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23.08.09

WM-Bilanz

Deutsche Leichtathletik macht Mut für die Zukunft

Die Weltmeisterschaft in Berlin sollte der deutschen Leichtathletik neuen Schwung verleihen – das ist eindrucksvoll gelungen. Sechs Medaillen waren das Ziel des Verbandes, das mit neun Podiumsplatzierung übererfüllt wurde. Und auch die Einschaltquoten im Fernsehen waren sehr gut.

AFP

Wer hätte das gedacht? WM-Maskottchen Berlino hat in kürzester Zeit Kultstatus erlangt.

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Die deutsche Leichtathletik lässt sich vielleicht am besten mit Jennifer Oeser vergleichen, der Siebenkämpferin, die im abschließenden 800-m-Lauf stürzte, sich aber aufrappelte, dem Feld hinterher sauste und am Ende doch noch Silber gewann. Frei nach dem Motto: Wer nicht kämpft, hat schon verloren.

Und die deutschen Leichtathleten haben gekämpft bei den Weltmeisterschaften in Berlin – und gewonnen. Neun Medaillen (zweimal Gold, dreimal Silber, viermal Bronze), dazu viele Endkampfplatzierungen waren es vor dem Schlusstag, und Clemens Prokop, der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), sagte strahlend: "Das verleiht uns Selbstvertrauen und Mut." Und das, nachdem alle eingeprügelt hatten auf Verband und Athleten, als sie vor einem Jahr nur mit einer Bronzemedaille von den Olympischen Spielen in Peking zurückkehrten. Das Championat sollte der Leichtathletik "neuen Schwung verleihen" (Prokop), und das ist gelungen. Den "Moment des Aufbruchs" wollte er erkannt haben. "Wir haben neue Siegertypen gesehen", freute sich auch Thomas Bach, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). Besonders wichtig: Die Fernseheinschaltquoten waren mit bis zu knapp zehn Millionen Zuschauern sehr gut. Die öffentlich-rechtlichen Sender hatten die WM vorher als Gradmesser dafür bezeichnet, welche Rolle die Leichtathletik bei der Vergabe von Übertragungszeiten künftig spielen wird.

Als ein "Ergebnis konsequenter, hartnäckiger und unbeirrter Arbeit" von allen Beteiligten wertete DLV-Sportdirektor Jürgen Mallow das gute Abschneiden des DLV-Teams. Von einer Art Wunderheilung kann sicherlich nicht gesprochen werden, weil viele Dinge gegriffen haben, die von der Leistungssportabteilung mit Vizepräsident Eike Emrich und Mallow (damals noch Leitender Bundestrainer) an der Spitze schon nach 2005 angeschoben wurden. Erfolge gab es erst jetzt.

Die verbesserte Zusammenarbeit mit den Heimtrainern zum Beispiel. Diejenigen, die täglich mit den Athleten arbeiten, wurden wie die Sportler selbst in den Mittelpunkt gestellt. Auch der Meinungs- und Wissensaustausch der Trainer untereinander wurde verstärkt. "Nicht alle waren begeistert davon", gibt Herbert Czingon zu, als Bundestrainer für Sprung, Wurf und Mehrkampf zuständig.

Zudem wurde versucht, Studium oder Ausbildung mit dem Leistungssport noch besser in Einklang bringen zu können. "Wir sind nicht so blauäugig und glauben, es geht einfach so weiter", sagte Prokop. Die WM seien "nur eine Momentaufnahme". Jetzt sei es die Aufgabe, "das Potenzial, das wir haben, für die Zukunft mitzunehmen". Nächstes Ziel sind die Europameisterschaften 2010 in Barcelona.

Das Potenzial besteht aus einer Mischung aus jungen und erfahrenen Athleten. Die Bandbreite zeigte sich bei den Sportlern, die am Freitag und Samstag für drei DLV-Medaillen gesorgt hatten. Raul Spank (21) beispielsweise, der im Hochsprung Bronze holte und der als lockerer Typ mit hohen Sprüngen und erstaunlicher Eloquenz zu einer Marke werden kann. Ein selbstbewusster junger Mann mit einem klaren Ziel: "Ich will Olympiasieger 2012 werden."

Oder Betty Heidler, die mit 25 Jahren schon zu den Etablierten zählt und nach WM-Gold 2007 in Osaka nun Silber hinzufügte. "Es war der beste Wettkampf meines Lebens", sagte sie. "Ich habe mit Silber und deutschem Rekord gewonnen, mehr ging nicht." Auf 77,12 m hatte Heidler den Hammer geschleudert, doch der ganz große Wurf kam von der Polin Anita Wlodarczyk, der die Weltrekordweite von 77,96 m gelang.

Und die Sprintstaffel mit Marion Wagner (31), Cathleen Tschirch (30), Anne Möllinger (23) und Verena Sailer (23) gab dem DLV Recht, trotz Kritik am Staffelprojekt festgehalten zu haben. Der Plan, gerade durch gute Wechsel im Vorteil zu sein, ging voll auf. Als Dritte hinter Jamaika und den Bahamas kamen die Deutschen ins Ziel. Hinter der Linie legte Schlussläuferin Sailer eine krachende Baulandung hin. "Eine Medaille ist Wahnsinn, dafür lege ich mich gern auf die Schnauze", sagte Sailer.

Im Oktober wird das DLV-Präsidium neu gewählt. Prokop kandidiert wieder, dass Emrich weitermacht, ist eher unwahrscheinlich. Der neue Sportdirektor wird in Kürze vorgestellt, Ende September geht der verdienstvolle Mallow in den Ruhestand. Seine Aussage "Wir haben keine Chance" mit Blick auf die Mittel, die dem DLV zur Verfügung stehen, klingt zum Abschied resignativ. "Wir hätten viel mehr Möglichkeiten, wenn wir mehr Ressourcen hätten." Vielleicht kann der DLV jetzt mehr Mittel vom Bundesinnenministerium und vom DOSB erwarten. Als Zielvereinbarung waren sechs Medaillen festgeschrieben worden. Das Soll hat der DLV eindrucksvoll übererfüllt.

Mallow jedenfalls ist froh, dass er bald vor allem die Bürokratie hinter sich lassen kann: "Am Freitag, 11.01 Uhr, traf ein Fax vom Bundesinnenministerium ein. Darin wurden wir aufgefordert, bis kommenden Dienstag die Ergebnisse und Fakten für vier Olympiastützpunkte für die Jahre 2005 bis 2009 zusammenzustellen, damit da eine Prüfung stattfinden kann. Das sind Steineschmeißer."

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