Berliner Fussball
Hertha stellt sich gegen Bremen "zu dumm" an
Herthas Kapitän Arne Friedrich war sauer - weil Hertha sich nicht schlau genug angestellt hatte, um gegen Werder Bremen zu gewinnen. Man habe sich zu Hause auskontern lassen sagte der Berliner nach dem Spiel. Hertha ist nun auf den Relegationsplatz 16 abgerutscht.
Von Daniel Stolpe und Uwe Bremer
Eine minimale Gnadenfrist gewährte Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer noch. Vielleicht zehn Sekunden, aber das war natürlich viel zu wenig, um nun noch ein Tor zu schießen. Nach dem Wiederanpfiff war schnell Schluss. So blieb Patrick Eberts Schuss der Verzweiflung, der in der Nachspielzeit vom rechten Innenpfosten ins Netz flog, die letzte Spielszene von Bedeutung – und sein Tor zum 2:3 (0:0) zugleich der Endstand.
Wieder hat Hertha BSC in der Bundesliga verloren, schon zum dritten Mal in Folge. Tabellenplatz 16 nennt Mittelfeldspieler Maximilian Nicu "nach vier Spielen noch nicht so aussagekräftig". Und doch ist es die schlechteste Platzierung, seit Lucien Favre im Sommer 2007 Trainer von Hertha BSC geworden ist. Wäre die Saison jetzt zu Ende, müsste Hertha in der Relegation gegen den Abstieg spielen.
Trotzig nannte der Schweizer die Niederlage "unverdient", denn: "Wir hätten in Führung gehen müssen." Fehlende Cleverness stand dem im Wege. "Wir haben uns zu dumm angestellt", klagte Kapitän Arne Friedrich: "Zwei Tore sollten in einem Heimspiel normalerweise reichen, aber wir haben uns im eigenen Stadion auskontern lassen, weil wir hinten teilweise viel zu offen waren."
Vielleicht fehlte Kraft
Dabei war es auch von Berliner Seite fast eine Stunde lang ein auffallend geordnetes Spiel gewesen. Zwei taktisch geschulte Mannschaften machten sich gegenseitig die Räume eng und zwangen einander zu Fehlern. Es wurde um den Ball gekämpft und gegrätscht, doch konnte sich kaum eine Seite einen echten Vorteil verschaffen.
Der Faktor Cleverness war entscheidend. Schon am Ende der ersten Halbzeit hatte sich Hertha reihenweise in aussichtsreiche Positionen kombiniert, diese Situationen aber schlecht zu Ende gespielt. "Die letzte Konsequenz, der letzte Pass, die letzte Überzeugung" – in dieser Reihenfolge benannte Nicu die Mängel. "Vielleicht", mutmaßte er, "haben die letzten zehn Prozent Kraft und auch Einstellung gefehlt, gegen Bremen kann man sich das nicht leisten."
Mit dieser Analyse machte er sich und Kollegen zwar schlechter als sie es wirklich waren, und doch trafen Teile hiervon zu. So auch in Minute 57. Ebert schloss einen Angriff zu planlos ab, daraus entwickelte sich ein Konter über die dribbelstarken Marko Marin und Mesut Özil. Der Deutsch-Türke enteilte Steve von Bergen und schoss mit jener Klasse ein, die Berliner Spielern zuvor reihenweise gefehlt hatte – 0:1. Nach 72 Minuten rettete Linksverteidiger Nemanja Pejcinovic gegen Claudio Pizarro vor dem 0:2, weitere zwei Minuten war es soweit. Nach Marins Hereingabe drückte Tim Borowski den Ball über die Linie (74.).
Hertha drängte, die Bremer sagten Danke
Drei Tage nach der Aufholjagd in der Europa League gegen Bröndby IF, als Hertha aus einem 0:1 noch ein 3:1 machte, setzten sich die Blau-Weißen erneut zur Wehr. Trainer Favre lockerte den Abwehrverbund und stellte auf Dreierkette um. Das brachte die Abwehr erst recht in brenzlige Situationen, dafür traf vorn Lukasz Piszczek zum Anschluss. Einen schon versprungenen Ball brachte Gojko Kacar nach innen, da hielt Piszczek die Fußspitze hin – nur noch 1:2 (77.).
"Danach haben wir alles nach vorne geworfen, aber natürlich ist Werder nicht nur stark mit dem Ball, sondern sie können auch gut kontern." So fasste Favre zusammen, was nun geschah. Hertha drängte, die Bremer sagten Danke. Özil bediente Naldo, der mit aufgerückte Innenverteidiger konnte sich die Ecke aussuchen – 1:3, nach 83 Minuten bedeutete das die Entscheidung, an der auch Eberts Tor nichts Entscheidendes änderte.
Inmitten der Ergebniskrise in der Liga liegen vor Herthas nächstem Spiel in Mainz (12. September) nun Tage, die Fluch und Segen zugleich sein können. Durch die Länderspielpause wird sich das Gerede von Krise und drohendem Abstiegskampf nicht so einfach beseitigen lassen. Die Abwesenheit der Nationalspieler erlaubt zudem keine unverändert notwendige Feinarbeit am System. Andererseits ermöglicht die Zeit die Integration der bis zu zwei neuen Spieler, deren Namen Hertha spätestens heute präsentieren muss. Von Mitternacht an bleibt das Transferfenster bis Jahresende geschlossen. Herthas einziger Kandidat für den Sturm ist der Kolumbianer Adrian Ramos (23). Sonntagnacht hieß es im Verein allerdings, die Verhandlungen seien "zäh".
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