06.02.13

Ski-Star Hirscher

"Der Vergleich mit Hermann Maier ist Bullshit"

Marcel Hirscher ist Österreichs neuer Alpin-Star. Vor dem ersten Start bei der Weltmeisterschaft in Schladming erklärt der 23-Jährige im Berliner Morgenpost-Interview, wie er mit dem Hype um seine Person umgeht.

Foto: dpa

Der Slalom- und Riesenslalomspezialist Hirscher ist bislang noch ohne Edelmetall bei einer Weltmeisterschaft geblieben
Der Slalom- und Riesenslalomspezialist Hirscher ist bislang noch ohne Edelmetall bei einer Weltmeisterschaft geblieben

Die Welt: Ab wann sehnen Sie sich in einem Winter nach Urlaub, Herr Hirscher?

Marcel Hirscher: Meistens im Januar kurz. Sobald es Februar wird, wird's besser.

Die Welt: Sechs Siege und 13 Podestplatzierungen in 15 Saisonrennen: Bei dem Lauf dürfte Ihnen der Spaß an der Sache nicht so schnell verloren gehen.

Hirscher: Grundsätzlich macht es sehr viel Freude. Aber gleichzeitig ist es nicht so, dass ich es durch die Erfolge leichter habe. Das Skifahren ist das eine, das Drumherum das andere. Es ist genial, immer auf dem Podest zu sein. Aber eine Siegerpressekonferenz bedeutet zum Beispiel, dass ich bin zwei Stunden später auf dem Zimmer bin. Die Belastung hat zugenommen, auch wenn ich sie gern in Kauf nehme. Sie ist es auf jeden Fall wert.

Die Welt: Klingt so, als sei es nicht immer leicht, Marcel Hirscher zu sein.

Hirscher: Es ist eine große Herausforderung und eine Riesenaufgabe. Aber mit jedem Tag lerne ich viele neue Dinge dazu. Jedes Interview ist ein Training, jeder öffentliche Auftritt wie ein Training im Fitnessstudio. Ich werde immer besser. Irgendwann bin ich in dem hoffentlich auch ein Profi.

Die Welt: In Österreich hat der alpine Skisport eine Bedeutung vergleichbar mit der des Fußballs in Deutschland. Kommt Ihnen die Verehrung Ihrer Person bisweilen surreal vor, der Hype?

Hirscher: Gute Frage. Surreal ist die Tatsache, dass ich am einen Tag hier bin, am anderen Tag dort, abgeholt mit dem Helikopter, um den Zeitplan irgendwie einzuhalten. Das ist ein Leben wie auf der Überholspur. So viele Stationen in so kurzer Zeit – ich bezeichne das als echt schräg. Die Tage verfliegen, die Momente sowieso.

Die Welt: Haben Sie sich Ihr Leben so ausgemalt, als sie Skiprofi wurden und absehbar war, dass Sie es bis an die Spitze schaffen würden?

Hirscher: Damit beschäftigst du dich als junger Sportler kaum. Manchmal denke ich mir: Wow! Ich hätte nicht gedacht, dass es so heavy wird. Aber mittlerweile ist es auch eine große Genugtuung. Ich weiß: Meine Erfolge sind etwas wert. Ich kenne Sportler aus anderen Sportarten, die auch top sind – die aber null Aufmerksamkeit bekommen. Das ist auch keine Freude. Insofern bin ich froh darüber, dass es bei mir so ist, wie es ist. Eine tolle Wertschätzung.

Die Welt: Bei allem Hype wirken Sie nach wie vor, als stünden sie mit beiden Beinen auf dem Boden. Hält Sie irgendjemand davon ab abzuheben oder sorgen Sie dafür selber?

Hirscher: Es ist ziemlich selten der Fall, glaube ich, dass jemand eingreifen muss. Wichtig ist, geerdet zu bleiben. Sie machen Ihren Job sicherlich auch bestmöglich, der Herr Doktor im Krankenhaus genauso wie die Krankenpflegerin. Ich probiere, mein Bestmögliches zu geben. Nicht verstehen kann ich, wieso andere Sportler teilweise zu fliegen anfangen (lacht).

Die Welt: In der Regel hat das mit Erziehung und Elternhaus zu tun. Ihr Vater ist ja zugleich Ihr Servicemann. Ist er auch nach wie vor der wichtigste Ratgeber?

Hirscher: Auf jeden Fall. Mein Dad ist ein guter Freund geworden. Er hat die Erzieherrolle mehr oder weniger an den Nagel gehängt. Ja, er ist Berater, wie Sie es angesprochen haben. Man muss sich vorstellen: Mit 16 bin ich in die Nachwuchsmannschaft gekommen, mit 17 habe ich Europacup gefahren, mit 18 Weltcup, dann Nationalmannschaft. Das hätte bedeutet: Jedes Jahr einen neuen Betreuer- und Trainerstab, jedes Jahr ein neues Umfeld. So aber habe ich sofort mein Setup gefunden, war von Anfang an perfekt aufgestellt, habe immer meinen Vater an meiner Seite gehabt – auch als Rückhalt, als außenstehender Beobachter. Das ist Gold wert. Einfach war es aber nicht, wie man sich vorstellen kann. Kein Verband der Welt hat wirklich große Freude an solch einem Modell. Mittlerweile aber schon (lacht).

Die Welt: In Österreich, wo Ihre Landsleute greinen, wenn mal wieder kein Landsmann auf der Streif gewonnen hat, kein Abfahrer zu sein, macht es Ihnen das leichter oder schwerer?

Hirscher: Mein Plan, den ich in weiterer Zukunft vielleicht umsetzen kann, ist, auch mal einige Abfahrten zu bestreiten. Es ist so wie in Kitzbühel ein Riesenspektakel. Ich habe Riesenrespekt vor denen, die Abfahrtssport betreiben. Vor ihrem Mut, ihrem Speed, der Gefahr. Beim Slalom ist die Kunst eher die Athletik und völlig ans Limit zu gehen. In der Abfahrt wäre das ein viel zu hohes gesundheitliches Risiko. Slalom ist auf eine andere Art und Weise spannend. Wir können fast von verschiedenen Sportarten sprechen.

Die Welt: Sind Heimweltmeisterschaften ein Geschenk oder eher eine Last?

Hirscher: Wenn ich das wüsste. Fragen Sie mich nach der WM noch einmal (lacht). Manche Läufer beflügelt es ja auch, unter Druck zu fahren. Ich von mir kann bloß sagen: Ich habe mit Druck kein Problem. Aber Schladming 2013 wird sicherlich ganz anders, als wir Rennläufer es uns ausmalen können. Wenn ich allein die Vorverkaufszahlen lese für die WM-Tage... (pfeift durch die Zähne) Das wird richtig heavy. Es ist aber ein Privileg, dabei zu sein. Ob es entsprechend auch Medaillen gibt, das muss sich erst herausstellen. Ich finde es toll. Eine WM in dem Land, wo Skisport das Größte ist, ist etwas Spezielles.

Die Welt: Wer, glauben Sie, wird im Slalom Ihr Hauptgegner sein? Felix Neureuther vielleicht?

Hirscher: Grundsätzlich gibt es im Slalom zehn Sieganwärter und mehr. Felix ist momentan sehr locker drauf, körperlich schaut er auch sehr fit aus. Er hat immer die Chance zu gewinnen. Aber es hängt so viel von den Bedingungen ab, von der Kurssetzung.

Die Welt: Was müssten Sie bei der WM erreichen, um sagen zu können: Damit bin ich jetzt richtig zufrieden?

Hirscher: (zeigt drei Finger) Dreimal Gold – dann kann ich richtig gut zufrieden sein (grinst). Nein, Spaß beiseite. Ich wäre schon mit einer Medaille zufrieden, egal welcher Farbe. Ich bin schon so oft nicht dabei gewesen oder ganz knapp an einer vorbeigeschrammt (bei den olympischen Winterspielen 2010 wurde Hirscher Vierter im Slalom und Fünfter im Riesenslalom – d.R.). Wenn es aber nicht klappt, geht die Welt auch nicht unter. Ich genieße es momentan einfach, in meinem Sport so weit vorn mitmischen zu können, dass ich eine Rolle spiele in dem Zirkus.

Die Welt: Ist der Ski-Weltcup das: ein Zirkus?

Hirscher: Nennen wir es: Tross. Der chinesische Staatszirkus ist zwar einzigartig und faszinierend. Aber ein einfacher Zirkus ist wohl die falsche Vorstellung. Der Weltcup-Tross ist gewaltig.

Die Welt: Österreichs Skihistorie ist überfrachtet mit alten Meriten, mit Anekdoten, Histörchen. Nervt es Sie, wenn Sie daran gemessen und verglichen werden? Wenn Sie "der neue Hermann Maier" gerufen werden?

Hirscher: Na ja, damals, als die ersten Vergleiche begannen, hatte ich zwei Rennen gewonnen. Hermann Maier hat mehr als 50 Siege geschafft. Es ist also ein Schwachsinn, einen jungen Athleten mit dem größten Skisportler Österreichs zu vergleichen. Ich kann mich mit dem nicht anfreunden. Ich bin ein Riesenfan vom Hermann, ich mag ihn gern, auch privat. Aber ich bin der Marcel. Hermann hat sein Ding gemacht, ich mache meins. Der Vergleich ist eine gute Schlagzeile. Aber für mich ist er...Bullshit (lacht).

Foto: dpa

Lindsey Vonn stürzte beim Super-G in Schladming, dem ersten Rennen der alpinen Ski-WM, schwer.

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