24.02.13

Doppelinterview

Kraft und Heinevetter – Gipfeltreffen der Berliner Keeper

Thomas Kraft von Hertha BSC und Silvio Heinevetter von den Berliner Füchsen sprechen über ihr Leben unter Beschuss.

Von Alexandra Gross, Jörn Meyn und Uwe Bremer
Foto: Amin Akhtar

Hüter der Berliner Tore: Hertha-Keeper Thomas Kraft (l.) traf Handball-Nationaltorwart Silvio Heinevetter von den Füchsen im Garten des Georg-Kolbe-Museums in Charlottenburg
Hüter der Berliner Tore: Hertha-Keeper Thomas Kraft (l.) traf Handball-Nationaltorwart Silvio Heinevetter von den Füchsen im Garten des Georg-Kolbe-Museums in Charlottenburg

Was passiert, wenn man zwei Spielverderber an einen Tisch setzt? Genau, sie spielen sich die Bälle zu. Silvio Heinevetter (28) von den Handball-Füchsen und Thomas Kraft (24) von Hertha BSC über das Leben als Wächter der Berliner Sportträume, Gehaltsunterschiede und den Umgang mit Schmerzen.

Berliner Morgenpost: Herr Heinevetter, stellen Sie sich vor: Es ist Montagabend. Ihr Arbeitsplatz ist 7,32 Meter breit und 2,44 Meter hoch. Sie spielen mit Hertha im Olympiastadion. Es ist minus zwei Grad kalt. Würde Sie der Rollentausch mit Thomas Kraft dennoch reizen?

Silvio Heinevetter: Ich schaue mir das gern an, aber tauschen muss ich nicht unbedingt. Ich sage eher: Schuster, bleib bei deinen Leisten. Wenn man das Privileg hat, sein Hobby zum Beruf zu machen, dann gibt es keinen anderen Traumberuf. Dafür bin ich unglaublich dankbar.

Was ist mit Ihnen, Herr Kraft? Wäre es nicht auch mal schön, in der warmen Halle in einem viel kleineren Tor zu stehen?

Thomas Kraft: So schlimm ist das mit der Kälte gar nicht. Man ist im Spiel so konzentriert auf die eigenen, manchmal wenigen Aktionen. Das ist bei euch im Handball ja ganz anders, Silvio. Du hast ja viel mehr Aktionen im Spiel als ich. Ich müsste auch nicht unbedingt mit dir tauschen. Obwohl es schon interessant wäre, mal in so einem Handballtor zu stehen.

Herr Heinevetter, bei den Füchsen spielen Sie ja zum Aufwärmen gern Fußball. Wie machen Sie sich da?

Heinevetter: Wenn wir nicht gerade richtig schlecht gespielt und verloren haben, dann spielen wir Fußball zur Erwärmung. Der Trainer will uns ja auch auf seiner Seite haben. Wenn wir ein komisches Fangspiel machen müssen, ist die Laune natürlich auf Null. Fußball dagegen ist super. Bei Jung gegen Alt spiele ich immer bei Jung und glaube, dass ich schon einer der Besseren bin. Behaupte ich einfach mal.

Wie kommt man eigentlich darauf, sich ins Tor zu stellen?

Kraft: Ich war zumindest nie der Depp, der ins Tor musste. Ich wollte schon immer ins Tor und lebe jetzt meinen Traum. Mich hat das immer fasziniert, den Bällen hinterher zu springen. Ich habe auch nie den Wunsch gehabt, Feldspieler zu sein.

Heinevetter: Mich hat halt immer schon gereizt, dass man als Torwart nicht so viel laufen muss. (lacht)

Torhüter haben ja die Aufgabe, etwas zu verhindern. Gefällt Ihnen die Rolle als Spielverderber?

Kraft: Für mich war es eher der Reiz, jeden Ball zu halten. Für den Gegner ist man dann schon der Spielverderber.

Heinevetter: Spielverderber ist das falsche Wort. Im Handball ist das auch zu kurz gegriffen. Denn ich freue mich viel mehr, wenn ich selbst einen schönen, langen Pass werfe, ein Mitspieler ihn direkt nimmt und reinhaut. Das finde ich viel schöner als eine Parade.

