Untersuchung der UN
Fall Semenya – Verstoß gegen Menschenrechte?
Die 800-Meter-Weltmeisterin Caster Semenya befindet sich nach der Debatte um ihr Geschlecht in psychologischer Behandlung. Die südafrikanische Regierung will nun eine Rüge des internationalen Leichtathletik-Verbands IAAF durch die Vereinten Nationen wegen Verstoßes gegen die Menschenrechte erreichen.
Von Christian Putsch
Es ist die Zeit der Schuldzuweisungen. Am Montag reihte sich die Leichtathletik-Legende Carl Lewis (48) in die Schar derer ein, die den Umgang mit der Geschlechterdebatte um die 800-Meter-Weltmeisterin Caster Semenya kritisieren. "Es ist euer Fehler", sagte er in Richtung des südafrikanischen Leichtathletik-Verbands ASA. "Sie ist eure Athletin (...), und ihr habt euch mit dieser Angelegenheit nicht rechtzeitig auseinandergesetzt."
Doch in Semenyas Heimat hat die Debatte um Verantwortlichkeiten längst die Grenzen des Sports überschritten – und das nicht erst seit Medien vergangene Woche berichteten, die vom internationalen Leichtathletik-Verband IAAF angeordneten Tests hätten sie als Hermaphrodit, also Zwitter identifiziert. Die südafrikanische Regierung hat bei den Vereinten Nationen nun eine Untersuchung beantragt, inwieweit die Handhabung des Falls gegen die Grundsätze der Gleichberechtigung und Menschenwürde verstoßen haben. In der Angelegenheit sei gegen mindestens drei Vereinbarungen zum Schutz von Frauenrechten verstoßen worden, heißt es in dem Brief.
"Die gleiche Möglichkeit zur Teilnahme am Freizeit- und Spit-zensport ist das Recht aller Frauen und Männer", schreibt die Ministerin für Frauen, Kinder und Menschen mit Behinderungen, Noluthando Mayende-Sibiya. Laut südafrikanischem Personenregister sei Semenya eine Frau, und damit auch laut Gesetz. Der Weltverband IAAF müsse bei der Aufarbeitung der Handhabung des Tests zu "einem gewissen Grad an Transparenz" veranlasst werden, zudem kritisierte sie "das Ausmaß des Patriarchentums in der Weltgemeinschaft des Sports". Südafrika will eine Rüge des Verbands durch die UN erreichen.
Bereits zuvor hatte Präsident Jacob Zuma die Verletzung von Semenyas Privatsphäre verurteilt. Auch der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Jacque Rogge, glaubt, dass die Untersuchungen mit mehr Anonymität und Diskretion gehandhabt werden müssen. "Das ist etwas, das die tiefste Seele eines Individuums berührt", sagte der Belgier.
Semenya selbst wird derweil psychologisch betreut. Am Sonntag sagte sie ihre Teilnahme an einem 4-Kilometer-Lauf an ihrer Universität in Pretoria ab. Eine ASA-Sprecherin erklärte, die vergangenen Tage seien "extrem schwierig" für die Sportstudentin gewesen.
Immerhin: An Unterstützung in Südafrika mangelt es nicht. Wie emotional hier mitunter auf respektlose Kommentare reagiert wird, bekam am Freitag ein Moderator des Radio-Senders Kaya FM zu spüren. "DJ Phat Joe" hatte in seiner Morgenshow zum Beispiel über das Ausbleiben von Semenyas Periode spekuliert ("Sie hätte wissen müssen, dass etwas nicht zu hundert Prozent in Ordnung ist."). Es hagelte eine Flut von Beschwerden. Der Moderator wurde vom Sender auf unbestimmte Zeit suspendiert.
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