Abonnenten-Login Serviceangebote der Berliner Morgenpost Specials der Berliner Morgenpost
05.10.09

Kolumne "Nachspielzeit"

Hertha BSC ist fast so schlecht wie Tasmania Berlin

Was vom 8. Spieltag übrig bleibt: Schlimmer hätte sich Trainer Friedhelm Funkel sein Debüt für Hertha BSC nicht ausmalen können. Drei unfassbare Gegentore gegen den HSV führten zur siebten Bundesliga-Niederlage der Berliner in Folge. Bei so viel Unglück muss der Tabellenletzte mit dem Allerschlimmsten rechnen.

© ddp/DDP
Hertha BSC - Hamburger SV

Die Geschichte ist eigentlich zu schlimm, um wahr zu sein. Nach sieben Jahren Abstinenz, zum Teil in der Oberliga Berlin, war Hertha BSC in die Bundesliga zurückgekehrt, pünktlich zum Jahr der deutschen Wiedervereinigung. Der Fall der Mauer hatte dem Aufsteiger zum passenden Zeitpunkt ein riesiges Fanpotenzial beschert. Die Ausgangslage für die Spielzeit 1990/91 war mindestens fantastisch, Berlin träumte davon, Deutschlands Fußball-Hauptstadt zu werden.

In Wirklichkeit jedoch glich die Saison einem Albtraum. Vom 2. bis 34. Spieltag belegte Hertha BSC konstant den letzten Tabellenplatz, gewann nur drei Spiele und verschliss dabei vier Trainer. Auf Werner Fuchs folgte zunächst Pal Csernai, danach Peter Neururer, der keines seiner elf Spiele gewinnen konnte und nach einem 3:7 bei Bayern München kurz vor Saisonende entlassen wurde, und Karsten Heine. Hertha stieg gleich wieder ab und lockte in der Zweiten Liga zunächst nur noch durchschnittlich 3000 Fans ins riesige Olympiastadion. Aus dem schlafenden Riesen war ein Komapatient geworden.

18 Jahre später blieb es Heine gestern beim 1:3 (1:3) gegen den Hamburger SV erspart, die Fortsetzung der Berliner Niederlagenserie 2009/2010 zu verantworten. Beim 0:1 in der Europa League gegen Sporting Lissabon unter der Woche fungierte der Coach von Hertha II noch als Interimstrainer, nachdem Lucien Favre das 1:5 in Hoffenheim, die sechste Bundesliga-Niederlage in Folge, zum Verhängnis geworden war. Doch dann verpflichtete Manager Michael Preetz als neuen Cheftrainer Friedhelm Funkel. Dessen Einstand hätte kaum schlimmer verlaufen können.

Zwar ging es für Hertha gut los gegen den Tabellenführer mit dem Kopfballtor von Arne Friedrich (9. Minute), das der Kapitän mit einem 150-Meter-Lauf in die Berliner Fankurve feierte. Doch mit dem Blackout von Kaka, der völlig unbedrängt den Ball über Torwart Timo Ochs hinweg zum 1:1 (23.) ins eigene Tor köpfte, begann für Funkel und alle Hertha-Liebhaber eine Horrorshow sondergleichen.

Bald darauf musste der als Ersatz für den maladen Stammkeeper Jaroslaw Drobny, Rückhalt der Vorsaison, notverpflichtete Ochs verletzt ausgewechselt werden, und Sascha Burchert kam ins Spiel. Als der 19-Jährige in seiner ersten Aktion einen Hamburger Angriff außerhalb des Strafraums mit einem Flugkopfball abwehrte, landete der Ball direkt auf dem Fuß des HSV-Kapitäns David Jarolim, der aus knapp 40 Metern volley über den zurück trabenden Burchert und den immer noch unter Schock stehenden Kaka hinweg zum 1:2 verwandelte (38.). Keine zwei Minuten später wiederholte sich die Szene. Einziger Unterschied: Diesmal traf Ze Roberto aus dem Mittelkreis zum 1:3. Drei Gegentore aus dem Nichts - so spielen Absteiger. Nach dem Schlusspfiff drehten die Fans in der Kurve den Hertha-Spielern demonstrativ den Rücken zu.