Gibt es auch im Torwartspiel Schönheit, so wie es die Schönheit eines Fallrückziehertores oder eines Kempa-Tricks gibt?

Heinevetter: Wichtig ist, dass du die Bälle hältst. Wie du das machst, ist völlig Wurst. Es gibt natürlich verschiedene Stile. Aber selbst wenn es akrobatisch mal nicht so schön aussieht, Hauptsache du hältst ihn.

Kraft: Jeder Schlussmann hat seine eigene Art. Der eine findet es cool, wenn er mit einem langen Sprung den Ball aus dem Winkel holt. Aber das hat nichts mit Schönheit zutun.

Gibt es keine Eitelkeit?

Heinevetter: Wenn ich Eitelkeit höre, muss ich immer an Tim Wiese denken, der noch drei Rollen nach einer Parade macht.

Kraft: Das stimmt.

Sie stehen im Spiel teilweise extrem unter Beschuss. Wie gehen Sie mit dem Schmerz um?

Kraft: Da gewöhnt man sich dran. Wenn ich jedes Mal "Aua" rufen würde, wenn ich auf den Boden falle, dann...

Heinevetter: Dich hört ja keiner. Das ist ja der Vorteil. Die Zuschauer sind weit weg, und du kannst ja "aua" rufen (lacht).

Kraft: (lacht ebenfalls) Das mache ich auch manchmal, wenn es wirklich weh tut.

Sie haben es angesprochen, Herr Heinevetter. Beim Fußball sitzt das Publikum weiter weg. Beim Handball sind die Fans dicht. Motiviert es Sie eher, wenn die Max-Schmeling-Halle pickepacke voll ist?

Heinevetter: Es ist immer schöner, wenn die Tribünen voll sind. Dann ist es noch einmal eine besondere Motivation.

Macht es für Sie, Herr Kraft, einen Unterschied, vor 75.000 Zuschauern im Olympiastadion zu spielen wie im Derby gegen Union, als vor vielleicht 40.000 am Montag gegen Kaiserslautern?

Kraft: Es ist schon ein Unterschied. Sportlich ändert das zwar nichts, aber ich habe dann immer ein besseres Gefühl, wenn die Atmosphäre stimmt.

Herr Heinevetter, Sie gelten ja als der Meister der Provokation. Und auch Sie, Herr Kraft, nehmen sich hin und wieder einen Gegenspieler vor. Ist es für einen Keeper wichtig, sich Respekt beim jeweiligen Gegner zu verschaffen?

Heinevetter: Es sind oft ja Eins-gegen-Eins-Situationen, Spieler gegen Torwart. Und da gibt es eben nur einen Gewinner. Da muss man mit allen Tricks versuchen, dass man selbst Sieger ist. Da muss man sich auch mal mit einer kleinen Provokation Luft verschaffen. Das bleibt aber alles fair und ist nicht so ernst gemeint. Wenn einer gegen mich ein schönes Tor macht, sage ich ihm auch mal "Respekt". Aber wenn ich einen guten Ball halte, zeige ich dem Spieler auch: "Ich bin der Chef". Nach dem Spiel ist aber alles vergessen.

Kraft: Bei mir geht es vor allem darum, körperlich präsent zu sein, den Gegner auch mal ein wenig einzuschüchtern. Das kann Silvio ja noch mehr machen als ich.

Heinevetter: Wenn du es schafft, dass der Gegenüber nachdenken muss, dann hast du schon gewonnen.

Kraft: So ist es.

Den berühmten "Trash-Talk" gibt es beim Handball wie beim Fußball?

Heinevetter: Ja, schon. Man sagt schon mal "du Pfeife", aber das bleibt alles im Rahmen.

Kraft: Ich jedenfalls, bin nicht immer nett auf dem Platz, das ist klar. Ich kann dann schon ein ganz unangenehmer Mensch sein. Das merken die Gegner und manchmal auch meine eigenen Mitspieler. Der Respekt anderen gegenüber muss aber immer gewahrt bleiben.

Haben Sie manchmal auch Angst vor dem Ball? Sie, Herr Heinevetter, haben ja immerhin noch das Suspensorium. Aber Sie, Herr Kraft...

