Leichtathletik
Der triumphale Rückzug von Weltmeisterin Nerius
Montag, 23. November 2009 15:41 - Von J. Hungermann und S. ArltSteffi Nerius genießt die Aufmerksamkeit nach dem WM-Gold in ihrem letzten großen Speerwurf-Wettbewerb. „Das war der Wettkampf meines Lebens", sagte die 37-Jährige, die im Herbst ihre Trainerkarriere beginnt. Dann, so kündigt sie schmunzelnd an, will sie ihre Athleten auch ein bisschen "quälen".

Im Überschwang der Gefühle darf schon mal ein Superlativ herhalten. Also griff Angela Merkel das Mikrofon und sprach zu Steffi Nerius: „Ich möchte ihr einfach, und ich glaube im Namen fast aller in Deutschland – ich sach mal einfach der 80 Millionen –, ganz herzlich gratulieren. Das ist eine tolle Leistung, da freut sich jeder.“
Widerspruch regte sich Dienstagnacht nicht gegen die Worte der Bundeskanzlerin im WM-Club des Deutschen Leichtathletik-Verbandes unweit vom Berliner Gendarmenmarkt. Warum auch? Schließlich war Nerius Besonderes widerfahren. Mit 37 Jahren, im viertletzten Wettkampf ihrer Karriere, feierte sie ihren größten Erfolg: Die Speerwerferin wurde Weltmeisterin. „Das“, bilanzierte sie einen Tag später gerührt, „war der Wettkampf meines Lebens, alles hat gepasst.“
Ihre siegbringende Weite von 67,30 Meter hatte Nerius gleich im ersten Versuch erzielt, die höher gewettete Olympiasiegerin und Titelverteidigerin Barbora Spotakowa aus Tschechien (2.) warf 66,42 Meter, die Russin und Qualifikationsbeste Maria Abakumowa (3.) 66,06 Meter. Und auch Christina Obergföll aus Offenburg, Nerius’ deutsche Dauerkonkurrentin, erzielte als Fünfte nur 64,34 Meter.„Ich wollte sie alle schocken, das ist mir gelungen mit dem ersten Versuch“, feixte Nerius, die sich im DLV-Club für das erste deutsche Gold dieser WM lange feiern ließ, bis es an der Zeit schien, die Lokalität zu wechseln. Mit einer etwa 20-köpfigen Entourage, darunter Siebenkämpferin Jennifer Oeser, ging es weiter in Richtung der Clubs am Hackeschen Markt. Nerius’ Zimmerkollegin, die Diskuswerferin Franka Dietzsch, hatte ihr extra eingeimpft, nicht vor 7 Uhr ins Hotel zurückzukehren. Um 6.30 Uhr war Nerius dann aber doch dort, nach einer Dusche stand sie schon kurze Zeit später wieder im Morgenmagazin auf der Matte.
Realisiert hatte Nerius auch am Mittwoch noch nicht in Gänze, was ihr da gelungen war zum Abschluss ihrer mit Medaillen reichhaltig gesegneten Karriere. „Ich bin wahrscheinlich noch im Schockzustand, sonst würde ich hier einschlafen“, juxte sie. Nicht mal in der Lage sei sie zu weinen, „weil die Tränen gestern alle aus mir herausgeströmt sind“.
Drei Wettkämpfe wird die Olympiazweite von 2004, Europameisterin von 2006 und dreimalige WM-Dritte noch bestreiten, am 26. August in Sondershausen, am 6. September in Elstal und am 13. September beim World Athletics Final in Saloniki – dann ist Schluss. Endgültig. Unumkehrbar. „Niemand kann mich umstimmen.“Nerius’ Manager Jörg Neblung wird es nicht versuchen. „Es ist richtig, dass sie aufhört“, findet er, „Gold zum Abschluss ist absolut ein Geschenk.“ Für den DLV gilt das ebenso. Der Verband verbuchte seine vierte WM-Medaille, was Sportdirektor Jürgen Mallow frohlocken ließ: „Wir haben zwar erst Halbzeit, aber im Gegensatz zum Fußball wird der DLV hier nicht mehr als Verlierer vom Platz gehen.“
Erschienen am 19.08.2009


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