Die Euphorie des Frühjahres, als ganz Berlin nach dem Meistertitel strebte und wenigstens die Teilnahme an der Champions League Greifen nahe war, ist im grauen Alltag längst verpufft. Die Protagonisten des Aufschwungs, Lucien Favre, Dieter Hoeneß, Joe Simunic, Andrej Woronin und Marko Pantelic, sind gegangen oder gegangen worden. Das Ergebnis ist die längste Niederlagenserie in Herthas Bundesliga-Geschichte – so schlimm war es nicht einmal 1990/91. Es herrscht wieder Endzeitstimmung im Olympiastadion.

Es geht jetzt nicht nur noch um den Klassenerhalt, denn die jüngsten Spiele waren schon rufschädigend. Der wenig populäre Hauptstadtklub droht zur Lachnummer der Liga zu werden. Nicht bloß, dass die drei Gegentore gegen Hamburg in die Annalen eingingen, wie Preetz mit Galgenhumor mutmaßte, es fehlt nicht mehr viel und Hertha BSC wird in einen Topf mit dem früheren Lokalrivalen Tasmania Berlin geworfen, der schlechtesten Mannschaft der Bundesliga-Geschichte. In der Saison 1965/66 war Tasmania in die höchste Spielklasse aufgerückt, nachdem der DFB Hertha wegen unerlaubter Prämienzahlungen ausgeschlossen hatte. Mit der Tordifferenz von 15:108 und nur zwei Saisonsiegen stellte der Verein aus Berlin-Neukölln einen Negativrekord für die Ewigkeit auf, obwohl sie mit einem 2:0 gegen den Karlsruher SC gut gestartet waren.

Auch Hertha hat in dieser Spielzeit bislang nur den 1:0-Auftaktsieg gegen Hannover 96 auf der Habenseite. Nach dem Debüt Funkels, der als Trainer in Uerdingen, Duisburg, Rostock, Köln und Frankfurt vor allem und nicht immer erfolgreich im Abstiegskampf zugange war, fällt es allerdings schwer zu glauben, dass der Fußballgott der verunsicherten Berliner Mannschaft noch irgendwie gewogen ist.

Doch von einer schlechten Premiere hat sich der bodenständige Funkel in seiner Karriere nicht unterkriegen lassen. Sein allererstes Spiel als Cheftrainer verlor der heute 55-Jährige mit Bayer 05 Uerdingen gegen Hertha BSC mit 1:2, weil seine Mannschaft (u.a. mit Stephane Chapuisat, Wolfgang Rolff, Marcel Witeczek, Holger Fach) in der ersten halben Stunde zwei Elfmeter verschoss. Es war die Saison 1990/91, Uerdingen stieg ab – als Tabellenvorletzter.

Alle Bundesliga-Kolumnen finden Sie hier.

Leser-Kommentare
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
Wendig: Dieses autonome Auto deutscher Forscher ("EO") parkt selbsttätig ein und dreht dabei seine Räder um 90 Grad
Die Geisterautos sind da

Diese Autos kommen ohne Fahrer aus

Video Nachrichten mehr
Mitte Polizei sucht mit Bildern nach Angreifer vom Alex
EM 2012 Deutschland plant 10 Spiele und 10 Siege
Atemnot Elton John sagt Vegas-Konzerte ab
Spitzentreffen Immer noch keine Einigung zum Fiskalpakt
 
PromoTeaser_img.jpg
Urlaub an der See

Aktuelle Reisetipps für Ihren nächsten Deutschlandurlaub.mehr

Sommerkoll-klein.png
Sommer Trends

Lindner - Das sind die Sommer Trends 2012!mehr

bio10_onsite-teaser.jpg
Netzwerker

Für eine moderne Energieversorgung in Berlinmehr

 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Kaufberatung

Günstige Digitalkameras unter 150 Euro im Test

Habgier

Deutscher wegen Lego-Diebstahls vor US-Gericht

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote