Leichtathletik-WM
Ihre Weltrekorde machen Jelena Isinbajewa reich
Im Stabhochsprung-Finale ist Jelena Isinbajewa die große Favoritin auf WM-Gold. Ihr Vermögen verdankt die Russin allerdings einem Geschäftsmodell, das Sergej Bubka erfand. Sie hat ihre Weltrekorde im Stabhochspringen bisher 26-mal verbessert und dafür Millionen an Sponsorengeldern und Prämien kassiert.
Von Jens Hungermann
Manchmal wacht Jelena Isinbajewa (27) morgens auf und weiß im ersten Moment nicht, wo sie ist. Paris? Rom? Moskau? London? Sie überlegt dann einen kurzen Moment. Meistens fällt es ihr auch gleich ein, obwohl Zimmer und Möbel austauschbar geworden sind in den vergangenen Jahren, in denen die Russin zu einer der besten und bestverdienendsten Leichtathletinnen wurde und zu einer Nomadin im Sport-Zirkus auf der Suche nach: Siegen, Weltrekorden, Ruhm, Geld und, ja, auch Anerkennung.
Der Vorteil an Berlin ist, dass die Russin ein paar Tage länger bleiben und sich eingewöhnen kann als bei einem herkömmlichen Meeting. Es ist ja Weltmeisterschaft, sie begann am Samstag und dauert bis nächsten Sonntag. Wenn nicht alles schief geht – und das kommt bei ihr praktisch nie vor –, wird Jelena Gadschijewna Isinbajewa am Montagabend(ab 18.45 Uhr, ARD und Eurosport live) auch wieder Weltmeisterin werden.
Ihren Qualifikationswettkampf in Berlin meisterte die zweimalige Olympiasiegerin gewohnt souverän. Längst wirkt es nicht mehr arrogant, sondern wie selbstverständlich, wenn sie erst spät im Verlauf einer Qualifikation einsteigt und nur einen einzigen Versuch benötigt. Samstagabend überwand Isinbajewa die geforderten 4,55 Meter einmal mehr völlig ungefährdet. Vermutlich könnte man sie nachts um halb drei in einem x-beliebigen Hotelzimmer weltweit wecken, ins Stadion verfrachten, und sie würde immer noch auf Anhieb um den Weltrekord springen. Das ist es, was die Leute sehen wollen.
Die Konkurrenz im Berliner Olympiastadion wird, ohne es despektierlich zu meinen, nicht eben furchterregend sein. Sowohl die Olympiazweite Jennifer Stuczynski als auch die -dritte Swetlana Feofanowa aus Russland haben ihre Teilnahme in Berlin wegen Verletzungen abgesagt, was wiederum der besten der drei qualifizierten deutschen Springerinnen, Silke Spiegelburg, leise Hoffnungen auf einen Medaillengewinn verschafft.
Für Isinbajewa ist vor allem das verbessern der eigenen, für andere unerreichbaren Bestmarke – momentan 5,05 Meter im Freien – nach Sergej Bubkas Vorbild ein einträgliches Geschäft geworden. Isinbajewa hat die Weltrekorde im Stabhochspringen 26-mal peu à peu verbessert und dafür Millionen an Sponsorengagen und Prämien kassiert. Das langhaarige Hobbymodel in den kurzen Hosen verkauft den Menschen zudem die Illusion, dass nur der Himmel die Grenze sein kann.
Isinbajewa jammert dennoch: "Ich bin keine Maschine." Dem Schweizer "Tagesanzeiger" sagte sie vor gut einer Woche: "Einerseits freut es mich, wenn die Zuschauer eine so hohe Meinung von mir haben. Andererseits ist diese Erwartungshaltung schade. Springe ich nämlich keinen Weltrekord, stufen die Leute meine Leistung wie eine Niederlage ein." Wenigstens in solchen Momenten wird die "Bubka mit Rock" (Russlands Zeitungen) an das Gefühl des Nicht-Siegens erinnert.
Selten genug passiert das ansonsten, wenngleich es just im letzten Wettkampf vor der WM in Berlin wieder einmal so weit gewesen war. Nach 18 Siegen in Folge innerhalb von 17 Monaten gewann Isinbajewa beim Super Grand Prix in London nicht. Sie staunte: "Das ist ungewohnt. Doch "vielleicht war es ganz gut so. Ich bin jetzt sehr motiviert und werde das Finale konzentriert angehen". Isinbajewa scheint aus dem vermeintlichen Rückschlag Motivation zu ziehen. Vor den Olympischen Spielen in China hatte sie die Pöbelei der Amerikanerin Jennifer Stuczynski ("Ich werde ihr ein bisschen in den Hintern treten") angestachelt.
Auf die Frage, was aus ihr geworden wäre, wenn sie nicht Profisportlerin geworden wäre, sagt Isinbajewa: "Ein Niemand." Das klingt hart, zeigt aber auch, von welchem Ehrgeiz die frühere Kunstturnerin ("Ich bin es gewohnt, ständig Schmerzen zu haben") getrieben wird. Sie hat es vom Kind armer Eltern in Wolgograd zur Geschäftsfrau mit Wohnsitz Monte Carlo gebracht.
Doch was will sie noch erreichen? Nach ihrem Sieg bei den Olympischen Spielen in Peking fühlte sich Isinbajewa leer. Gar an eine Hochzeit mit ihrem Freund, einem ukrainischen DJ, und ein Baby habe sie gedacht, vor allem aber an eine Schaffenspause. Dann kam Li Ning. Der chinesische Sportartikelriese unterbreitete der Russin ein Angebot, von dem sie sagt: "Ablehnen war schlicht unmöglich." 7,5 Millionen US-Dollar (etwa 5,28 Millionen Euro) soll sie nun angeblich in den nächsten fünf Jahren verdienen können – und, was für das hübsche Fräulein mit Faible für Galas und Mode auch nicht zu verachten ist: Sie darf sich beim Design ihrer eigenen Sportkleidung einbringen. Schöne Sachen.
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