17.02.13

Ski-Superstar

Die Jagd von Ted Ligety nach dem vierten WM-Titel

Ted Ligety holte bei der Ski-WM sensationell drei Titel im Super G, der Super-Kombination und im Riesenslalom. Dabei hatte der 28-Jährige im Vorfeld auf das System geschimpft.

Von Jens Hungermann
Foto: Getty Images

Ted Ligety dominiert derzeit die Ski-Szene: Er gewann bereits drei WM-Titel
Ted Ligety dominiert derzeit die Ski-Szene: Er gewann bereits drei WM-Titel

Den letzten Schliff vor seiner Krönung zum König der Ski-WM holte sich Ted Ligety, 28, im Hinterhof der Stars: bei einem Viehbauern. Oder besser: auf dessen Grundstück. In Hinterreit im Salzburger Land betreibt der Landwirt Peter Hörl einen kleinen Berggasthof. Weil er gleich nebenan abseits der großen Skigebiete eine stets perfekt präparierte Piste bereithält, kommen die besten Skirennläufer der Welt gern zum Training her. Auch wenn sie bloß Schlepplifte nutzen können.

Auch Ligety kehrt gern im Hause Hörl ein. "Die Wände der Pension sind gepflastert mit Postern all der Weltcup-Stars, die hier trainiert haben", schwärmt der Amerikaner. Jetzt werden sie dort wohl ein bisschen Platz schaffen müssen an den Wänden für sein Konterfei. In Schladming gelangen Ligety historische Erfolge.

Drei Goldmedaillen bei einer Ski-WM, das ist zuletzt Österreichs Skilegende Toni Sailer 1958 gelungen, Jean-Claude Killys Meisterleistung von vier Siegen 1968 in Grenoble waren de facto ja Olympiamedaillen. Ligety ist obendrein der erste Nicht-Europäer, dem das gelang. Gleichermaßen überraschend gewann er zunächst Super-G und Super-Kombination, bevor er dann als i-Tüpfelchen den erwarteten Triumph im Riesenslalom obendrauf setzte. Der Cowboy im Eisrodeo als König von Schladming? Okay, sagt Ted Ligety mit breitem Akzent, "wenn ihr mich so nennen wollt. Cool".

Ein Weltmeister gibt sich ganz bescheiden

Dabei ist er alles andere als ein Lautsprecher. Freitagabend zum Beispiel, bei einem Sponsorenessen in Schladming: Die Schlange am Büffet ist lang, ganz hinten an ihrem Ende steht – Ligety, geduldig wartend, seine drei Goldmedaillen um den Hals. Beim Gletschertraining in Neuseeland lehnte er einmal das Angebot seines Sponsors ab, ihn mit dem Helikopter zu fliegen. Begründung: "Ich bin doch eine viel zu kleine Nummer."

Diese Feststellung ist gründlich überholt. Seit Jahren ist Ligety der dominierende Rennläufer im Riesenslalom, der als Basisdisziplin skifahrerischen Könnens gilt. Seit 2008 gewann er viermal die Weltcup-Wertung und war am Ende des Winters nie schlechter platziert als Rang drei. Diese Saison ging bislang in fünf Rennen viermal der Sieg. In Beaver Creek Anfang Dezember hat er den zweitplatzierten Marcel Hirscher mit dem unerhörten Vorsprung von 1,76 Sekunden hinter sich gelassen. Das ist in etwa so, als würde Sebastian Vettel in der Formel 1 eine Runde früher über die Ziellinie rasen als der nächste Fahrer.

Und jetzt also dreimal Gold in drei Disziplinen. "Damit hatte ich nicht gerechnet", sagt er. Dass ihn das in der Heimat zum Helden macht, ist jedoch fraglich. Im Gedächtnis bleiben der Sportnation USA, die keine Wintersportnation ist, am ehesten noch Triumphe bei Olympischen Spielen. In Europa ist das anders. Ligety geht als Star durch. Kein Wunder, dass Mia Pascoe staunte, als sie erstmals zu ihrem Freund nach Europa reiste: Hier muss er ständig Autogramme geben, daheim erkennt ihn kaum einer.

Auf den Spuren von Bode Miller

Dass der vielseitige Flanellhemdträger in den kommenden Jahren den Gesamtweltcup gewinnt, scheint spätestens jetzt ausgemachte Sache. Der bislang letzte Amerikaner, dem das gelang, war Bode Miller, 35, in der Saison 2007/08. Ihn hat Ligety in Schladming eingeholt, was die Zahl der WM-Medaillen (4) betrifft.

Die ironische Pointe bei alledem ist, dass seit diesem Winter, bis auf im Slalom, in allen Disziplinen laut Reglement veränderte Skier vorgeschrieben sind. Schmaler, länger und weniger tailliert sind sie jetzt – und der größte Kritiker der umstrittenen Materialreform hieß: Ted Ligety. In einem geharnischten Blog-Eintrag geißelte er die "Diktatur des Weltverbands", schimpfte auf das Wettkampfformat und darauf, dass Athleten ihre freie Meinung nicht äußern dürften: "Die Tyrannei der Fis dauert schon zu lange an", maulte Ligety.

Große Lobeshymnen in der Heimat

Und nun? Ist der Chefkritiker zum dreifachen Weltmeister avanciert. Natürlich hat auch er frühzeitig vor der Materialumstellung mit dem Üben begonnen. Bei allem lässig-aufsässigen Habitus ist er nämlich vor allem auch eins: ein akribischer Tüftler. Der US-Männer-Cheftrainer ordnet Ligetys famosen Erfolg hoch ein: Im modernen Skisport stehen die Spezialisten "für gewöhnlich immer einem Allrounder im Weg, der drei oder vier Disziplinen gewinnen will. Aber Ted hat einen Weg gefunden, an ihnen vorbeizuziehen", sagte Rearick der "New York Times".

Ligety selbst sagt freundlich grinsend: "So doll, wie ich auf die neuen Skier eingeprügelt habe, musste ich gut fahren. Sonst hätte es hinterher so ausgesehen, als ob ich nach Entschuldigungen suche." Sonntag darf er im letzten WM-Rennen die altbekannten kurzen Latten unterschnallen: Im Slalom (10 und 13.30 Uhr, ZDF und Eurosport live) ist für den dreifachen Weltmeister eine weitere Medaille möglich – "wenn alles passt und ich ein wenig Glück habe".

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