04.02.13

Italien

Balotellis Debüt – Zurück nach 1001 Nacht

Beim 2:1 seines AC Mailand über Udinese feiert Mario Balotelli eine fast schon märchenhaft-kitschig anmutende Rückkehr nach Italien, die Klubbesitzer Silvio Berlusconi auch politisch gelegen kommt.

Foto: dpa

Ein überaus gelungener Einstand: Mario Balotelli (links) schoss beide Tore beim 2:1 seines AC Mailand über Udinese Calcio
Ein überaus gelungener Einstand: Mario Balotelli (links) schoss beide Tore beim 2:1 seines AC Mailand über Udinese Calcio

Ach, was sollte all die übliche Contenance nach einem Fußballspiel, dass sich so emotional gestaltet hatte. Und für wohlfeile Sätze steht einer wie Silvio Berlusconi nun auch wahrlich nicht. "Das war Arschglück", sagte er also. Das mag ein wenig vulgär daherkommen, im Grunde aber traf Berlusconi den Kern der Sache.

2:1 (1:0) hatte sein AC Mailand am Sonntagabend Udinese Calcio bezwungen, die Entscheidung fiel in der dritten Minute der Nachspielzeit. Ein Elfmeter, der nie und nimmer einer hätte sein dürfen. Oder aber wie es Berlusconi sagte: Arschglück.

Das alles aber wäre nur eine Randnotiz geblieben, hätte in der finalen Szene in Mario Balotelli (22) nicht auch jener Mann im Mittelpunkt gestanden, der, wie es der Stadionsprecher vor den 90 Minuten verkündete, "das erste Mal in San Siro im richtigen Trikot" auflief. In der vergangenen Woche hatte Berlusconi Stürmer Balotelli für 20 Millionen Euro von Manchester City gekauft, einst war er von Lokalrivalen Inter Mailand nach England gewechselt. Und nun also seine Rückkehr nach Italien nach 1001 Tagen oder aber Nächten, das fügt sich besser in die fast schon märchenhaft-kitschig anmutende Geschichte von Sonntagabend.

"Zyklon Balotelli"

Es war ein Debüt, das die italienischen Gazetten mit Superlativen betitelten. "Zyklon Balotelli wirbelt verheerend", schrieb etwa die "Gazzetta dello Sport". Balotelli war der Mann des Spiels, zwei Tore, eines davon jener schmeichelhafte Elfmeter in der Nachspielzeit, das waren die Fakten seines Arbeitstages.

Bereits nach 38 Sekunden hatte er das 1:0 auf dem Schlappen, vergab nur knapp, da war Berlusconi noch gar nicht im Stadion. Der "Cavaliere" hatte sich ein wenig verspätet. Zu Balotellis 1:0 in der 25. Minute aber war er längst zugegen.

Auch danach sah er einen Balotelli, der so agierte, als sei es das Selbstverständlichste der Welt, als fehle es ihm weder an Spielpraxis noch an Abstimmung mit seinen jungen Sturmkollegen Stephan El Shaarawy (20) und M'Baye Niang (18). Ein super Trio seien sie, sagte Balotelli im Anschluss, und dass sie sich exzellent verstehen würden.

Die drei verbindet nicht nur ihre Offensivleidenschaft, sondern auch der Hang zu exzentrischen Frisuren, Irokesen in unterschiedlich ausgeprägter Üppigkeit. "Mit diesem Dreiersturm ähneln wir Barcelona, auch wenn wir keinen Messi haben", frohlockte Geschäftsführer Adriano Galliani. In zwei Wochen im Champions-League-Achtelfinale trifft Milan auf Messis Barcelona, Balotelli ist dann nicht spielberechtigt, er war bereits für Manchester in diesem Wettbewerb im Einsatz. Doch auch mit ihm wären die Italiener nicht mehr als Außenseiter.

Jene übertriebene Euphorie von Galliani aber mag auch der Sequenz in der 93. Minute geschuldet sein. Balotelli bediente seinen Nationalmannschaftskollegen El Shaarawy mit einem exzellenten Pass, der fiel im Strafraum. Balotelli schnappte sich den Ball, nutzte den Elfer, und San Siro stand Kopf. Die Fans skandierten wieder von Meisterschaft und Berlusconi grinste. Ob ihm Balotelli gefallen habe, wurde Berlusconi gefragt. "Natürlich, und wie", antwortete er.

Mehr als ein Wahlgeschenk

Ende Februar sind in Italien Wahlen. Und das ist für gewöhnlich auch die Zeit, in der Silvio Berlusconi zu Hochform aufläuft. Der Mann mag noch so viele Prozesse am Hals haben, auf eines aber versteht er sich bestens: Fußball, Showbusiness und Medien ganz ungeniert für seine politischen Zwecke zu nutzen.

