Neuaufstellung
Arme Hertha macht sich die Stars jetzt selbst
Dienstag, 21. Juli 2009 23:51 - Von Julien Wolff und Uwe BremerHertha kann sich keine großen Neueinkäufe mehr leisten. Während die Bayern mehr als 50 Millionen Euro für neue Spieler ausgegeben haben, bezahlte Hertha für Wichniarek 700.000 Euro an Bielefeld und Janker kam ablösefrei. Nun müssen sich die Jungstars Kacar, Cicero und Chermiti beweisen.

Für Ausflüge oder zum Faulenzen hat er keine Zeit. Die wenigen freien Stunden zwischen Testspielen, Trainingseinheiten und DVD-Analysen nutzt Lucien Favre derzeit vor allem zum Nachdenken. „Ich stelle Überlegungen an“, sagt der Trainer von Hertha BSC. Insbesondere macht er sich Gedanken darüber, wie seine Mannschaft in der kommenden Saison eine gute Rolle in der Bundesliga spielen kann – trotz der geringen finanziellen Mittel.
Der FC Bayern hat in diesem Sommer 50,7 Millionen Euro für neue Spieler ausgegeben, so viel wie kein anderer deutscher Verein. Der Hamburger SV investierte 20 Millionen, die TSG Hoffenheim und Meister Wolfsburg 16,1 Millionen. Sogar die in der vergangenen Saison fast abgestiegene Borussia Mönchengladbach wendet 10,3 Millionen auf. Hertha bezahlte für Artur Wichniarek 700.000 Euro an Arminia Bielefeld, Christoph Janker kam ablösefrei aus Hoffenheim. Das war es vorerst. Der Vergleich zeigt: Die zum Sparen verdammten Berliner können längst nicht nur auf neue Spieler setzen. Große Namen werden auch bis zum Ende der Transferperiode am 31.August nicht finanzierbar sein – nach dem Abgang von Josip Simunic, Marko Pantelic und Andrey Voronin muss Hertha sich seine Stars jetzt selbst machen.
Kacar fehlt noch die Konstanz
Die sportliche Führung hofft, dass sich die jungen Profis bald zu Führungsfiguren entwickeln. Allen voran Gojko Kacar, Cicero und Amine Chermiti. Kacar trauen die Verantwortlichen den Sprung zum Leistungsträger zu. Bereits Ex-Manager Dieter Hoeneß hatte im Oktober 2008 prophezeit: „Gojko wird ein ganz Großer.“ Seit seinem Wechsel im Januar 2008 vom serbischen FK Vojvodina Novi Sad nach Berlin absolvierte der zentrale Mittelfeldspieler viele gute Spiele. Jetzt soll der 22-Jährige vor allem konstanter werden. Favre arbeitet daran, ihn zu einem kompletten Spieler zu entwickeln. „Der Trainer sagt mir immer, ich soll mehr mit meinem linken Fuß machen“, sagt Kacar.
Er will sich unbedingt verbessern, denn nicht nur mit Hertha hat er sich viel vorgenommen. Mit der serbischen Nationalmannschaft führt er die Qualifikations-Gruppe sieben zur WM 2010 an. Am 9.September kommt es zum Duell mit Verfolger Frankreich. „Wenn wir das Spiel gewinnen, sind wir wohl durch“, rechnet Kacar hoch. Gute Leistungen in der Auswahl würden seinen Marktwert steigern und ihn zum lukrativen Anlageobjekt machen. Schätzungen zufolge beträgt sein Wert derzeit bereits sieben Millionen Euro.
Gehirntraining hilft Cicero
Ähnlich große Hoffnungen ruhen auf Cicero. „Derzeit bildet sich bei uns eine neue Hierarchie, das ist ein fließender Prozess. Ich baue auf Cicero und bin überzeugt, dass er Führungsspieler werden kann“, sagt Manager Michael Preetz.
Vergangene Saison bewies Cicero, dass er sich traut, vornweg zu marschieren. Im Spiel gegen Hannover 96 im vergangenen Jahr hielt der 24-Jährige in der Kabine spontan eine Rede und motivierte seine Kollegen. Und der Brasilianer ist vielseitig einsetzbar. Er kann im linken Mittelfeld oder zentral vor der Abwehr spielen und setzt dank seiner Schnelligkeit und guten Technik Akzente nach vorn. „Ich glaube, dass Cicero noch besser werden kann. Die Life Kinetik könnte ihm helfen“, sagt Hertha-Trainer Favre.
Im Trainingslager im Stegersbach probierten die Berliner ein neues Gehirntraining aus. Durch spezielle Übungen werden die räumliche Wahrnehmung und die Koordination komplexer Bewegungsabläufe geschult. Cicero stellte sich in der Einheit besonders geschickt an. Hertha überlegt, die Trainingsmethode künftig öfter anzuwenden. So oder so: Einen Stammplatz hat Cicero sicher. Im Gegensatz zu Amine Chermiti. Der Tunesier ist hinter Artur Wichniarek und Raffael Reservist, in der Bundesliga kam er bislang nur auf zehn Einsätze und eine Torvorlage. Zu wenig für jemanden, der schon 17 Länderspiele absolviert hat. In seiner Heimat ist der Stürmer ein Idol, Verwandte und Freunde fragen ihn daher oft, warum er bei Hertha so wenig spielt. Chermiti bleibt geduldig. „Jeder wird seine Chance bekommen. Und ich werde meine nutzen“, sagt der 21-Jährige.
Allerdings gibt es auch noch Valeri Domovchiyski und seine Bilanz aus der abgelaufenen Saison. Da war der Angreifer mit drei Toren bester Einwechselspieler der Liga. Sein Anspruch ist aber ein anderer. Der 22-Jährige ist bulgarischer Nationalspieler und hat mit Levski Sofia in der Champions League gespielt. In Berlin würden sich viele freuen, wenn ihm dies bald wieder gelingt. Im blau-weißen Trikot.


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