Leichtathletik-WM
Harting wieder einmal völlig außer Kontrolle
Diskuswerfer Robert Harting provoziert vor seinem Wettkampf am Mittwochabend erneut mit unsäglichen Äußerungen gegen Dopingopfer. Es ist nicht der erste verbale Aussetzer des 24-Jährigen, der langsam völlig außer Kontrolle zu geraten scheint. Daran ändert auch seine nachträgliche Entschuldigung nichts.
Von Sebastian Arlt
Was treibt diesen Robert Harting nur um? Hat sich der Berliner Diskuswerfer einfach nicht im Griff? Spricht er schneller als er denkt? Oder steckt hinter all seinen Ausfällen doch nur das Kalkül eines Sportlers, der aus reiner Geltungssucht auf sich aufmerksam machen muss?
Robert Harting hat einmal gesagt: "Manchmal bin ich mir selbst ein Rätsel." Inzwischen ist er für viele Menschen zum Rätsel geworden. Für nicht wenige sogar zum Ärgernis.
Dopingmittel solle man doch am besten freigeben, Präsident und Generalsekretär des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) seien Leute, auf die man getrost verzichten könne, weil da sowieso "keiner arbeitet". Später relativierte er seine Doping-Äußerungen, er habe nur darauf hinweisen wollen, dass keine Chancengleichheit bestehe. Doch ob nun Angriffe oder Rückwärtsverteidigung – all das hat die Medaillenhoffnung in den vergangenen Tagen vom Stapel gelassen. Jetzt wollte er sich eigentlich nur auf den Sport konzentrieren. Hat aber nicht ganz geklappt.
Dienstagvormittag, bei der Qualifikation, flog sein Diskus im Olympiastadion gleich auf eine gute Weite (66,81 Meter), der Einzug ins WM-Finale heute Abend war eine leichte Übung für ihn. Doch dann brach es wieder aus ihm heraus. Es folgte der nächste verbale Fehltritt.
"Wenn der Diskus auf dem Rasen aufspringt, soll er gleich gegen eine der Brillen springen, die die Dopingopfer hier verteilt haben. Aber ich bin kein Mörder, ich will nur, dass sie nichts mehr sehen", erklärte er den Journalisten und spielte damit auf die Aktion des Dopingopfer-Hilfe-Vereins an. Dieser lässt während der WM 20.000 Papp-Brillen verteilen, um auf den im Verborgenen weiter stattfindenden Missbrauch verbotener Mittel aufmerksam zu machen.
Pure Provokation
Eine pure Provokation des 24-Jährigen, der seit jeher polarisiert. Doch langsam scheint er außer Kontrolle zu geraten. "Unsäglich" fand DLV-Präsident Clemens Prokop die Äußerung zu Recht. Er habe den Eindruck, "dass Harting im Stress der Wettkampfvorbereitung nicht mehr Herr seiner Sinne ist", meinte Prokop gegenüber Morgenpost Online. Wie fast schon zu erwarten, bereute Harting wenige Stunden später – nach einem Gespräch mit DLV-Vize Eike Emrich – "aufrichtig" seine Aussagen, nannte sie "unakzeptabel". Harting wird jetzt erst einmal seinen Wettkampf absolvieren, wo ihm eine Medaille zuzutrauen ist. Danach wird ihn der DLV noch zu einem eingehenden Gespräch bitten.
"Ich begebe mich als Spitzensportler in Grenzbereiche. Da staut sich Druck an – und der muss irgendwann raus. Ich ärgere mich dann über mich selbst", hat er einmal über sich gesagt. So wie vor gut einem Jahr, als er über einige deutsche Konkurrenten gelästert hatte. Der eine sei "ein Egozentriker", ein anderer "ein Model" und der Dritte schlechtweg "ein Säufer". Anschließend tat es dem WM-Zweiten von 2007 dann wieder leid. Wie auch gestern. Doch sogar sein Trainer Werner Goldmann konnte über Hartings völlig deplatzierten Kommentar zur Brillen-Aktion nur den Kopf schütteln: "Ich habe keine Ahnung, was er damit bezweckt." Gerade Goldmann werden die Turbulenzen um seinen Schützling nicht gerade angenehm sein, kommt auch er dadurch jetzt wieder in den Fokus.
Der DLV hatte den Vertrag mit Goldmann zum Jahresbeginn nicht verlängert, dem Dopingverstrickungen in der DDR vorgeworfen wurden. Vor allem das anerkannte Dopingopfer Gerd Jacobs hatte schwere Vorwürfe gegen ihn erhoben. Goldmann trainierte Harting zwar weiter, aber die Belastung war für beide über Monate schier unerträglich. "Leistungsvernichtend", wie es Harting ausdrückte.
Goldmann steht inzwischen vor der offiziellen Rückkehr zum DLV. In einem Arbeitsgerichtsprozess stehen Verband und Trainer vor einer gütlichen Einigung. Bei der Team-EM vor einigen Wochen in Portugal war er schon dabei, in der Mannschaftsbroschüre des DLV steht sein Name bereits schwarz auf weiß unter der Rubrik der Trainer.
Auf seiner eigenwilligen Website ist Harting zu sehen, wie er in Ketten gelegt ist und versucht, sich aus der Gefangenschaft zu befreien. Sinnbild wohl auch für die Kämpfe, die er oft mit sich selbst auszustehen hat. Vielleicht, so hat ein Kritiker vor kurzem erklärt, wäre manchmal ein Maulkorb angebrachter gewesen. Damit sich Robert Harting vor sich selbst schützen kann.
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