24.02.13

Nascar-Serie

Danica Patrick – zwischen Amazone und Pin-up

Die extrovertierte Rennfahrerin Danica Patrick polarisiert Amerika. In Daytona Beach kann sie am Sonntag Geschichte schreiben: Als erste Frau startet sie in der Nascar-Serie vom ersten Startplatz.

Von Simon Pausch
Foto: picture alliance / landov

Hingucker: Danica Patrick bereichert den Motorsport auch optisch
Hingucker: Danica Patrick bereichert den Motorsport auch optisch

Danica Patricks bislang größter Auftritt dauerte weniger als eine Minute. In "The Simpsons", das in den USA auch in Staffel 25 noch in Millionen Haushalten über die Bildschirme flimmert, erscheint ihr Comic-Alter-Ego dem Serienhelden Homer im Traum und flüstert ihm ein: "Meine Sponsoren verpflichten mich, in den Fantasien irgendwelcher Menschen aufzutreten." Homer, der prompt dahinschmilzt vor Verzückung über die Rennfahrerin in ihrem knappen Overall, versucht verzweifelt, seine Bewunderung vor Ehefrau Marge zu verbergen – natürlich vergeblich. Am Ende kommt es zu einem Ringkampf zwischen Marge und der Pilotin.

Diese Sequenz erzählt trotz der Kürze fast alles, was man vor ihrem nächsten Besuch in Amerikas Wohnzimmern über Danica Patrick wissen muss. Als erste Frau in der Geschichte der Nascar-Serie startet sie heute vom ersten Startplatz in das prestigeträchtige 500-Meilen-Rennen im Oval von Daytona Beach. 41 Männer hat sie dafür in der Qualifikation hinter sich gelassen, darunter auch ihren neuen Lebensgefährten Ricky Stenhause jr., der 27 Positionen hinter ihr stehen wird.

Das weibliche Amerika ist hin- und hergerissen, in Umfragen bezeichnen Frauen in Shopping Malls Danica Patrick als "Inspiration für mein Leben als Autofahrerin, aber nicht für mein Leben als Frau". Männer übersetzen ihre Poleposition spöttelnd mit dem Platz an der Stange ("Pole") beim Tabledance. Gesprächsthema Nummer eins ist sie für beide Geschlechter. Und Danica Patrick steht dort, wo sie am liebsten ist: im Mittelpunkt.

1,57-Meter-Grazie

Seitdem sie als Teenagerin allein nach England auswanderte, um im Motorsport Fuß zu fassen, hat die 1,57-Meter-Grazie gelernt, sich gegen körperlich überlegene Konkurrenz zu behaupten. Als sie sieben Jahre später in die USA zurückkehrte und für einen Rennstall von Talk-Ikone David Letterman an IndyCar-Rennen teilnahm, lernte sie, sich dabei zu inszenieren wie kaum eine Sportlerin vor ihr. "Die Menschen sagen, ich habe mich verändert. Vielleicht. Ich bin glücklich", sagte die 30-Jährige nach ihrem überraschenden Sieg bei dem Qualifikationslauf vor einer Woche, der beim übertragenden Sender Fox die Korken knallen ließ. Für das Rennen wird Einschaltquote im deutlich zweistelligen Bereich erwartet, das treibt die Werbeerlöse in Rekordhöhen.

Danica Patrick ist ein Star in den USA. Spätestens seit ihrem ersten (und einzigen) Indy-Sieg 2008 kennt sie fast jeder Amerikaner. Sie spielte in TV-Serien sowie Musikvideos von Rapper Jay-Z mit und hat mehr als 50 Millionen Dollar auf dem Konto. Es gibt eine Barbie-Puppe in ihrem Outfit und natürlich die unzähligen Zeitschriftencover, auf denen sie sich auf Motorhauben räkelt und dabei nur einen Bikini trägt. Wenn überhaupt. "Um ein globaler Pop-Star zu sein", urteilte deshalb kürzlich das "ESPN Magazine", "fehlt nur noch eine Lithografie von Andy Warhol." Und ehrlicherweise auch ein bisschen der sportliche Erfolg.

