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17.08.09

Leichtathletik-WM

Der plötzliche Absturz von Jelena Isinbajewa

Sie ist Weltrekordlerin und Olympiasiegerin. Doch als Titelverteidigerin scheiterte die Russin Jelena Isinbajewa bei der Leichtathletik-WM in Berlin mit drei ungültigen Versuchen. Die Deutsche Silke Spiegelburg wurde Vierte – und war am Ende eines seltsamen Wettbewerbs untröstlich.

AP

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Oft hat sie diese Situationen nicht. Sie sind ihr fremd geworden im Laufe der Jahre. Wer immer siegt, dem glaubt man nicht, dass er auch mal scheitern kann. Aber noch ist es ja nicht soweit in diesem Moment, kurz nach halb Neun im Berliner Olympiastadion.

Jelena Isinbajewa hat sich ihren Stab gegriffen und ist zur schmalen blauen Anlaufbahn marschiert, etwa 30 Meter entfernt von der Matte und der Latte, die auf 4,80 Metern liegt. Das ist vergleichsweise putzig, wenn man bedenkt, dass Isinbajewa die beste Stabhochspringerin der Welt ist mit 26 Weltrekorden im Portfolio und 5,05 Meter persönlicher Bestleistung.

Die Russin wirkt recht unglücklich in diesem Moment. Ihre hohen Wangenknochen lassen sie streng aussehen, ihre langen schwarzen Haare hat sie wie immer straff nach hinten gebunden. Isinbajewa spricht mit sich selbst, während eine Digitaluhr die Zeit für ihren Versuch herunterticken lässt.

Zweimal hat sie bereits gerissen, bei ihrer Einstiegshöhe von 4,75 und bei 4,80 Meter. Noch ein Patzer, und die Polin Anna Rogowska wäre Weltmeisterin, obwohl auch sie nur 4,75 Meter schaffte. Isinbajewas blaue Augen flackern ein bisschen, als sie anläuft – ist es Angst? –, ihr Pferdeschwanz wippt während des Sprints Richtung Matte. Dann hebt sie ab, windet ihren Körper über die Latte, doch ihr Bauch touchiert sie. Isinbajewa fällt, die Latte auch.

Die größte Sensation an diesem dritten Wettkampfabend der Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Berlin ist kein Sieg, sie ist eine Niederlage. Auf der Tribüne lächelt stumm Isinbajewas greiser Trainer Witali Petrow in sich hinein, während die Doppel-Olympiasiegerin und entthronte Weltmeisterin nach drei misslungenen Versuchen ihre Sporttasche packt und Rogowska, der Zweitplatzierten Amerikanerin Chelsea Johnson und der drittplatzierten Polin Monika Pyrek beim Feiern zusehen kann. "Ich habe keine Erklärung dafür", sagte Isinbajewa später. "Alles war gut, alles war bereit. Wahrscheinlich war es Schicksal – oder einfach der Tag für eine Niederlage." Es war ihre zweite in Folge, der bis dato letzte Wettkampf in London war ja auch schon in einer Niederlage gemündet.

Derart unerwartet kam das Scheitern der "Kosmonautin", wie russische Zeitungen ihren Weltstar Isinbajewa gern bezeichnen, dass selbst ihre Konkurrentinnen ganz ratlos zurück blieben. "Das zeigt, dass auch Jelena menschlich ist", sagte Silbermedaillengewinnerin Chelsea Johnson. "Sie ist und bleibt die Größte aller Zeiten."

"Was los war, ist schwer zu sagen. Vielleicht war der Druck doch zu groß, oder sie hatte eine Kleinigkeit, eine Blessur. Ich kann schon mit ihr mitfühlen", urteilte später Silke Spiegelburg nach dem Wettkampf, der auf niedrigem Niveau geführt wurde. Isinbajewa, fair wie immer, wies Spekulationen über gesundheitliche Probleme zurück: "Ich hatte leichte Probleme in der Vorbereitung mit dem Knie, aber das ist keine Entschuldigung. Heute hatte ich keine Probleme."

Offiziell 30.496 Besucher im nur halb besetzten Olympiastadion rätselten nicht nur über Isinbajewas Schwäche. Sie litten auch mit Spiegelburg, die nach dem seltsamen Wettkampf wie ein Häufchen Elend schluchzend durch den Innenraum geschritten war. Rang vier belegte sie, höhengleich (4,65 Meter) mit der Zweiten Johnson. Ein schöner Erfolg – wäre da nicht ihr erster Versuch über 4,75 Meter gewesen.

"Der ärgert mich, ich war so hoch drüber wie noch nie", haderte Spiegelburg. Die beiden anderen deutschen Finalistinnen Anna Battke und Kristina Gadschiew wurden Siebte und Zehnte. Gesprächsthema aber blieb Isinbajewas Scheitern, das sie in den Katakomben des Stadions auf kuriose Weise erklären sollte: Weil gar zu viele Reporter sie bedrängten, drückten Volunteers ihr kurzerhand ein Mikrofon in die Hand. Auf Russisch erläuterte sie dann ihren Landsleuten die unbefriedigende Lage, ihre Stimme schepperte dabei krächzend aus einem Lautsprecher, später musste sie alles auf Englisch noch einmal wiederholen. Wer immer siegt und dann verliert, dem lauscht man besonders.

Isinbajewa wird aus ihrem Scheitern nur noch Motivation ziehen. Da können sich ihre Rivalinnen sicher sein.

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