Geschlechtstest
Caster Semenyas Mutter hat Angst um ihre Tochter
Bei der Leichtathletik-WM erkannten Millionen Zuschauer, worüber sich in Caster Semenyas Heimat niemand mehr wundert: Die 800-Meter-Weltmeisterin sieht aus wie ein Mann. Als junges Mädchen verkraftete die 18-Jährige Hänseleien angesichts ihres männlichen Aussehens. Jetzt hat Semenyas Mutter große Angst um ihre Tochter.
Von Christian Putsch
Das Haus der Semenyas hat keine Adresse. Eine "12" hat jemand an die Fassade des weißen Steinhäuschens gemalt – es ist das zwölfte Haus auf der linken Seite. Masehlong hat keine befestigten Wege, keine Straßennamen, kein Ortsschild. Wer hierhin will, der fragt sich immer weiter durch, immer näher heran, überholt von Karren ziehenden Eseln. In dem Dorf im Nordosten Südafrikas, einer der strukturschwächsten Gegenden des Landes, ist der wirtschaftliche Fortschritt nie angekommen.
521 Häuser, wie unsichtbar inmitten der trockenen Einsamkeit – bis vor fünf Tagen Caster, das 18-jährige Mädchen der Semenyas, bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Berlin schneller als alle anderen über die 800 Meter lief. Jenem Zeitpunkt, als Millionen Zuschauer erkannten, worüber sich in Masehlong seit Jahren niemand mehr wundert: Die neue Weltmeisterin sieht aus wie ein Mann.
Südafrikaner vermuten Rassismus
Seit der Leichtathletikweltverband IAAF eine Untersuchung zur Feststellung ihres Geschlechts eingeleitet hat, parken plötzlich teure Autos vor dem Haus mit der Nummer 12, dessen Besitzer nie ein Auto besessen haben. Der Triumph ist längst zum Politikum geworden: Viele Südafrikaner vermuten Rassismus hinter den Zweifeln. Das Thema bewegt die Massen: Schließlich ist Caster Semenya eine der ersten Weltklasse-Leichtathletinnen aus einfachen südafrikanischen Verhältnissen.
Ihre Mutter hat das weiße Festkleid angezogen, um den Hals und die Handgelenke trägt sie bunte Ketten, dazu den Stern der Zion-Christenkirche. Ausnahmsweise hat sie den Sonntagsdress am Samstag angelegt. "Ich bin müde", sagt die 50-Jährige. Der Versuch eines Lächelns: "Stolz und müde."
Vor ihrem Haus hat die Gemeinde ein riesiges grünes Zelt aufgestellt, davor hundert Plastikstühle. Am Nachmittag will die Bürgermeisterin eine Rede halten – obwohl die Weltmeisterin noch gar nicht zurück ist. Sie wird erst am Dienstag empfangen. Seit sechs Uhr morgens hat die Mutter in der Küche gekocht. Das Haus ist plötzlich aus seiner Unsichtbarkeit erwacht. Aber fließendes Wasser gibt es trotzdem immer noch nicht, und der Strom ist mal wieder ausgefallen. Und dann die Fragen der Leute: "Ich habe es so oft wiederholt, dass ich fast nicht mehr kann: Mein Kind ist ein Mädchen. Ich hoffe, dass sie das alles gut überstehen kann."
Seit Caster klein war, musste sie sich mit den Hänseleien der anderen Kinder angesichts ihres männlichen Aussehens arrangieren. Das sei ihr gelungen, sagt die Mutter. Doch was nun, wo die ganze Welt auf die 18-Jährige aus Masehlong blickt? Und britische Buchmacher Wetten annehmen, ob sie eine Frau, ein Mann oder ein Zwitter ist? Dorcus macht sich Sorgen um Caster. Andere nutzen die Gunst der Stunde. Ein Wagen der "ANC-Youth-League (ANCYL)" fährt vor, der für ihre aggressiven Parolen berüchtigte Jugendorganisation der Regierungspartei ANC. Vier junge Männer steigen aus, einer im gelben Partei-T-Shirt stellt sich leicht angetrunken als "Kamerad Sammy" vor, er sei der ANCYL-Vorsitzende der Limpopo-Provinz. "Wir sind hier, um Caster zu verteidigen. Sie hat unsere volle Unterstützung. Niemand in Europa kann uns diese Medaille wegnehmen."
"Wir hätten es besser machen können"
Den Populismus entlarven schnell die Fakten: Die IAAF hat ihren Sitz zwar in Monte Carlo, angeführt aber wird sie von Lamine Diack. Er ist Senegalese. "Es ist ganz klar. Wir hätten es besser machen können", sagte Diack am Sonntag am Schlusstag der Weltmeisterschaft in Berlin: "Es ist definitiv kein rassistischer Akt."
In Südafrika kündigte der Vorsitzende der nationalen Föderation eine kleine Rebellion an. "Der Verband wird das Ergebnis des Geschlechtstests, ob positiv oder negativ, nicht anerkennen", sagte Leonard Cuene der Sonntagszeitung "City Express". Längst geht es nicht mehr um nur um Caster Semenya. Es geht um westliche Arroganz, als die der Test in Masehlong wahrgenommen wird.
relatedlinksDer ANC hatte schon am Tag nach dem Rennen von Semenya erklärt, die Partei verurteile die Untersuchung als "rassistisch und sexistisch". Das könne "nur dem Zweck dienen, Frauen als schwach darzustellen". Die "Umkhonto weSizwe Kriegsveteranen Vereinigung" bezeichnete Semenya "als wahre Tochter afrikanischen Bodens mit einem Kampfgeist, der nicht erobert werden kann".