Neben seinem Fußballklub gehören ihm auch etliche Teile der italienischen Fernsehlandschaft. Berlusconi weiß sich bestens in Szene zu setzen. Einst als Regierungschef nahm er zu Staatsempfängen gar seine ausländischen Kicker mit. Kaka und Ronaldo mussten Brasiliens Premier die Hand schütteln, Clarence Seedorf stand bei Besuch aus den Niederlanden parat.

Als dann in der vergangenen Woche bekannt wurde, dass Berlusconi mit Balotelli den Profi holen würde, der es wie sein Chef auch schon auf eine beachtliche Anzahl von Skandalen gebracht hat, da nannten viele dieses Unterfangen einen Supercoup für die darbende italienische Liga, aber mehr noch sei es ein üppiges Wahlgeschenk. Immerhin liegt Berlusconi mit seinem Mitte-Rechts-Bündnis in den Umfragen deutlich im Hintertreffen.

"Wir müssen dieses Tauziehen mit Deutschland gewinnen", hat Berlusconi jüngst erst getönt. Es ging um die Rettung verschuldeter Euro-Länder. Die Rolle Deutschlands in Europa ist eines seiner Wahlkampfthemen. Was also lag näher, als genau jenen Mann zu verpflichten, der im Sommer bei der Europameisterschaft die Muskeln hatte spielen lassen und Deutschland aus dem Turnier geworfen hatte, der zum Sinnbild eines sich verändernden Italien überhöht wurde.

Schon vor seiner vergangenen Wahl hatte Berlusconi den Tifosi einen spektakulären Neuen versprochen. Schließlich lotste er Ronaldinho unter reichlich Tamtam nach Mailand. Das habe ihm, so analysierte Berlusconi einst, ungefähr zwei Prozentpunkte eingebracht. Nun also Balotelli.

Miserable Hinrunde in Manchester

Als Balotelli vergangene Woche in Mailand eintraf, musste ein erhebliches Polizeiaufgebot für Ordnung sorgen, so viele Fans belagerten den Ankömmling. Bei seiner Premiere gegen Udine wollten ihn aber nur 35.000 Zuschauer sehen, auch wenn die Shirts mit Aufschriften wie "Balo - Life is now" oder "Balo is back" reichlich Absatz fanden. Der Wechsel sei kein Wahlgeschenk, empörte sich Berlusconi. Vielleicht hätte er besser sagen sollen, er habe sein Geld nicht ausschließlich für diese Zwecke investiert.

Wozu sein neuer Stürmer jedenfalls fähig ist, zeigte er am Sonntag. Balotelli hat eine miserable Hinrunde bei Manchester hinter sich. Nun war es auch diesmal lediglich ein Spiel, und Balotellis Vita bot schon zu viele Aufs und Abs, vor allem abseits des Platzes. Auch in England scheiterte er letztlich nicht an Mangel an Talent, sondern an seinem kindsköpfigen Charakter gepaart mit etlichen Skandalen, auch wenn manche nur kolportiert sein mögen.

"'Milan' ist der Klub, zu dem ich immer wollte", sagt Balotelli. "Milan" ist ein Klub, der sich auf die Arbeit mit jungen Leuten verstehe, sagt Nationaltrainer Cesare Prandelli. Die Auswahl mit Prandelli an der Spitze war für Balotelli immer so etwas wie ein Hort der Glückseligkeit. Kein Eklat, keine Beschwerden, stattdessen EM-Held wie im Sommer.

Mario müsse sich auf Fußball konzentrieren und nicht auf all die Nebenschauplätze, hat Prandelli immer wieder angemahnt. Und er müsse in Ruhe gelassen werden. Das mag beim AC Mailand funktionieren, der trotz seines Eigners weit weniger hysterisch daherkommt als Lokalrivale Inter oder gar Manchester City.

Ein Schlag ins Gesicht aller Skeptiker

Was er an England nicht vermissen werde, wurde Balotelli kürzlich gefragt. Er zählte die Medien, das Essen, das Wetter und das Fahren auf der falschen Seite auf. Er hätte auch noch all die Zeit, die er zuletzt auf der Bank verbrachte, hinzufügen können, das sagte er aber so nicht. Am Sonntag nach dem Sieg verkündete er: "Mein Auftritt war ein Schlag ins Gesicht für all jene, die sagten, ich hätte nicht das Zeug für Mailand."

Er hätte ursprünglich gar nicht spielen sollen, doch dann verletzte sich Giampaolo Pazzini beim Warmmachen. Schicksal, nannte es Geschäftsführer Galliani, der noch von einem Anruf berichtete. An der anderen Leitung sei, wie er sagte "eine Persönlichkeit aus dem Fußball" gewesen. Diese habe ihm gesagt: "Mit dem Wechsel von Balotelli ist Mailand wieder das alte Mailand."

Zumindest tabellarisch nähert sich der Klub wieder dem eigenen Selbstverständnis an. Nach desaströsem Saisonbeginn fehlen nur noch drei Punkte auf Platz drei, den letzten Champions-League-Rang. Einen ähnlichen Verlauf in den Umfragen erhofft sich nun auch Berlusconi.

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