WM-Qualifikation
Löw sieht keinen Grund für Angst vor Russland
Die Leistung seiner Elf beim 4:0-Erfolg über Aserbaidschan entsprach nicht der Vorstellung von Joachim Löw. Der Bundestrainer ist aber überzeugt, dass die DFB-Auswahl das wohl entscheidende Spiel der WM-Qualifikation im Oktober beim grißen Gruppenrivalen Russland nicht verlieren wird.
Von Lars Gartenschläger
Wer es von den deutschen Fußball-Nationalspielern nicht so weit nach Hause hatte, fuhr schon in der Nacht zu Donnerstag zurück. Wer aber das Flugzeug für den Heimweg brauchte, wie etwa Michael Ballack, musste nach dem 4:0 (1:0) gegen Aserbaidschan noch bleiben. Am frühen Morgen flog der Kapitän schließlich von Hannover nach London. Mit einem guten Gefühl. "Wir haben unser Soll erfüllt", sagte der Mittelfeldspieler von Chelsea und warnte dennoch: "Wir müssen uns auf Russland gut vorbereiten. Jetzt geht es ans Eingemachte."
21 Tage sind es noch bis zum Showdown in der Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika. Deutschland, in der Gruppe 4 mit 22 Punkten auf Platz eins, muss in Moskau beim Zweiten Russland (21) ran. Für Ballack ein "definitives Endspiel" und für Bundestrainer Joachim Löw eine Partie, vor der man zwar Respekt, aber keine Angst habe. "Wir sind klar im Vorteil. Der Druck liegt viel mehr Russland."
Löw gibt sich selbstbewusst. Dabei brachten die Spiele gegen Südafrika am Samstag (2:0) und Aserbaidschan eigentlich nicht die Erkenntnis, die er sich insbesondere im Hinblick auf eine mögliche Startelf für das Spiel auf ungewohntem Kunstrasen erhofft hatte. Anstatt Hinweise für eine ideale Besetzung zu finden, steht Löw vor vielen ungeklärten Personalproblemen und einer offenen Systemfrage.
In Hannover hatte der Bundestrainer erneut auf die 4-3-3-Variante gesetzt, also mit einem zentralen Angreifer (Mario Gomez), einer hängenden Spitze (Mesut Özil) sowie den Außenstürmern Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger. Doch erst als Miroslav Klose für Gomez kam, lief es in der Offensive gut. Ob Löw auch in Russland so spielen lässt oder auf das System aus dem Hinspiel (2:1) mit zwei Spitzen zurückgreift, will er sich noch überlegen. Wichtig sei, dass man "variabel und flexibel ist. Wir werden genau abwägen", sagt Löw.
Wie auch bei der Auswahl der Kandidaten für die erste Elf. Für das Tor hatten die Verantwortlichen Robert Enke eine Einsatzgarantie für die restlichen Qualifikationsspiele gegeben. Die hervorragenden Auftritte von René Adler, der in Hannover für den kurzfristig erkrankten Enke eingesprungen war, bringen sie in einen Gewissenskonflikt. Immerhin hatte Adler schon im Hinspiel gegen die Russen grandios gehalten.
In der Innenverteidigung konnte sich kein Spieler als perfekter Nebenmann von Per Mertesacker aufdrängen. Serdar Tasci, Heiko Westermann und Arne Friedrich wussten allesamt nicht zu überzeugen. Ähnliches gilt für die linke Seite in der Viererkette. Wenn es eines Beweises bedurfte, dass Philipp Lahm dort am besten aufgehoben ist, dann war es die zweite Halbzeit gegen Aserbaidschan. Da spielte der Münchner nämlich – wie jahrelang in der Nationalelf – mal wieder dort und glänzte. Marcel Schäfer, den Löw zuletzt links ausprobiert hatte, spielte schwach. Wenn Löw Lahm wieder auf Dauer nach links beordert, muss er die rechte Seite neu besetzen. Alexander Beck wusste dort in Hannover zu überzeugen.
In Mittelfeld nur eine feste Größe
Im Angriff scheinen die Sorgen nicht so groß. Dort ist Klose wieder ein Kandidat, Gomez sowieso. Im Mittelfeld hingegen ist nur Ballack eine feste Größe. Özil bietet sich als Möglichkeit für die Spielgestaltung an, doch dann wird es schon schwierig. Sowohl Schweinsteiger, dessen Standards nach wie vor nicht gut sind, als auch Podolski müssen sich steigern. Letzterer traf zwar am Mittwoch, aber ansonsten sind beide derzeit wenig effizient.
Was manchmal vielleicht auch nur eine Frage der Einstellung ist. In Moskau jedenfalls kann es sich die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) nicht leisten nachzulassen. So wie in Hannover nach dem von Ballack verwandelten Elfmeter. Danach bewegte sich kaum noch einer. Die Spieler liefen nur noch nebenher und vermieden fast jeden Zweikampf. Das war "schlampiger Fußball" (Löw), mit dem die Mannschaft auch noch das Publikum provozierte. Zur Halbzeit gab es Pfiffe von den Anhängern, die den Spielern erstmals die Gefolgschaft verwehrten. Rund 10.000 der 45.000 Plätze waren leer geblieben.
Erst nach dem Seitenwechsel und "lauten und deutlichen Worten" des Bundestrainers besann sich das Team eines Besseren und bot eine ansprechende Leistung. Die Tore von Klose (55. und 66.) sowie Podolski (71.) waren die logische Folge und führten dazu, dass sich am Ende auch das Publikum wieder versöhnlich zeigte.
Selbst Berti Vogts, der Trainer des unterlegenen Gegners, fand trotz schwankender Leistungen seiner Landsleute lobende Worte für die deutsche Mannschaft. Der Europameistertrainer von 1996 ist absolut sicher, dass sich die Deutschen für die WM qualifizieren. "Die Mannschaft ist Top-Favorit in dieser Gruppe", sagte Vogts, der noch einmal darauf verwies, sich keine Gedanken über den Kunstrasen im Luschniki-Stadion von Moskau zu machen. Es sei Blödsinn, zu behaupten, dass man darauf nicht gut spielen könne. "Wer das sagt, sucht doch schon jetzt nach Entschuldigungen für den Fall, dass es nicht klappt."
Und selbst wenn, vier Tage nach dem Russland gibt es eine gegen Finnland noch eine Chance auf die direkte Qualifikation – oder es bleibt nur die Relegation.
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