04.02.13

American Football

Wie Baltimore trotz Stromausfall den Super Bowl gewann

Als die Lichter in New Orleans ausgingen, führten die Ravens 28:6. Dann machten die 49ers 17 Punkte in Folge. Am Ende entschieden Zentimeter.

Von Simon Pausch
Foto: AP

Baltimore Ravens haben zum zweiten Mal in ihrer Klubgeschichte den Super Bowl gewonnen!

29 Bilder

Weil jeder Super Bowl die Steigerung seines Vorgängers sein muss, ergriff wenige Minuten nach dem dramatischen Triumph der Baltimore Ravens über die San Francisco 49ers ein FBI-Ermittler das Wort. Bruderduell auf der Trainerbank, Spielentscheidung im letzten Angriff, eine tanzwütige Beyoncé Knowles im knappen Lederdress, ja selbst ein 36-minütiger Stromausfall zu Beginn der zweiten Hälfte schien den Verantwortlichen nicht einmalig genug.

Also bekam Special Agent Michael Anderson inmitten der Siegesfeiern das Mikrofon gereicht und sprach die Worte, die das Geschrei in den Katakomben verstummen ließ. "Einen Anschlag mit terroristischem Hintergrund", sagte Anderson und stockte kurz, als sich alle Köpfe ruckartig in seine Richtung drehten: "Einen solchen Anschlag können wir mit einer Wahrscheinlichkeit, die an Sicherheit grenzt, ausschließen." Die Party konnte weitergehen.

74.000 Zuschauer sitzen wegen defektem Messgerät im Dunkeln

Es war dann doch nur ein defektes Messgerät, das die Elektronik im Mercedes-Benz-Superdome in New Orleans herunterfahren und die Spieler, gut 74.000 Stadionbesucher und knapp eine Milliarde Zuschauer vor den Fernsehgeräten im Dunkeln gelassen hatte.

Wie ein solcher Lapsus bei dem ansonsten bis ins letzte Detail durchchoreografierten größten Einzelsportereignis der Welt passieren konnte, wusste jedoch nicht einmal der FBI-Agent. Immerhin ist die eindrucksvolle Arena, die nach dem verheerenden Hurrikan "Katrina" im August 2005 Tausenden Menschen Obdach geboten hatte, in den vergangenen Jahren für mehr als 300 Millionen Dollar renoviert worden.

Werbeindustrie überraschend gut auf Stromausfall vorbeitet

Prompt schossen am nächsten Tag die Verschwörungstheorien aus dem Boden, nach denen die unfreiwillige Spiel- und Übertragungsverlängerung gar nicht so unfreiwillig gewesen sein soll. Die Werbeindustrie jedenfalls, für die der Tag des Super Bowls zu den reichweitenstärksten des Jahres gehört und die pro Spot bis zu vier Millionen Dollar zahlen, war überraschend gut vorbereitet.

Schon vier Minuten nach Einbruch der Dunkelheit im Superdome flackerten die ersten Werbebanner durch Internet und Fernsehen. "Stromausfall? Kein Problem" schrieb etwa der Kekshersteller Oreo: "You can still dunk in the dark" ("Unsere kann man auch im Dunkeln essen"). Die Stadionkioske waren ebenfalls bestens präpariert – ihr Umsatz war um ein Drittel höher als bei vergangenen Footballspielen. Zur Neige gingen ihre Vorräte trotzdem nicht. Und nicht zuletzt sicherten sich auch die Veranstalter ihren Platz in den Geschichtsbüchern: Die 47. Auflage reihte sich ein in die Kette unvergesslicher Super-Bowl-Peinlichkeiten.

109-Yard-Rekordlauf von Baltimores Jones

Fast hätten sich auch noch die bis dahin haushoch unterlegenen 49ers in die Phalanx der Profiteure geschoben. Mit 6:28 lag das Team um den fahrig wirkenden Quarterbackstar Colin Kaepernick zurück, zusätzlich demoralisiert durch einen unwirklich anmutenden 109-Yard-Lauf von Jacoby Jones. Einen solch langen Alleingang aus der eigenen Zone heraus hatte es in der Super-Bowl-Geschichte noch nie gegeben.

Dann fiel der Strom aus, und Jim Harbaugh, San Franciscos Trainer, nutzte die Zeit, seinen verunsicherten Spielern den Weg durch die betonharte Defensive der Ravens zu weisen.

49ers verkürzen von 6:28 auf 23:28

Als das Licht wieder anging, schien die Nacht nicht nur heller zu strahlen als zuvor. Es wirkte auch, als hätten beide Mannschaften die Unterbrechung genutzt und in der Dunkelheit ihre Trikots getauscht. Am Ende des dritten Viertel stand es nur noch 28:23.

"Dieses Spiel war wie unsere gesamte Saison. Es hat gut begonnen, dann wurde es richtig hässlich und ging großartig zu Ende", analysierte Ravens-Profi Ed Reed später ergriffen. Mit 34:31 für sein Team.

San Francisco bis zum letzten Angriff mit Siegchance

Die Schlussminuten waren tatsächlich großartig, hinreißend, nervenzerfetzend. Bis zum letzten Angriff hatten die 49ers die Chance, ihren Rückstand in den ersten Super-Bowl-Sieg seit 19 Jahren zu drehen. Doch Kaepernicks finaler Pass segelte ein paar Zentimeter über seinen Teamkollegen Michael Crabtree hinweg.

So musste der zum Wunderkind überhöhte Quarterback mit ansehen, wie die Trophäe für den wertvollsten Spieler an sein Gegenüber Joe Flacco ging. Der hatte mit drei Touchdown-Pässen wie nebenbei die Bestmarke des legendären Joe Montana als effektivster Vorlagengeber der Play-off-Geschichte eingestellt und stammelte anschließend: "Das ist unglaublich. Wir haben ein fantastisches Team, trotzdem hätte ich das nie für möglich gehalten." Dem 27-Jährigen winkt dank eines neuen Vertrages ein Jahressalär von 20 Millionen Dollar. Standesgemäß verkündete der 27-Jährige: "Ich werde immer ein Raven sein."

Ravens-Linebacker Lewis beendet Karriere

Ein anderer Hauptdarsteller der Partie beendete hingegen sein Leben als Raven. Nach seinem letzten Spiel und dem zweiten Super-Bowl-Triumph mit Baltimore nach 2001 sagte der eisenharte Linebacker Ray Lewis butterweich: "Ich bin ein Flacco-Fan.

Was er heute geleistet hat, wird uns immer in Erinnerung bleiben." Lewis, dessen Karriere begleitet wurde vom Verdacht, ein Doppelmörder zu sein, wird nun TV-Experte.

Jim und John Harbaugh umarmen sich nach dem Schlusspfiff

Der emotionalste Moment des Abends war jedoch den beiden Trainern vorbehalten. Nach dem Schlusspfiff fiel Jim Harbaugh seinem siegreichen Bruder John um den Hals und flüsterte: "Ich liebe dich." Er hatte, bewusst oder unbewusst, sein Mikrofon angelassen.

Die ganze Welt konnte mithören, auf der Tribüne wischte sich ihr von Stolz und Enttäuschung zerrissener Vater Jack eine Träne aus dem Augenwinkel. Dieser Super Bowl war auch ohne Stromausfall geschichtsträchtig genug.

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