03.02.13

Leverkusens Stürmer

Warum Kießling auch ohne Nationalelf glücklich ist

Der erfolgreichste Stürmer der Bundesliga bekommt bei Bundestrainer Joachim Löw seit zweieinhalb Jahren keine Chance mehr. Der 29-jährige Leverkusener geht erstaunlich gelassen damit um.

Von Tim Röhn
Foto: dapd

 Leverkusens Stefan Kießling feiert jeden Treffer mit einem Kuss auf die Tattoos mit den Namen seiner Kinder
Leverkusens Stefan Kießling feiert jeden Treffer mit einem Kuss auf die Tattoos mit den Namen seiner Kinder

Als Stefan Kießling merkt, dass da ein paar Reporter auf Exkursion in seine Seele gehen wollen, streckt er seinen Rücken durch und rückt mit dem Stuhl ein paar Zentimeter weiter nach vorne. Dann schlägt er mit seinen Händen zweimal leicht auf den Holztisch vor ihm. "Um es mal auf den Punkt zu bringen", beginnt er: "Ich sage nicht, ich will nicht mehr in der Nationalmannschaft spielen. Aber für mich ist die Situation vollkommen okay."

Man kann ihm das erst mal so glauben, aber man kann seine Aussage auch anzweifeln. Warum sollte sich Deutschlands aktuell erfolgreichster Stürmer damit abfinden, nicht zum erlesenen Kreis des DFB-Teams zu gehören? In der laufenden Bundesliga-Saison hat Kießling im Trikot von Bayer Leverkusen 13 Tore in 19 Spielen geschossen und fünf Treffer vorbereitet. Vor dem Spitzenspiel gegen Dortmund hat kein deutscher Angreifer eine bessere Quote, aber doch sind es andere, die ihre Koffer packen dürfen für Reisen mit der Nationalmannschaft. Und das soll "vollkommen okay" sein?

Um dieses offenbare Paradox zu verstehen, muss man den ganzen Menschen Stefan Kießling betrachten. Seit sieben Jahren spielt er für Leverkusen. Mehrfach gab es Angebote von Vereinen, die ein höheres Gehalt gezahlt hätten. Kießling, 29, sagte ab, denn "mehr Geld ist kein Argument". Oft reden Fußballer vom "Wohlfühlfaktor", der ihnen so wichtig sei – um kurz darauf doch ein besser dotiertes Angebot anzunehmen. Bei Kießling scheint es anders zu sein.

Er sagt, es gefalle ihm sehr, dass er in Leverkusen "vom Platzwart bis in die oberen Ebenen der Bayer AG" fast alle Leute kenne: "Wenn ich woanders hingehen würde, würde ich wieder bei null anfangen. Das brauche ich nicht." Das Ausland käme schon gar nicht infrage, dafür seien die Fremdsprachenkenntnisse zu schlecht. Auch müsste er dann erst mal eine andere Kultur kennenlernen; was er nicht braucht.

Kuss auf die Tattoos mit den Kindernamen

Stefan Kießling weiß zu schätzen, was er hat. Wegen eines Syndesmosebandrisses konnte er im Herbst 2010 drei Monate lang kein Fußball spielen, er spricht noch heute oft darüber: "Es war schwierig, aus diesem Tal herauszukommen." Er ist froh, dass er das geschafft hat. Dass er wieder zur alten Verfassung gefunden hat. Dass er mit seiner Frau Norina zwei gesunde Kinder hat, deren Namen er sich auf die Handgelenke tätowieren ließ. Nach jedem geschossenen Tor küsst er die Tattoos.

Für seine Familie kocht Kießling auch gern, in diesen Tagen kommt sogar sein eigenes Kochbuch auf den Markt, es heißt: "Erfolgsrezepte".

Da bleibt nicht immer die Zeit, jeden Auftritt der DFB-Elf zu verfolgen: "Ich stelle mir nicht den Wecker, um mir die Länderspiele anzuschauen. Wenn es gerade passt, schaue ich es mir an. Aber es gibt auch genügend andere Dinge zu tun."

Das ist es wohl, was Kießling eine Gelassenheit gibt, die nicht aufgesetzt zu sein scheint: dass der Fußball nicht alles ist. "In den Länderspielpausen kann man verschnaufen und Kraft tanken. Ich habe zwei Kinder, da tut es auch gut, mit ihnen zusammen zu sein. Ich bin niemand, der jetzt verbal draufhauen würde, nur um zehn Tage mit zur Nationalmannschaft zu fahren", sagt der Stürmer.

Seit jeher wird immer wieder heftig darüber diskutiert, ob es richtig ist, dass dieser oder jener deutsche Angreifer nicht zur Nationalmannschaft gehört. Es gab den Eklat um Kevin Kuranyi, der seine Degradierung auf die Tribüne als derart ungerecht empfand, dass er aus dem Stadion flüchtete. Löw verbannte ihn deswegen aus dem Team. Es gab den Ärger um Martin Max, der trotz einer sensationellen Saison 2001/2002 nicht zur anschließenden Weltmeisterschaft mitgenommen wurde. Als er vor der EM 2004 kurz vor seinem DFB-Comeback stand, erklärte er von sich aus, nie mehr für Deutschland auflaufen zu wollen.

Auch Spieler wie Frank Mill, Klaus Toppmöller und Stefan Kuntz waren zu ihren großen Zeiten zwar selbst der Meinung, eine große Länderspielkarriere verdient zu haben. Die Entscheider sahen das aber anders.

Löw setzt im Sturm auf Kontinuität

Im aktuellen Fall ist es unübersehbar so, dass Bundestrainer Löw auf Kontinuität im Angriff setzt. Stefan Kießling sagt: "Ich verstehe das Ganze. Joachim Löw hat mit Miroslav Klose und Mario Gomez zwei Weltklasse-Stürmer und spielt eben mit einer Spitze."

Vielleicht ist Kießling nicht nur gelassen, sondern auch klug. Bislang haben keinem potenziellen Nationalspieler lautstarke Anbiederungsversuche genützt. Der Bundestrainer hält nicht viel davon, in der Regel reagiert er nicht einmal darauf. Eher könnten ihn seine vermehrten Besuche von Bayer-Spielen dazu bewegen, Kießling wieder einzuladen. Obwohl Löw einen entsprechenden "Bild"-Bericht dementierte, gibt es Gerüchte, wonach der Leverkusener beim WM-Qualifikationsspiel gegen Kasachstan im März wieder dabei sein wird.

Kießling dürfte sich dann freuen, wenngleich seine Freizeitgestaltung darunter leidet. Momentan sagt er: "Ich bin froh, wenn ich in den Länderspielpausen verschnaufen kann und nicht in irgendwelchen Hotelzimmern sitze und dann doch nicht zum Zug komme."

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