Bundesliga
Für Wichniarek ist jetzt nur Hertha wichtig
Von 2003 bis Anfang 2006 spielte Artur Wichniarek bereits für Hertha. Sein Arbeitsnachweis aber war eine Bilanz des Grauens. In 44 Bundesligaspielen gelangen ihm nur vier Tore. Nach seiner Rückehr will der Pole nun alles besser machen und stellt den Erfolg des Klubs über persönliche Ziele.
Von Daniel Stolpe und Uwe Bremer
Der Übeltäter entkam unerkannt. Auch Artur Wichniarek wusste nicht genau, welcher Mitspieler ihm im Morgentraining jenen Tritt gegen das rechte Schienbein verpasst hatte, der den Stürmer humpelnd und mit Schmerzen ohne Umwege die medizinische Abteilung von Hertha BSC konsultieren ließ. Nach kurzer Behandlung gaben die Physiotherapeuten umgehend Entwarnung: Eine Prellung nur, nichts Schlimmes, schon heute kann Wichniarek wieder trainieren – und erst recht Sonnabend auflaufen, wenn die Berliner zum Auftakt der Saison 2009/10 im Olympiastadion Hannover 96 empfangen.
Nun wäre ein Ausfall des Polen kein Weltuntergang gewesen. Mit Valeri Domovchiyski und Amine Chermiti warten schließlich ordentliche Angriffs-Alternativen nur auf ihre Chance. Und doch ist ein gesunder Wichniarek gesetzt – ein völlig neues Gefühl für ihn bei Hertha BSC. Schon einmal, von 2003 bis Januar 2006, spielte Wichniarek für die Blau-Weißen, sein Arbeitsnachweis aber war eine Bilanz des Grauens. In 44 Bundesligaspielen gelangen ihm nur vier Tore.
Aber auch deshalb ist Wichniarek aus Bielefeld zu Hertha zurückgekehrt: Er will, sagt er, "alles besser machen als beim ersten Mal". Die Chancen dafür stehen nicht einmal schlecht. Bei jeder Gelegenheit betont Trainer Lucien Favre, wie "superzufrieden" er mit Wichniarek sei. Dagegen suchte Huub Stevens pausenlos die ideale Position für den sensiblen Stürmer – und fand sie nie. Der Platz im Angriffszentrum war seinerzeit mit dem alternden Nationalspieler Fredi Bobic besetzt; weder dahinter und schon gar nicht als Rechtsaußen wurde Wichniarek glücklich.
In seiner stetig wachsenden Verzweiflung verbog er sich regelrecht auf der Jagd nach Toren. Noch heute erzählen sich Fans von Hertha gern jene Szene, als Wichniarek nach einer Hereingabe am langen Pfosten lauernd traf und kaum noch fertig wurde mit seinem Jubel über das Tor aus kurzer Distanz. Im Fernsehen wurde aber sichtbar, dass dem Torjäger im Wartestand noch nicht einmal dieser Abschluss leichtgefallen war: Mit dem Schussbein hatte er ein Luftloch getreten. Stattdessen war der Ball vom Standbein über die Linie gehoppelt.
Vorbei. Heute, da Wichniarek das Vertrauen des Trainers genießt, denke er nicht darüber nach, ob er gegen Hannover treffen wird: "Es geht nicht um Artur Wichniarek, wichtig ist nur Hertha BSC. Was bringt es, wenn ich ein Tor schieße, wir aber 1:3 verlieren?" Nein, soweit soll es nicht kommen – und wird es auch nicht, davon ist Wichniarek überzeugt. Der Grund hierfür heißt Lucien Favre. Unter dem Schweizer Trainer "ist alles anders, als ich es sonst kennen gelernt habe. Er legt extrem viel Wert auf Taktik, das lässt er sehr lange üben. Der Vorteil ist, dass im Spiel, egal bei welchem Stand, jeder weiß, welche Position er halten soll."
Im zweiten Anlauf scheint Wichniarek bei Hertha angekommen. Dabei ist es für ihn durchaus ein Makel, in der Bundesliga stets nur zwischen Bielefeld und Berlin hin- und hergewechselt zu sein. Dass sich nie ein anderer Verein ernsthaft für ihn interessiert hat, führt er auf fehlende Lobby zurück: "Ich habe den falschen Pass", hat Wichniarek jüngst gesagt: "Kein deutscher Klub gibt fünf Millionen Euro für einen Polen aus. Deutsche Klubs holen lieber für mehr Geld Spieler aus Holland."
Früher wäre Wichniarek über solchen Gedanken verkrampft. Seit dem Tod seiner Mutter vor einem Jahr habe er aber "begriffen, dass Fußball nur ein Spiel ist". So hat sich ein an Jahren und Erfahrung gereifter Profi bei Hertha in einer an Anführern dezimierten Mannschaft prompt im Kreis der Leader eingereiht. Kapitän Arne Friedrich höchstpersönlich legte äußersten Wert auf rasche Eingliederung des neuen Hoffnungsträgers.
Auch die Fans sind zu einer zweiten Chance bereit. Nicht wenige von ihnen riefen Wichniarek bei Spielen gegen Bielefeld voller Inbrunst "Artur, du Zigeuner" entgegen. Nun betrieb der Geschmähte von einst vom ersten Tag an Imagepflege – auf wie abseits des Rasens. Beim Testspiel gegen den 1.FC Union (5:3) anfangs noch ausgepfiffen, legte Wichniarek mit zwei Toren den Grundstein für eine Versöhnung. Im Trainingslager im österreichischen Stegersbach suchte er das Gespräch mit der Gruppe mitgereister Fans. Und nachdem er jüngst den filmischen Rückblick auf die Saison 2008/09 gesehen hatte, sagte er: "In der Ostkurve, das sind keine Fans, die nur im Erfolgsfall da sind. Die stehen in guten wie in schlechten Zeiten zu Hertha. Toll."
Am Sonnabend wollen beide Seiten erstmals miteinander feiern. Und als ob es ein gutes Omen sein soll: Sein bislang letztes Tor für Hertha BSC erzielte Artur Wichniarek am 6. August 2005 – gegen Hannover 96.
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