Und selbst die Vereinigung Südafrikanischer Fußballspieler rief den Leichtathletik-Weltverband dazu auf, "sich nicht für die rassistische Agenda von Ländern wie Australien missbrauchen zu lassen". Von dort kamen massive Zweifel am Geschlecht Semenyas.
Angesichts dieser Dimension sind ihre Eltern längst nicht mehr Herr über ihr kleines Grundstück mit dem Steinhaus und den beiden kleineren Hütten für Küche und Großeltern. Ein silberner Mazda fährt auf das Grundstück. Der Fahrer steigt aus, geht grußlos zu Semenyas Mutter, danach zu einem Kamerateam, das gerade zu drehen beginnen will. Er stellt sich als Simon vor, ein Onkel von Semenya. "Keine Interviews mehr, die Presse hat so viel Schaden angerichtet."
Dorcus zuckt entschuldigend mit den Schultern, das Team vom lokalen Sender E-TV packt seine Sachen wieder ein. Viele Verwandte sagen später, sie hätten den vermeintlichen Onkel noch nie gesehen, andere sagen, er arbeite für die Gemeinde. In der Angelegenheit bleibt vieles rätselhaft.
Die Mutter schweigt fortan, aber die Verwandten und Nachbarn lassen sich ihren Stolz nicht verbieten. Ihr Nachbar Alex Kobo (32) steht vor dem Haus auf der Straße und stellt sofort eines klar: "Erstens: Caster ist eine Lady. Ich weiß das, ich kenne sie, seit sie klein ist." Und dann lächelnd: "Zweitens: Ich habe mich selten so sehr gefreut. Keiner hätte für möglich gehalten, dass jemand von hier das schaffen kann."
Semenya trainiert zweimal täglich, nur wenige Kilometer von ihrem Elternhaus entfernt: Im Rouman Brother Club und im Try Again Club. Auf modernen Trainingsanlagen, wie in Pretoria oder Johannesburg, übt sie selten. Das macht ihren Erfolg umso erstaunlicher.
Semenya, der Fußball-Star
Aber ungewöhnlich war sie immer, dass sie "anders als die anderen ist", hat auch ihr Vater Jacob in einem Interview erzählt. Das Mädchen hat ihr ganzes Leben wie ein Junge gelebt. Als Kind jagte sie mit ihrem Cousin Cedric Hasen, Puppen haben sie nie interessiert. Semenya verbringt ihre Zeit bis heute überwiegend mit Jungs – auf platonischer Ebene wohlgemerkt.
Der Vater bessert im knapp 300 Kilometer weit entfernten Pretoria Straßen aus, er ist nur ein paar Tage im Monat zu Hause. Der Sohn ist zu klein, die drei Schwestern zu zierlich. Also baute Caster den drei Meter hohen Steinbau für Düngemittel und Tier-Futter hinter dem Haus, auch das Gatter direkt am Tor für die Schafe ist von ihr – sie zimmerte es aus alten Blechteilen und Zweigen zusammen.
Semenya sei halt ein Mädchen, sagen die Bewohner Masehlongs, das sich wie ein Junge verhalte. In dem Dorf hat niemand Zweifel: Sie haben Caster als Kind nackt spielen oder baden sehen. Die Wissenschaft mit XX-Chromosomen bei Frauen, XY bei Männern und vielen Ausnahmen, ist viel zu kompliziert. Die einfache Wahrheit genügt.
Langsam schleicht der Nachmittag in dem Dorf voran. Ältere Frauen sitzen im Schatten eines Baumes, Kinder tanzen um einen Baum herum. Über hundert Menschen sind inzwischen da, auch die Bürgermeisterin. Wann sie spricht, weiß keiner so genau. "Heute", hatte Dorcus den Nachbarn gesagt. Das ist in Masehlong konkret genug.
Immer wieder kommen und gehen Menschen – sie gratulieren, sehr langsam, in aller Ruhe. Die Männer der ANC-Jugendliga trinken vor dem Grundstück Dosenbier. Als sich die Bürgermeisterin endlich anschickt, mit ihrer Rede zu beginnen, verabschieden sich einige Freunde von Semenya. Für fünf Uhr ist das Fußballspiel ihres Vereins Sekuruwe Liverpool gegen Rouman Brother Club angesetzt, direkt am Ortseingang führt ein kleiner Feldweg zu dem staubigen Platz. Linien gibt es nicht – dafür wird das Spielfeld von Planen abgesteckt, die vor der aufgewirbelten, trockenen Erde schützen.
Sekuruwe verliert – ersatzgeschwächt. Das ganz in Rot gekleidete Team fehlte im Sturm die gewohnte Angriffskraft: Niemand spielt in Masehlong besser als Caster Semenya, das einzige Mädchen im Team. Sie ist Mittelstürmerin – und stellt sich bei Elfmetern auch ins Tor. Am nächsten Wochenende planen sie bei Sekuruwe Liverpool wieder fest mit Semenya. Ein Stück Alltag für Caster. Endlich.
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