07.02.13

Fußball-Wettskandal

"Die Welt ist verkommen"-Fatalismus bei Anne Will

Ein Wettskandal erschüttert den Fußball – und viele tun angestrengt unüberrascht. Auch die Gäste bei Anne Wills Talkshow. Sportreporter Werner Hansch zeigte sich sogar mehr "amüsiert als betroffen".

Von Sebastian Pfeffer
Foto: NDR/Wolfgang Borrs

Anne Will fragte ihre Gäste: „Der große Wettskandal - wer traut noch unseren Fußballern?“ V.l. im Uhrzeigersinn: Diether Dehm, Die Linke, Sylvia Schenk, Vorstandsmitglied von Transparency International Deutschland, Urs Meier, der ehemalige FIFA-Schiedsrichter, Moderatorin Anne Will, Sportreporter Werner Hansch, Willi Lemke, der Aufsichtsratsvorsitzende von Werder Bremen sowie der ehemalige Fußballprofi René Schnitzler.

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In Europa fällt ein Tor, und in Asien bricht Jubel aus, weil Kontostände steigen – Fußballwetten machen's möglich. Die von Europol zusammengetragenen Betrugsfälle im internationalen Geschäft mit dem runden Leder haben weithin Bestürzung ausgelöst. Haben sie? Nein, eine echte Debatte über Betrug im Fußball ist nicht entbrannt.

Warum das so ist, machte Anne Wills Sendung deutlich. Das Erregungsniveau firmiert zumindest in Deutschland irgendwo zwischen "Ach, Gottchen" und "die Welt ist eh verkommen".

Wie stark der neueste Skandal das Vertrauen in den Fußball erschüttere, wollte Anne Will von ihren Gästen wissen und schob selbst gleich Zweifel nach: der "angeblich" größte Wettskandal. Am Tisch diskutierten Sportreporter Werner Hansch, Willi Lemke vom SV Werder Bremen, Ex-Schiedsrichter Urs Meier, Sylvia Schenk von Transparency International und Linke-Politiker Dieter Dehm. Später holte Anne Will noch den Ex-Fußballprofi René Schnitzler dazu.

Die Vermutung liegt nahe, dass Wills Redaktion den Fußball eher deshalb zum Thema gemacht hatte, weil das so schön in die Programmplanung der ARD passte: als "Sandmännchen"-Ersatz nach dem Freundschaftsspiel zwischen Deutschland und Frankreich.

Schiedsrichtern nicht die alleinige Macht geben

Richtigen Schwung hatte die Runde allerdings nicht. Kein Wunder, wenn sich alle irgendwie grundsätzlich einig sind. Sylvia Schenk sah noch den größten Handlungsbedarf, hätte sonst aber auch den falschen Job gewählt. Sie forderte, das Übel an der Wurzel zu packen. Vor allem die Vereine müssten mehr Präventionsarbeit leisten. Junge Spieler dürften erst gar nicht auf die schiefe Bahn geraten. Das musste weitgehend verpuffen. Denn nachgewiesenermaßen manipulieren deutsche Profis kaum, dafür fehlen schlicht die Anreize.

"Was müsste man auf den Tisch legen, um Bayern zu kaufen?", fragte Werner Hansch rhetorisch. Hansch fand den ganzen Skandal ziemlich "aufgeblasen" und fühlte sich eher "amüsiert als betroffen".

Plötzlich birgt die sonst oft gescholtene Kommerzialisierung des Fußballs also etwas Gutes: Anfällig für Manipulationen ist der Sport nur da, wo nicht genug Geld verdient wird. Acht Millionen Euro sollen die Wettbetrüger in drei Jahren ergaunert haben. Das sacken manche Spieler im Jahr ein.

Diether Dehm sagte dagegen, "hohe Spielergehälter schützen nicht". Wenn dem so wäre, müsste man die "Diäten des Bundestags verdreifachen, damit wir gegenüber der Bankenmafia standhalten können". Damit genug vom einzig halbwegs witzigen Versuch von Dehm, krampfhaft Analogien zur Politik zu ziehen.

Willi Lemke nutzte die Gelegenheit, um erneut den Videobeweis zu fordern. Man dürfe "den Schiedsrichtern nicht die alleinige Macht geben". Zu großer Einfluss auf spielentscheidende Situationen könne so vermieden werden. Urs Meier sah das natürlich anders, konnte mit seinem Einwurf, dann würden womöglich die Kameraeinstellungen manipuliert, aber nicht überzeugen. Vor allem, weil er kurz zuvor noch zugab: "99,9 Prozent der Spiele sind korrekt." Und es sei falsch, jetzt überall Betrug zu wittern. Warum sollten dann plötzlich Fernsehbilder beeinflusst werden?