Heinevetter: Das Suspensorium brauche ich auch. Das ist eine Kopfsache. Ohne traut man sich sonst nicht. Es gibt ja auch keinen anderen Schutz, wie beim Eishockey, wo man von oben bis unten eingepackt ist. Aber Angst habe ich im Spiel nie. Denn dann stehe ich unter Strom, das Adrenalin geht durch meinen Körper. Da gibt es keine Angst.

Kraft: Du darfst als Torhüter auch keine Angst haben. Wenn es wehtut, tut es halt weh. Das hört auch wieder auf. Bei euch, Silvio, gibt es ja diesen Kodex, dass ihr euch nicht an den Kopf werft...

Heinevetter: Das kann aber auch mal daneben gehen. (lacht)

Herr Kraft, Sie sind jemand, der sein Privatleben weitestgehend abschottet. Woran liegt das?

Kraft: Als Fußballer bin ich ja jemand anderes als im privaten Bereich. Da möchte ich einfach meine Ruhe haben. Weder meine Frau, noch meine Freunde wollen in der Öffentlichkeit stehen. So bin ich einfach, und dazu stehe ich.

Bei Ihnen, Herr Heinevetter, ist es etwas anderes. Mit Ihrer Freundin, der Schauspielerin Simone Thomalla, sieht man Sie schon häufiger in den Medien.

Heinevetter: Nein, das ist gar nicht anders. Eigentlich sind Thomas und ich uns da ähnlich. Ich bin auch lieber zu Hause, oder mit Freunden unerkannt unterwegs. Mit meiner Freundin ist das natürlich etwas anderes. Es gehört zu ihrem Job dazu. Man muss auch etwas von sich preisgeben, um auf der anderen Seite dann seine Ruhe zu haben.

Aber genießen Sie es nicht, populär zu sein?

Heinevetter: Ich mache mir nichts daraus. Ich lese auch wenig Zeitung. Klatschgeschichten sowieso nicht.

Wann nervt Sie Ihre Popularität?

Kraft: In Berlin hält sich das ja alles in Grenzen. Man wird schon mal angesprochen, aber das ist okay. Mich stört es nicht, weil ich ja kein weltberühmter Spieler bin, der an jeder Ecke erkannt wird.

Diskus-Olympiasieger Robert Harting musste sich in einer Drogerie mal anhören, doch bitte nicht mit dem Waschmittel zu werfen. Ist Ihnen Ähnliches auch passiert?

Kraft: Ab und zu klingelt mal eine Kindergartengruppe bei mir. Dann mache ich die Tür auf, und die freuen sich. (lacht)

Heinevetter: Manchmal bekomme ich von den Leuten Lob, wenn wir gut gespielt haben. Das ist dann schon schön.

Herr Heinevetter, sind Sie neidisch auf das üppige Gehalt von Fußballspielern?

Heinevetter: Neidisch nicht. Fußball ist nun mal die Volkssportart Nummer eins. Ab es gibt eben auch Spieler, die verdienen viel zu viel. Wenn ich lese, dass zum Beispiel Samuel Eto'o in Russland 20 Millionen Dollar netto verdient, dann frage ich mich schon, ob das noch angemessen ist. Ich bin zufrieden mit dem, was ich habe. In erster Linie mache ich das, was mir Spaß macht und verdiene damit sogar noch mein Geld. Da brauche ich mich nicht zu beschweren.

Können Sie sich von dem jeweils anderen etwas abgucken?

Kraft: Ich bin oft in der Halle und schaue mir die Füchse-Spiele an. Silvios Bewegungen und Reflexe sind schon toll und etwas Besonderes. Aber ob man sich etwas direkt abschauen kann, weiß ich nicht. Fußball und Handball sind schon sehr unterschiedlich.

Wie entspannen Sie sich vom Sport? Oder nehmen Sie ihn mit nach Hause?

Kraft: Ich habe meine Hunde, mit denen ich spazieren gehe. Ich kann nach einem Spiel schon ganz gut abschalten.

Heinevetter: Wenn ich ein schlechtes Spiel hatte, mache ich mir Gedanken. Aber auch bei guten Spielen komme ich vor zwei Uhr nachts nicht zur Ruhe. Man war auf Höchstleistung und kommt danach schwer runter. Aber am nächsten Morgen geht es wieder von vorn los. Einen Hund habe ich übrigens auch (lacht), aber der ist ganz klein und braucht nicht viel Auslauf.

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