28.02.13

Eiskunstlauf

Kati Witt wird immer ein bisschen Carmen bleiben

Katarina Witt hat den deutschen Wintersport maßgeblich geprägt. Ein Gespräch über ihre Vergangenheit und die Zukunft des Wintersports.

Foto: dpa /picture alliance

1988 brachte Katarina Witt endlich die Goldmedaille nach Deutschland. Heute arbeitet sie überwiegend als Schauspielerin
1988 brachte Katarina Witt endlich die Goldmedaille nach Deutschland. Heute arbeitet sie überwiegend als Schauspielerin

Berliner Morgenpost: Frau Witt, Ihr Lauf zum Gold in Calgary begann 4.30 Uhr am Morgen, weil Sie als erste Starterin die Pflicht absolvieren mussten. Sind Sie eine Frühaufsteherin?

Katarina Witt (47): Ich sage mal so: Nicht nur das Eis hat damals vor sich hingefroren (lacht). Vor allem der Pflicht-Tag, der in der Regel sieben Uhr früh anfing, zog sich immer elend lang.

Aber der Rummel um Sie war sehr groß.

Ja, er war riesig. Einige Wochen vor den Spielen bin als erste ostdeutsche Sportlerin auf dem Cover des europäischen "Time-Magazine" gewesen und auf dem der US-Ausgabe Debi Thomas, meine große Konkurrentin. Aber dass das so extrem sein würde, hätte ich nicht gedacht. Ich hatte ja keine Ahnung, wie so ein Medienrummel funktioniert. In Absprache mit der DDR-Sportführung wurde eine Pressekonferenz einberufen, da waren mehr als 600 Journalisten – so etwas hatte es vorher noch nie bei Olympischen Spielen gegeben.

Ihr Duell mit Debi Thomas wurde in Anlehnung an Ihre gemeinsame Kürmusik stilisiert als "Battle of the Carmens", vor allem aber als Kampf zwischen Ost und West. Wie sind Sie mit 22 Jahren damit umgegangen?

Ich habe mir diesen Schuh damals bereitwillig angezogen. Natürlich profitierten wir Sportler von dem damaligen sportlichen System. Und solche Momente dienten dazu, mit Leistung etwas davon zurückzugeben. Im Vergleich etwa zu Debi Thomas, die nebenbei Medizin studiert hat, hatte ich in der DDR perfekte Trainingsbedingungen. In Calgary spitzte sich unsere jahrelang andauernde Konkurrenz zu. Sicherlich auch durch den Zufall, dass wir beide die gleiche Musik gewählt hatten und Debi einen russischen Choreografen engagiert hatte. Viel mehr Drama hätte sich kein Autor ausdenken können.

Was geht Ihnen heute durch den Kopf, wenn Sie die Musik aus Bizets Oper hören?

Die Carmen verfolgt mich seit Calgary. Es gibt eine tolle Verfilmung des spanischen Choreografen Carlos Saura, die mir gut gefallen hat. Im Vorfeld der Spiele habe ich mich sehr intensiv mit dem Stück beschäftigt und versucht, jeden Gedanken und jede Wendung nachzufühlen. Anfangs habe ich versucht, diese Bindung nach der Goldmedaille wieder abzuschütteln. Aber das hat nicht geklappt. Ich glaube, Carmen ist für immer ein Teil von mir.

Was ist aus Ihrem berühmten Carmen-Kostüm geworden?

Das hängt im olympischen Museum in Lausanne und ist jetzt Teil der olympischen Geschichte. Das macht mich schon stolz. Das Kleid galt als so besonders, weil es dem Image der DDR in der Welt total widersprach: Es war sexy, glamourös und dramatisch. Nicht so grau und neblig, wie viele die DDR gesehen haben wollen.

Durften Sie bei der Entwicklung des Kostüms mitreden?

Natürlich. Das ist ja so schön am Eiskunstlaufen, dass du nicht nur sportlich gefordert bist, sondern dich auch kreativ austoben darfst. Zum Glück hatten wir Zugang zu den Stoffen im Friedrichstadtpalast, wo die großen Revuen stattfanden. Beide Olympiakostüme für die Kurzkür und Kür wurden dort geschneidert. Deshalb hatte ich mehr Ähnlichkeit mit einem Showgirl als mit einer Wintersportlerin. Dies sorgte auch für viel Diskussionsstoff bei den Spielen.

Vor der Kür lagen Sie auf Platz zwei, hinter Debi Thomas. Wie haben Sie die entscheidenden Minuten in Erinnerung?

Mein erster Gedanke nach meiner Kür war: Mist, ich habe Debi die Tür offengelassen. Neben vier Dreifachsprüngen bin ich anstelle des dreifachen Rittbergers nur doppelt gesprungen – ich war zufrieden, aber es waren nur 98 Prozent meines Könnens, nicht 100. Debi Thomas war nach mir dran. Ich schaute mir ihre Kür von der Tribüne an. Aber ich merkte sofort, dass sie diesem Druck nicht gewachsen war.