Deutschland in den oberen Ligen ziemlich immun

Spannender war René Schnitzlers Einwurf. Der Ex-Fußballprofi gab zu, während seiner Zeit in der Zweiten Liga Geld für Manipulationen angenommen zu haben. Spiele beeinflusst haben will er aber nicht ("100 Prozent reines Gewissen"). Meistens habe er noch nicht mal auf dem Platz gestanden. Der Prozess gegen ihn läuft allerdings noch. Schnitzler saß am Vortag bereits bei Markus Lanz, was die Redaktion von Will bestimmt nicht amüsant fand.

Schnitzler, der sich selbst als "hauptberuflichen Zocker mit dem Hobby Fußballprofi" beschreibt, nahm das Geld, um angeblich seine Spielsucht zu finanzieren. Er sähe es gerne, wenn die Vereine mehr Psychologen engagieren würden, um früher auf die Probleme von Spielern reagieren zu können. Schnitzlers Fall zeigt aber auch, wie viel zusammenkommen muss im deutschen Profibetrieb, damit dann trotzdem kaum etwas passiert.

Er war jedenfalls skeptisch gegenüber der Prävention auf Spielerseite, die vor allem Sylvia Schenk immer wieder forderte. Wer manipuliert, wisse ja, dass das falsch ist, würde aber drauf pfeifen. Klingt nachvollziehbar. Schenk ihrerseits hob während Schnitzlers Schilderungen ihre Augenbrauen und unterstellte ihm später, entweder zu lügen oder naiv zu sein.

Zusammengefasst: Die erste Erkenntnis des Abends lautet, Betrug wird heute von außen in den Fußball getragen. Das war im Bundesligaskandal von 1970/71 noch anders und ist deshalb eine Verbesserung. Die zweite Erkenntnis: Wetten auf Fußballspiele lassen sich international kaum verhindern. Und die dritte Erkenntnis: Deutschland ist zumindest in den oberen Ligen ziemlich immun.

Glaubwürdigkeitsproblem der FIFA

Nur am Rande wurde – und das war Schenks Verdienst – das eigentliche Problem des Fußballs erwähnt. Es ist ein Sport, dessen Weltverband FIFA die Korruption gewissermaßen zur Leitlinie der Turniervergaben erhoben hat, was zu Resultaten führt wie einer WM in Katar. "Die FIFA hat im Kampf gegen Spielmanipulation keine Glaubwürdigkeit", sagte Sylvia Schenk. Entsprechend interpretierten die Anwesenden den Vorstoß von Europol auch eher als Werbung in eigener Sache: Mehr Mittel zu Kontrolle müssen her.

Ist die Seele des Fußballs also bedroht? Mitnichten. In Deutschland sind die Betrugsfälle offenbar marginal – mit Ausnahmen. Oder wie Werner Hansch treffend sagte: "Die totale Sicherheit kann es nicht geben, wo es um Geld geht, gibt es Menschen, die es illegal versuchen." Für Hansch war dennoch klar: "Fußball ist unkaputtbar."

Das sagten Anne Wills Gäste

Sylvia Schenk,

Transparency International:

 

Die FIFA hat im Kampf

gegen Spielmanipulation

keine Glaubwürdigkeit.

 

Willi Lemke,

Aufsichtsratsvorsitzender des SV Werder Bremen:

 

Wir dürfen den Schiedsrichtern

nicht die alleinige Macht geben.

Werner Hansch,

Sportreporter:

 

Trotz peinlichster Sauberkeit

wird sich ein leichter

Fischgeruch nicht vermeiden lassen.

Diether Dehm,

Linke-Politiker:

 

Hohe Spielergehälter

schützen nicht

dauerhaft und überall.

Urs Meier,

ehemaliger Schiedsrichter:

 

Schiedsrichter sind

von Grund auf

neutral und ehrlich.

René Schnitzler,

Fußballspieler:

 

Ich hab in meinem Leben

so viel Geld auf Fußballwetten verloren,

da war nie ein manipuliertes Spiel,

auf das ich setzen konnte.

Quelle: Reuters
04.02.2013 1:06 min.
Es soll der größte Skandal in der Fußball-Geschichte sein: Gegen mehr als 400 Personen wird ermittelt.
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