Gefeuerter Trainer
Lucien Favre von Hertha-Spielern im Stich gelassen
Sonntag, 18. Oktober 2009 15:51 - Von D. Stolpe, U. Bremer und J. WolffDer Hauptgrund für das Scheitern des Schweizers Lucien Favre bei Hertha ist dessen zerrüttetes Verhältnis zu Arne Friedrich: Der Trainer soll ihm mitgeteilt haben, dass er ein ordentlicher Verteidiger sei, aber kein Abwehrchef. Hat der nun versucht, sich des ungeliebten Vorgesetzten zu entledigen?

Die Gesichtsfarbe war bleich, der Blick grimmig. Michael Preetz wirkte entschlossen, als er nach einem langen Tag die schwerste Entscheidung seiner kurzen Amtszeit als Geschäftsführer Sport von Hertha BSC verkündete: Der Tabellenletzte der Fußball-Bundesliga trennte sich nach sechs Niederlagen von Cheftrainer Lucien Favre (51) und dessen Assistent Harald Gämperle (41). Damit ist der vor der Saison proklamierte Neuanfang zu Ende, noch ehe er richtig begonnen hat.
Vorläufig wird das Training der Bundesliga-Mannschaft von U23-Coach Karsten Heine geleitet. Heine, der nach 1991, 1994/95 und 2007 zum vierten Mal mit den Profis arbeitet, trägt am Donnerstag beim Europa-League-Spiel in Lissabon die Verantwortung. Sein Co-Trainer heißt Christian Fiedler – der langjährige Torwart des Vereins ist seit Saisonbeginn für die Schlussmänner zuständig. Wer neuer Cheftrainer wird, ist noch offen. Gesucht wird in jedem Fall ein Mann mit Erfahrung im Abstiegskampf.
Um 13.12 Uhr verließ Favre zum letzten Mal das Vereinsgelände. Begonnen hatte es am Morgen mit einer für den Tag nach einem Spiel ungewöhnlichen Einheit. Statt die Stammspieler in der Höhenkammer regenerieren zu lassen, beorderte Lucien Favre alle gesunden Spieler zu einer 70-minütigen Einheit auf den Schenckendorff-Platz.
Später fanden verschiedene Gesprächsrunden statt. Preetz war stets dabei, Präsident Werner Gegenbauer auch, Favre und Gämperle zum Teil. Doch um 18.04 Uhr wurde das Ende des Schweizer Experimentes kommuniziert.
Bereits am Mittag hatte es einen in der Branche seltenen Vorgang gegeben. Assistent Gämperle trat vor die Journalisten und setzte zu einer Brandrede im Stile von Giovanni Trapattoni an. Es ging um etwas, das in der Szene oft negiert wird: Profis, die gegen den Trainer spielen. Gämperles Worte gipfelten in der Feststellung, einzelne Spieler hätten Hertha und Favre im Stich gelassen. Es sei zu hinterfragen, welche Interessen sie mit ihrem Verhalten verbänden. Ohne den Namen in den Mund zu nehmen, dürfte Gämperle vor allem Arne Friedrich (30) gemeint haben. Der Kapitän spielt seit Wochen, als verweigere er Hertha die Anführerschaft.Worum geht es ihm? Offiziell haben beide Seiten stets das Gegenteil beteuert. Doch die zum Ende der vergangenen Saison entstandenen Differenzen zwischen Favre und Friedrich wurden nie beseitigt, sondern mündeten in die jetzt entstandene Eskalation.
Dahinter soll ein internes Gespräch stehen. Darin, so ist zu hören, habe Favre Friedrich mitgeteilt, dass er ihn für einen ordentlichen Verteidiger halte, aber nicht für einen Abwehrchef. In Kombination mit Josip Simunic spielte Friedrich stark. Seitdem der Kroate nach Hoffenheim gewechselt ist, bestätigt Friedrich in dieser Saison in fast jedem Spiel die Beobachtung des Trainers: Die Rolle des Abwehrchefs vermag der Nationalspieler nicht auszufüllen. Selbst Teamkollege Pal Dardai stellte am Montag fest: „Wenn Arne Friedrich so weiterspielt, ist er vielleicht nicht mehr lange Nationalspieler.“Intern bei Hertha wird vermutet, dass Friedrich, mit drei Millionen Euro Topverdiener im Team, sich durch die Einschätzung Favres in den Grundfesten seines Selbstverständnisses erschüttert gefühlt habe. Man kann nur spekulieren, ob er in den letzten Wochen versucht hat, sich des ungeliebten Vorgesetzten zu entledigen.
Gämperle nahm mit seiner Wutrede die Spieler in die Verantwortung. Favre war vorab nicht eingeweiht.
Als er später von Gämperles Rede erfuhr, soll er bestürzt reagiert haben. Denn damit war das Zerwürfnis zwischen Team und Trainer offenkundig, von dem Preetz sagte: „Dass nach einer Negativbilanz, wie wir sie haben, auf beiden Seiten Enttäuschung vorherrscht, liegt in der Natur der Sache.“In jedem Fall übernimmt Karsten Heine Hertha unter komplizierten Umständen. Sein Mission ist schwer: der Mannschaft Selbstbewusstsein zu vermitteln für den Kampf um den Klassenerhalt.






















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