04.02.13

Schalke 04

Keller braucht jetzt Beckenbauers Heiligenschein

Die Stimmung in Gelsenkirchen ist auf dem Nullpunkt, nachdem das Team nicht mal gegen den Tabellenletzten siegen kann. Und nun geht es zu den Bayern. Ein schweres Spiel für den neuen Trainer.

Von Oskar Beck
Quelle: SID
04.02.13 2:52 min.
Während auf Schalke nach der Niederlage gegen Tabellenschlusslicht Greuther Fürth Krisenstimmung herrscht, steuert Rekordmeister Bayern München unbeirrt einer Rekordsaison entgegen.

Wenn ein großer, bekannter Fußballklub es mit einem jungen, unbekannten Trainer probiert, ist das zwangsläufig großes Kino, auf jeden Fall aber gilt der Satz von Tom Hanks, der in "Forrest Gump" seine Mama zitiert: "Das Leben ist wie eine Pralinenschachtel – du weißt nie, was drin ist."

Bei den Alten wissen wir es. Die Dortmunder haben damals Jürgen Klopp nicht im Sack gekauft. Der FC Bayern wusste, was er mit Jupp Heynckes kriegt, oder früher mit Ottmar Hitzfeld, und auch im Sommer sind mit Pep Guardiola all die Bedingungen perfekt erfüllt, die Lothar Matthäus einmal so beschrieb: "Der Gürtel muss zu den Schuhen passen."

Bei Matthäus hat es in der Bundesliga bisher irgendwie nie gepasst. Jedenfalls ist er jetzt TV-Experte bei Sky, und am Samstag hat er knallhart ungefähr gesagt, dass sein Skiunfall und der dazugehörige, frisch genagelte Oberarmbruch ein Klacks ist im Vergleich zu dem, was da gerade in Schalke abläuft: "Da muss der Hebel jetzt ganz schnell umgelegt werden."

"Wir müssen da durch"

Noch schärfer hat höchstens Jens Keller den Nagel auf den Kopf getroffen, indem er nach dem Flop gegen Fürth verkündete: "Wir müssen da durch." Vollkommen von sich überzeugt hat er allerdings nicht ausgesehen bei dieser schonungslosen Durchhalteparole – und es würde zumindest nicht schaden, wenn er vor dem kommenden Topspiel beim FC Bayern in Anlehnung an Psalm 37, 5 ("Befiehl dem Herrn deine Wege und vertraue auf ihn") die eine oder andere Kerze spendet, seine Spieler über Glasscherben laufen lässt oder ihnen in der Halbzeit am Samstag statt Kamillentee das Blut geköpfter Hühner einflößt. Was soll er sonst tun? Die Stimmung auf Schalke ist im Keller, und der Keller gleich mit.

Auf die Pfiffe für seine Einwechslung des Brasilianers Raffael, der später nur den Pfosten traf, hat er reagiert, wie wir das auch gelegentlich von angeschossenen Trainern bis hinunter in die tieferen Ligen zu hören bekommen, nämlich so: "Hätte Raffael getroffen, wäre alles richtig gewesen." Alles?

Also ein bisschen komplizierter ist der Fußball dann doch, der kleine Unterschied zwischen Jubel und Krise reduziert sich nicht auf einen unglücklichen Schuss an den Pfosten – aber vielleicht kann ihm das Heynckes in München besser erklären, falls dort im Schalker Strafraum kurz mal Ruhe ist.

Papperlapapp, werden jetzt viele protestieren, der Heynckes hat's leicht. Sagte nicht Max Merkel schon, die Bayern könne "auch ein Spazierstock trainieren"? Alles richtig. Und auch der Libero Beckenbauer verriet schon in der ersten Bayern-Blüte einmal einem Journalisten: "Sogar mit Ihnen als Trainer würden wir Meister werden." Aber das ist vorbei. Heute muss ein Trainer mehr können. Er ist als Entert(r)ainer gefordert, fragen Sie Klopp, er muss die Schurnallje bei Laune halten, aber vor allem seine Spieler.

Das ist die Kunst des herausragenden Trainers – den spitzen Finger mit viel Gefühl stets am Puls jedes einzelnen Spielers zu haben. Nicht nur Heynckes und Klopp führen täglich vor, wie es geht, sondern auf kleinerer Flamme auch Tuchel in Mainz oder Streich in Freiburg. Sie zeigen – wie Klopp – dass ein Trainer kein großer Spieler gewesen sein muss – so wenig, wie Matthäus jetzt ein großer Trainer ist.

Erfolgreich ohne Trainerschein

Es gibt Leichteres als den Trainerjob. "Dass das Glück wie ein Vogel zum Fenster hereinfliegt", hat Beckenbauer gesagt, "darf keiner erwarten." Höchstens er. Er gab in der Kabine die Strategie aus: "Geht's raus und spielt's". Er hatte keinen Trainerschein und kein grandioses Konzept, aber seine Anwesenheit als Lichtgestalt genügte, und der Ball änderte seine Flugbahn.

Er hatte keineswegs alle im Griff, aber wenn der Ersatztorwart Uli Stein ihn als "Suppenkasper" bezeichnete, warf er den Stänkerer halt raus, Problem gelöst. Dem Kaiser gab es der Herr im Schlaf. Aber sonst? Ist Pele je Trainer geworden? Er ahnte, dass seine königliche Aura nicht genügen würde. Das fängt zwar alles gut an, der Halbgott betritt als Trainer die Kabine, und seine Jungkicker sind vom Heiligenschein wie geblendet – doch irgendwann wollen sie Antworten. Die kann er mit dem Außenrist nicht mehr geben. Er braucht jetzt den Kopf. Das ist das, was viele gar nicht ahnen, die Trainer werden. Sie vertrauen weiter auf den Instinkt ihres großen Zehs und ihr Talent zum tödlichen Pass in die Tiefe – und vermissen kein bisschen dieses Denkvermögen, diese Grundausstattung an feinem Gespür, das einen Trainer in die Lage versetzt, nicht nur eine pfiffige Taktik auszuhecken, sondern auch in puncto Teamführung unvorstellbar gewinnbringende Dinge zu tun.

Nicht mal Greenkeeper

Bestenfalls lässt sich sogar dieses brisante mannschaftliche Durcheinander – Kluge und Deppen, Teamspieler und Egoisten, Sauhunde und Pfarrerssöhne - unter einen Hut bringen und so mancher Brandherd bei der Konfliktbewältigung im Keim ersticken. Der Trainer muss passen, wie der Gürtel zu den Schuhen oder Hitzfeld und Heynckes zum FC Bayern. Dort wurde nie der Bock zum Gärtner gemacht, Uli Hoeneß hat sogar in Sachen Matthäus sein Versprechen gehalten: "Unter mir wird Lothar nicht einmal Greenkeeper."

Wenn Jens Keller an den Jupp und den kommenden Samstag denkt, hat er womöglich schon jetzt ein gemischtes Gefühl: Gibt ihm Heynckes einen guten Rat – oder vollends den Rest? "Wir müssen da durch", sagt Keller, aber das alles hört sich an wie der Versuch, eine Dose Bier zu überreden, sich selbst zu öffnen.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Shitstorm Helene Fischer macht ihre Fans mit VW-Spot wild
Neuer Geldschein Das ist die neue 10-Euro-Banknote
Supermodel-Battle Wer sieht im Bikini besser aus?
Internethändler Amazon-Mitarbeiter streiken für mehr Geld
1. Bundesliga Spielplan
Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Kriminalität

Geldtransporter am Apple Store überfallen

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote