektive zu verpflichten, die man gewinnbringend verkaufen kann." Dieser Hieb geht gegen den neuen Manager – und an der Realität vorbei.

Hertha hat in Nemanja Pejcinovic (21), Adrian Ramos (21), Rasmus Bengtsson (23) und Christoph Janker (24) exakt die Favre-Philosophie umgesetzt. Artur Wichniarek (32) wurde verpflichtet, weil Trainer und Manager der Meinung waren, nach den Abgängen von Marko Pantelic (30) und Andrey Voronin (30) brauche Hertha einen Routinier.

Wenn es die Absicht Favres und seiner Berateragentur war, sich am Dienstag für weitere Engagements in der Liga zu empfehlen, ist das Gegenteil gelungen. Wie heißt das Sprichwort des spätantiken Denker Boethius: "Hättest du geschwiegen, wärest du ein Philosoph geblieben."

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