Leichtathletik-WM
Bartels gewinnt die erste Medaille für Deutschland
Kugelstoßer Ralf Bartels hat am ersten Tag der Leichtathletik-WM in Berlin die Bronzemedaille gewonnen. Der Neubrandenburger verbesserte seine persönliche Bestleistung und ließ sich anschließend mit Sprechchören feiern. Im Siebenkampf hat Jennifer Oeser gute Chancen auf eine Medaille.
Von Jens Hungermann
Das Feixen wollte gar nicht mehr aus Ralf Bartels’ rundem Gesicht weichen. Immer wieder schlug der Neubrandenburger Kugelstoßer die Hände über dem kahlen Kopf zusammen, ungläubig blickte er auf die Anzeigetafel, die die Weite seines Konkurrenten Reese Hoffa auswies. Tatsächlich: der Amerikaner hatte im letzten Versuch 19 Zentimeter weniger gestoßen und Bartels (21,37 Meter) plötzlich Bronze hinter Christian Cantwell aus den USA (22,03) und dem Polen Tomasz Majewski (21,91) gewonnen.
"Bronze ist Bronze, ich bin überglücklich", jubelte Bartels (31), der vor zwei Jahren in Osaka noch Siebter geworden war. Pünktlich zum Saisonhöhepunkt gelang dem Europameister von 2006 gleichzeitig eine persönliche Bestweite, 26 Zentimeter weiter als bislang in diesem Jahr, was von den Zuschauern mit Sprechhören gefeiert wurde. Bartels resümierte: "Das Publikum hatte maßgeblichen Anteil, es hat mich zu Bronze getrieben. Ich habe gezeigt, dass das Unmögliche möglich ist. Ich hoffe, dass ist vielleicht Ansporn für andere."
Es war ein gelungener und insgeheim auch erhoffter Auftakt für die deutsche Mannschaft, die ihre Bilanz von den Olympischen Spielen in Peking schon jetzt erreicht hat. Vor einem Jahr hatte Christina Obergföll im Speerwerfen mit Bronze die einzige Medaille für den DLV geholt. Von einem holprigen Start kann sportlich also weniger die Rede sein, allerdings ließ der Zuschauerzuspruch zum Auftakt der Welttitelkämpfe noch zu wünschen übrig.
25.300 Zuschauer sollen es laut Veranstalterangaben am Vormittag im Stadion gewesen sein, 42.546 am Abend. Wobei selbst IAAF-Offizielle die Ränge mit skeptischem Blick streiften. Um 18 Uhr hatte Bundespräsident Horst Köhler die 12. Weltmeisterschaften für eröffnet erklärt, bevor eine ebenso kurze wie belanglose Eröffnungszeremonie mit mehr als 200 Flaggen, Chor und Tanzdarbietung über die Bühne ging. Sollte dabei jemand Gänsehaut verspürt haben, dürfte es wohl an einem Windzug gelegen haben.
Schon wenig später gleichwohl deutete das deutsche Publikum erstmals an, dass es selbst in etwa mehr als halber Besetzung zu mehr Lärm in der Lage ist als das japanische vor zwei Jahren in Osaka in einer fast voll besetzten Arena: Carsten Schlangen (31) hielt in seinem 1500-Meter-Vorlauf lange Zeit an der Spitze mit, bis ihm auf der letzten halben Runde die Puste ausging. "Schade, dass ich nicht weiter bin, ich hatte mir mehr vorgenommen", bedauerte der Berliner, der in den vergangenen drei Wochen im Training wegen einer Knochenhautentzündung im Schienbein vorwiegend atypisch unterwegs war: "Ich bin ziemlich viel Rad gefahren."
Vielfältige Trainingsformen kennt Jennifer Oeser hingegen von Disziplin wegen. Nach dem ersten Tag im Siebenkampf und zwei persönlichen Bestleistungen (Hochsprung 1,83 m/Kugelstoßen 14,29 m) liegt die 25-Jährige mit 3814 Punkten auf Rang drei der Gesamtwertung hinter der Britin Jessica Ennis (4124) und Natalja Dobrynska aus der Ukraine (3817). Dabei, kicherte Oeser, "hatte ich nach der Mittagspause mein Schwein im Hotel vergessen". Ein Physiotherapeut liefert den Glücksbringer aus Plüsch namens "Schwein vom Rhein" rechtzeitig zum abendlichen Wettkampf ab. Nach dem attestierte Oeser dem Publikum: "Das pusht extra. Ein Gänsehautfeeling. Von mir aus könnte der Siebenkampf an dieser Stelle beendet sein."
Ähnliche Erwartungen wie die Siebenkämpferin schürten an einem angenehm warmen Abend die drei deutschen Stabhochspringerinnen Silke Spiegelburg, Anna Battke und Kristina Gadschiew: Sie erreichten alle das morgige Finale.
Während des 10 000-Meter-Laufs der Frauen schwappten dann sogar zweieinhalb Runden lang La Ola durchs Stadion. Und als sich die Kenianerin Linet Chepkwemoi Masai auf den letzten 80 Metern mit raumgreifenden Schritten noch an der zu siegesgewissen Äthiopierin Meselech Melkamu vorbei ins Ziel warf, schwillte das Gebrüll der Zuschauer so richtig an – um noch einmal getoppt zu werden, als die winzige Japanerin Yukari Sahaku drei Minuten nach der Siegerin lachend als Letzte über die Ziellinie hechelte. Auch das ist WM.
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