Durchschnittstempo 315

Denn seit ihrem Triumph vor viereinhalb Jahren im japanischen Motegi sind ihre Resultate weit weniger aufsehenerregend als ihre Ausflüge auf rote Teppiche. Zweimal landete sie noch auf dem Podest, seit ihrem Wechsel zur Nascar-Serie vor einem Jahr kam sie nicht mehr unter die ersten 15. Spötter verglichen sie immer öfter mit der russischen Ex-Tennisspielerin Anna Kournikowa: schön, erfolglos und fremdgesteuert von Sponsoren wie die "Simpsons"-Figur. Umso überraschender war Patricks Rundenbestzeit mit Durchschnittstempo 315.

Bei Nascar-Rennen verfügen alle Autos über beinahe identische Motorenleistungen. Allein die Fahrkunst entscheidet, wenngleich einige Besiegte prompt einen unlauteren Vorteil aufgrund des geringen Gewichts der 45-Kilo-Dame witterten. "Früher habe ich gedacht, ich müsste es immer allen recht machen", sagte sie dazu: "Jetzt will ich nur noch ich selbst sein."

Dabei weiß sie am besten, dass sie längst viel mehr ist als eine Rennfahrerin aus Wisconsin. Nachdem sie 2005 bei den 500 Meilen von Indianapolis 19 Runden lang in Führung gelegen hatte, wurde jedes 352. Neugeborene in den USA auf den Namen Danica getauft – vorher war es jedes 610. Die Zahl der Schülerinnen, die nachmittags in Motorsportklubs ihre Runden drehen, hat sich seither verzehnfacht, und auch die Veranstalter profitieren. Die Frau in dem grünen Anzug garantiert volle Tribünen.

Neid als ständiger Begleiter

Janet Guthrie ist sie trotzdem ein Dorn im Auge. Die 74-Jährige ist Amerikas Motorsportpionierin, seitdem sie in den Siebzigern als erste Frau an 500-Meilen-Rennen teilnahm, bis heute ist sie das einzige weibliche Mitglied der internationalen Motorsport-Ruhmeshalle. "Sie sollte nicht in die Nascar-Serie wechseln", verkündete sie vor einiger Zeit, als ihre Nachnachfolgerin den Sprung in die US-Königsklasse erwog. "Es würde beweisen, dass es ihr nur ums Geld geht. Ich bin nie des Geldes wegen gefahren."

Überhaupt, schob Guthrie hinterher, wären ihr "diese halb pornografischen Fotos" zuwider: "Da geht es mir wie Millionen Amerikanerinnen." Wenn es ihr ums Geld gehen würde, antwortete Patrick, würde sie in die Formel 1 wechseln. "Daran stört mich der Reisestress. Ich bleibe lieber hier." Beim nächsten Rennen reichte sie eine Bikini-Aufnahme von sich als Foto für die Fahrervorstellung ein. Miss Guthrie fand das nicht besonders witzig.

Im Programmheft von Daytona ist sie nun ganz zugeknöpft in ihrem feuerfesten Overall abgebildet. Eine kleine Extravaganz gönnt sie sich dennoch. Nach ihrem Sieg in der Qualifikation beauftragte sie einen befreundeten Designer, ihren Garagenstellplatz bis zum Rennen aufzuhübschen. Der fertigte geschwind einen Stern an, der an die der Hollywoodstars auf dem Walk of Fame erinnert. Anders als in Los Angeles, zieht Patricks Stern einen glitzernden Schweif aus Diamanten hinter sich her. "Von hier aus soll meine Sternschnuppe losfliegen", sagte er bei der Enthüllung. Danica Patrick lächelte.

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