14.02.13

Europa League

Machatschkala – erste Sahne aus dem wilden Osten

Anschi Machatschkala ist eines der merkwürdigsten Fußballprojekte Europas. Innerhalb kürzester Zeit wurde aus dem Provinzklub ein Titelanwärter. Selbst Gegner Hannover erklärt sich zum Außenseiter.

Von Patrick Krull
Foto: picture alliance / HOCH ZWEI

Anschis Superstar Samuel Eto’o (l.) bei einem Spiel der Europa League im Zweikampf mit Liverpools Raheem Sterling
Anschis Superstar Samuel Eto'o (l.) bei einem Spiel der Europa League im Zweikampf mit Liverpools Raheem Sterling

Aus gewissen Gründen ist Anschi Machatschkala eine Art Traumgebilde für Fußballspieler. Werden störende Faktoren wie Unruhe, Krieg und Terror mal weggelassen, dann hat der Klub aus der Krisenregion im Nordkaukasus durchaus seine Reize.

Jan Schlaudraff hat das gerade umrissen, halb im Scherz, aber auch nicht gänzlich abgeneigt. "Gehaltsmäßig", sagte also der ehemalige Nationalspieler vom Bundesligaverein Hannover 96, "ist Anschi eine andere Welt als wir. Wenn mir das jemand ermöglichen kann, soll er sich melden. Ich hätte nichts dagegen, zwölf, 13 oder sogar 14 Millionen Euro zu verdienen."

Bei Anschi Machatschkala jedenfalls, am Donnerstag Gegner von Hannover in der ersten K.o.-Runde der Europa League, ist das problemlos möglich. Der Klub kokettiert ja gern mit dem Gehalt seines Starangreifers Samuel Eto'o. 20 Millionen Euro soll der Kameruner Torjäger im Jahr verdienen, netto. Eine andere Welt? Gewiss, jedoch eine künstlich erschaffene. Ihr Schöpfer ist Suleiman Kerimow, ein Mann mit randloser Brille und Dreitagebart, laut dem Magazin "Forbes" mit etwa 4,9 Milliarden Euro die Nummer 146 der reichsten Männer und Frauen in der Welt.

Natürlich verlässt einer wie Eto'o nur wegen des Geldes leichten Herzens Inter Mailand und wechselt mit wehenden Fahnen zu Anschi Machatschkala. Gäbe es nicht den Anreiz irrer Verdienstmöglichkeiten, wäre Anschi noch heute ein Provinzklub ohne Bedeutung und Weltstars. So aber kann sich Eto'o zu einem der bestbezahlten Fußballspieler auf dem Globus zählen und Hannover als Außenseiter. "Anschi ist allererste Sahne", sagte Hannover-Trainer Mirko Slomka, und es schwingt Demut mit.

Es gibt diese Geschichte von Roberto Carlos, die viel aussagt über diesen merkwürdigen Klub. Der Brasilianer hatte im Februar 2011 sein sonniges Heimatland verlassen und war in den unwirtlichen Kaukasus gegangen. Ein Altstar, aber immerhin. Einer wie er im wilden Osten? Das rief erst einmal Erstaunen hervor, ließ sich aber leicht erklären. Im tiefen Spätherbst seiner Karriere sahnte der damals 38-Jährige noch einmal richtig ab. Etwa an seinem 39. Geburtstag im April. Da stand ein Bugatti vor seiner Tür: 1200 PS, 1,8 Millionen Euro wert.

Roberto Carlos war der Türöffner

Roberto Carlos war so etwas wie der Türöffner des Klubs für Stars aus aller Welt. Er sendete das Signal aus, dass bei Anschi Machatschkala einiges zu holen ist, mit sechs Millionen Euro gab er sich im Jahr zufrieden. Das wurde ihm von Mäzen Kerimow nie vergessen. Heute ist Roberto Carlos Sportdirektor. Mit verblüffenden Möglichkeiten.

Gerade wurde Spielgestalter Willian für 35 Millionen Euro von Schachtjor Donezk verpflichtet. An dem brasilianischen Genius war so ziemlich jeder große Klub Europas interessiert. Dass der niederländische Toptrainer Guus Hiddink bei Anschi an der Seitenlinie steht, immerhin noch für ein Monatsgehalt von einer Million Euro, verkommt da fast zur Randnotiz.

Geht alles mit rechten Dingen zu?

Und ob alles mit rechten Dingen zugeht, kann auch keiner sagen. Kerimow bekam den kaukasischen Staatsklub im Januar 2011 geschenkt. Seither reihen sich Merkwürdigkeiten aneinander. So trat Gadschi Gaschijew, Hiddinks Vorgänger, während einer Halbzeitpause die Tür der Schiedsrichterkabine ein und betrat in Begleitung einiger einschüchternder Gestalten den Raum der Unparteiischen. Der traf danach ein paar merkwürdige Entscheidungen zugunsten von Anschi Machatschkala.

So ging es munter weiter. Mal fiel auf, dass ein Gegner ohne erkennbaren Grund auf Leistungsträger verzichtete und sich auffallend lustlos verhielt. Ein anderes Mal flog der Trainer des Rivalen nach einer Niederlage gegen Machatschkala, weil er die mit "absichtlich schädlicher Aufstellung" begünstigt haben soll. Der Tabellenzweite der ersten Liga Russlands ist nicht zuletzt deswegen der wohl unbeliebteste Klubs des Landes. Etwas Unlauteres war ihm aber noch nie nachzuweisen.

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