Woran?

Sie hatte ein Ritual mit ihrem Trainer. Bevor sie aufs Eis ging, klatschten sie sich immer ab. An dem Tag verfehlten sich ihre Hände, etwas stimmte nicht. In so einem Moment brauchst du eine große Portion Draufgängertum. Die fehlte ihr.

Plötzlich war die Kanadierin Liz Manley die größte Gefahr für Ihre Goldmedaille.

Genau. Als ihre Benotung kam, war ich schon in der Kabine, um mir meine Schuhe für die Siegerehrung anzuziehen. Plötzlich hörte ich einen ohrenbetäubenden Jubel und bekam einen Riesenschreck.

Sie dachten, Manley hätte Gold und Sie doch nur Silber?

Im ersten Moment, ja. Es gab in den Katakomben keinen Monitor in meiner Nähe mit dem Endergebnis. Ich war völlig verwirrt und schaute fragend umher. Dann kam als Christopher Dean der Olympiasieger von 1984 auf mich zu. Erst als er mir gratulierte, wusste ich, dass ich es geschafft hatte.

Sie wirkten bei der anschließenden Pressekonferenz konfus. Warum?

Ich trank sonst nie Bier, nur zur Dopingkontrolle. Ich war einfach ein bisschen beschwipst, deswegen habe ich bei der Pressekonferenz so albern herumgekichert.

Die perfekte Ouvertüre für eine rauschende Siegesfeier.

Naja, die Party fiel nachher sehr bescheiden aus. Meine Trainerin war dabei und zwei, drei Funktionäre. Dann gab es Eberswalder Würstchen und unseren Rotkäppchen-Sekt. Das war's schon. Am nächsten Tag stand ja noch das Schaulaufen auf dem Programm. Da konnte ich ja nicht völlig derangiert auftauchen.

Würden Sie rückblickend sagen, dass dieser Olympiasieg wertvoller war als Ihr erster vier Jahre zuvor in Sarajevo?

Auf jeden Fall. Es ist immer schwieriger einen Titel zu verteidigen, als ihn zum ersten Mal zu gewinnen. Das hatte bis dahin nur Sonja Henie über 50 Jahre zuvor geschafft. Außerdem gab es einen Deal mit der damaligen Regierung.

Wie sah der aus?

Nur bei einer Goldmedaille dürfte ich nachher bei den Shows in Amerika und Kanada laufen. Ich wusste: Ich brauchte diesen Olympiasieg, um meinen Traum zu verwirklichen, weiterhin eislaufen zu dürfen. Das war extrem wichtig für mich.

Welchen Stellenwert hat der 28. Februar in Ihrem Kalender?

Ich denke immer daran zurück, wenn sich der Februar dem Ende neigt. Genauso ist es mit dem 18. Januar, dem Jahrestag meines ersten Olympiasieges. Es ist schön, wenn es so präsent ist und sich ein paar Leute mit mir zurückerinnern. Zum 25. Geburtstag von Calgary habe ich beschlossen, einen Carmen-Abend bei mir zu Hause zu veranstalten. Ich habe ein paar Freunde und Familienmitglieder eingeladen. Die müssen sich dann alle mit mir die Aufnahmen von damals anschauen (lacht).

Neben den Shows haben Sie noch Filme gemacht, Fernsehshows, haben eine Stiftung zur Unterstützung benachteiligter Kinder gegründet und zuletzt der Olympiabewerbung Münchens für die Winterspiele 2018 Ihr Gesicht gegeben. Den Zuschlag hat vor anderthalb Jahren die südkoreanische Stadt Pyeongchang bekommen. Sollte Deutschland einen neuen Anlauf wagen?

Unbedingt. Ich wünsche mir von Herzen, dass die Niederlage uns nicht den Schwung für eine neuerliche Olympia-Bewerbung geraubt hat. Deutschland kann das. Es wäre ein großer Motivationsschub für die jungen Athleten in unserem Land. Deutschland liebt den Sport und seine Sportler. Ich hoffe, dass sich der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) mit den Verbänden und der Politik einigen kann, einen neuen Anlauf zu wagen.

Winter- oder Sommerspiele?

Diese Entscheidung müssen wir dem DOSB überlassen. Bei uns genießen die Sportler eine breite Unterstützung in der Bevölkerung, und Sport hat eine große Tradition. Dass der Wintersport mein Herz ein wenig mehr ausfüllt, liegt ja wohl auf der Hand.

Was müsste anders laufen als bei München 2018?

Unsere Bewerbung war sehr gut, aber die Ausdauer und Verbesserungen von Pyeongchang wurden belohnt. Die Stimmung im IOC war eindeutig pro Asien. Europa als Kontinent muss auch hier aufpassen, nicht den Anschluss an Regionen zu verlieren, deren Entwicklung voller Dynamik ist. Noch ist die Begeisterung der vergangenen Bewerbung in der Bevölkerung vorhanden. Vielleicht sollten wir dies nutzen.

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