07.02.13

Nationalelf

Ist Gündogan schon der bessere Schweinsteiger?

Dortmunds Ilkay Gündogan ist einer der Aufsteiger der Saison. Beim Länderspiel in Paris überzeugte er als Vertreter von Bastian Schweinsteiger. Bundestrainer Löw lobt: "Er hat mir klasse gefallen"

Von Julien Wolff
Foto: AFP

Der Dortmunder Ilkay Guendogan (r.) behauptet sich gegen den Franzosen Mathieu Valbuena
Der Dortmunder Ilkay Guendogan (r.) behauptet sich gegen den Franzosen Mathieu Valbuena

Immer diese Spitznamen. Im Fußball geht es irgendwie nicht ohne. Mario Basler war "Super Mario", Ansgar Brinkmann der "weiße Brasilianer", und wer nach dem Kreisligaspiel auch an der Theke im Vereinsheim in Form ist, wird von da an auch mal mit "Bacardi-Bernd" begrüßt.

Ilkay Gündogan hat einen vergleichsweise simplen, aber sehr charakterisierenden Kosenamen. "Ily" nennen ihn seine Kollegen. Klingt nach einem freundlichen, jungen Menschen, und das ist Gündogan. Er hat Abitur, drückt sich gut aus, lächelt viel, ist nicht schüchtern, aber zurückhaltend, der nette Junge von nebenan. Außerhalb des Spielfeldes. Auf dem Rasen, im Trikot der deutschen Nationalmannschaft hingegen ist von Zurückhaltung keine Spur. Nicht mehr.

Die Partie gegen Frankreich war Gündogans fünftes Länderspiel – und sein bestes. Der 22-Jahre alte Mittelfeldspieler von Borussia Dortmund erfüllte die Aufgabe als Vertretung für den verletzten Bastian Schweinsteiger so gut, dass ihm Kollegen und Experten gratulierten. Er fand nach durchwachsener Anfangsphase immer besser ins Spiel.

Kurze Pässe statt lange Bälle

In den ersten Minuten hatten seine Mittelfeldkollegen Sami Khedira und Mesut Özil mit dem Ball am Fuß und Blick auf Gündogan hin und wieder noch wie ängstliche Rehe gewirkt, die einen Menschen sehen und sich fragen: Können wir dem trauen? Als Gündogan die ersten Bälle klug verteilte oder gehalten hatte, war die Antwort klar: Ja, wir können.

Auf der Internetseite des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) steht Gündogans Motto: "Erfolg ist der Sieg der Einfälle über Zufälle." Dementsprechend spielte er gegen Frankreich. Er gefiel vor allem mit seiner Art, auch in schwierigen Situationen den Pass nach vorn dem Querpass vorzuziehen. Lange Bälle gibt es bei ihm selten. Die Dortmunder Schule unter Leiter Jürgen Klopp tut ihm gut. "Er ist aggressiv und attackiert nach vorn. Er hat mit Özil zusammen für ein klares fußballerisches Übergewicht gesorgt", freute sich Bundestrainer Joachim Löw nach dem 2:1. Gündogan habe nach der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine sowohl in Dortmund als auch bei der Nationalelf einen enormen Sprung gemacht. "Er hat mir klasse gefallen", sagte Löw. Dem möchten sich viele Anhänger anschließen.

Einen Beweis, wie gut er auch als Vorbereiter dient, lieferte Gündogan kurz vor dem Ausgleich von Thomas Müller. Da fing der Dortmunder einen schlampigen Pass von Capoue ab, lief ein paar Schritte mit dem Ball nach vorn und spielte ihn dann exzellent in den Lauf von Müller.

Heute übersieht keiner mehr Gündogan?

Zur Saison 2011/12 war Gündogan vom 1. FC Nürnberg nach Dortmund gewechselt. Er machte die ersten neun Spiele, kam dann aber etwas aus dem Tritt. Erst in der Rückrunde lief es wieder besser. In den vergangenen Monaten gehörte er schließlich zu den besten Spielern. In der vergangenen Saison hatte ihn der Deutsche Meister bei einem Auswärtsspiel sogar mal vergessen, der Teambus war ohne ihn losgefahren. Heute übersieht keiner mehr Gündogan. "Ich bin als Persönlichkeit gereift", sagt der Jungprofi. Er habe einfach versucht, seine gute Form auch in der Nationalelf zu zeigen. Das Spiel gegen Frankreich habe viel Spaß gemacht, denn Gegner dieser Kategorie seien genau die Mannschaften, "mit denen wir uns messen müssen."

Einige fragen jetzt schon: Ist Gündogan in der Nationalelf der bessere Schweinsteiger? Das ist zu diesem Zeitpunkt nicht seriös zu beantworten, und die Frage wird Schweinsteiger gegenüber auch nicht gerecht. Er hat schon für die Nationalelf und mit dem FC Bayern in der Champions League gespielt, als Gündogan noch zur zweiten Mannschaft des VfL Bochum gehörte. Der Dortmund-Profi ist einer der Aufsteiger der bisherigen Saison, hat aber längst noch nicht immer die Ruhe und Übersicht Schweinsteigers. Kann er auch nicht haben, bei so wenig internationaler Erfahrung. Er bestritt bislang acht Champions-League-Spiele für den BVB.

Gündogan aber steht sinnbildlich für die gute Nachwuchsarbeit im deutschen Fußball und erfüllt Joachim Löws Anspruch, ein kreativer und mutiger Spieler zu sein. Solche Jungs sucht Löw. Und Gündogan macht diesbezüglich derzeit alles richtig: Er stellt keine zu großen Ansprüche, er ist authentisch, er arbeitet hart an sich. Kurz: Er reift zum erwachsenen, cleveren Profi, der nette, kleine Ily. Am Mittwochabend war er viel mehr Ilkay.

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