21.02.13

Europa League

Stell dir vor, es ist Fußball und keiner geht hin

Im Vorverkauf hat Hannover 96 nur rund 25.000 Karten für das Spiel in der Europa League am Donnerstagabend gegen Anschi Machatschkala abgesetzt. Die Fans trauen ihrem Klub offenbar kein Wunder mehr zu.

Foto: REUTERS

Hannover, hier mit Stürmer Mame Diouf (Mitte), spielte bei Anschi Machatschkala vor nahezu leeren Rängen. Auch beim Rückspiel im eigenen Stadion werden die Ränge nur spärlich besetzt sein
Hannover, hier mit Stürmer Mame Diouf (Mitte), spielte bei Anschi Machatschkala vor nahezu leeren Rängen. Auch beim Rückspiel im eigenen Stadion werden die Ränge nur spärlich besetzt sein

Selten haben sie in der Landeshauptstadt über den zwölften Mann derart oft gesprochen wie in den vergangenen Tagen. Die Zuschauer, gern als symbolische Überzahl auf dem Feld tituliert, spielen vor der Europa-League-Partie zwischen Hannover 96 und Anschi Machatschkala offenbar eine ganz entscheidende Rolle.

Allerdings weit weniger jene Fans, die Donnerstagabend ab 21.05 Uhr ihre Mannschaft live im Stadion unterstützen, sondern viel mehr all die, die nicht kommen und den Roten im entscheidenden Rückspiel gegen die neureichen Russen den Rücken kehren.

Nach dem 1:3 im Hinspiel vor einer Woche trauen die meisten der Mannschaft offensichtlich kein "Wunder von der Leine" zu. Für die Partie gegen Samuel Eto'o und Co. wurden im Vorverkauf nur 25.000 Karten abgesetzt. Von einer großen Europapokal-Euphorie ist derzeit in Hannover nichts zu spüren.

"Ich hoffe, dass wir die Marke von 30.000 Zuschauern noch knacken. Wir brauchen das Publikum, um ein frühes Tor zu erzielen. Wir wollen in die nächste Runde", erklärte Trainer Mirko Slomka am Mittwoch zur Ausgangsposition. Der Bundesligist benötigt einen 2:0-Sieg, um wie im Vorjahr in das Achtelfinale einzuziehen. "Diejenigen Fans, die dabei sind, sind echte Rote. Sie werden uns einpeitschen", so der Coach.

Auch die Spieler gehen mit großer Zuversicht in die Mission Aufholjagd. "Wir haben eine gute Chance. In der Mannschaft herrscht eine gute Stimmung", betonte Stürmer Mohammed Abdellaoue. "Wir müssen einen guten Tag erwischen und viel investieren", sagte Abwehrmann Konstantin Rausch. "Für uns sind die Fans wichtig. Wenn wir ein frühes Tor schießen und das Stadion aufwacht, ist alles möglich."

Der Reiz Europas ist verflogen

Doch die 49.000 Zuschauer fassende Arena wird wahrscheinlich nur gut zur Hälfte gefüllt sein. "Der Reiz aus der vergangenen Saison ist nicht mehr so da", sagte Vereinsboss Martin Kind. Er hat für das Spiel gegen den russischen Tabellenzweiten die Eintrittspreise in zwei Fan-Blöcken angehoben. Diese Strafaktion für die Bengalo-Fraktion unter dem eigenen Anhang kann das geringe Interesse aber nicht allein erklären.

Stadionchef Thorsten Meier verwies auf andere Gründe wie die späte Anfangszeit, die Live-Übertragung im frei empfangbaren Fernsehen (Kabel eins), das große Angebot an Spielen und die kalten Temperaturen. Von einer generellen Abkühlung der "Alten Liebe" (Vereinslied) zwischen Hannover 96 und den Fans könne man nicht reden. Bereits am Samstag kommt der Hamburger SV zum Nord-Duell nach Hannover. "Das Spiel ist komplett ausverkauft", sagte Meier.

Zuvor will der heimstarke Bundesligist seine Europa-Chance nutzen. Zwei Tore sind der starken 96-Offensive um Abdellaoue, Mame Diouf und Top-Vorbereiter Szabolcs Huszti gegen Machatschkala durchaus zuzutrauen. Zuletzt klappte das Toreschießen beim 2:2 in Nürnberg auch auswärts.

Der HSV wird ausgeblendet

Abwehrschnitzer verhinderten aber eine rundum gelungene Europapokal-Generalprobe. Slomka will die linke Seite mit dem Belgier Sébastien Pocognoli stabilisieren. Ein Taktieren mit Blick auf das HSV-Match 41 Stunden später schloss er aus.

Das Anschi-Team reiste vom Trainingslager in Marbella nach Hannover. Trainer Guus Hiddink muss ebenfalls umstellen. Der offensivstarke Verteidiger Yuri Schirkow ist gesperrt. Dafür kann Hiddink in Lacina Traoré einen dritter Top-Stürmer einsetzen. Der 2,03 Meter lange Hüne aus der Elfenbeinküste fehlte im Hinspiel, auf ihn muss Hannovers Wackelabwehr besonders aufpassen. "Wir haben ausreichend Spiele von ihm beobachtet", versicherte Slomka.

Ohnehin hat der Trainer schon längst das passende Ergebnis für das Rückspiel vor Augen. 30 Stunden vor dem Anpfiff sagte er: "Ein Traum ist es immer, ein frühes Tor und ein spätes Tor zu erzielen." Das würde reichen und Hannover 96 ins Achtelfinale der Europa League befördern. Eine erneute Zuschauerdiskussion bliebe 96 dann vermutlich erspart. Schließlich wäre es einer der größten Erfolge der Klubgeschichte.

Quelle: dpa
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