28.01.13

Madrid

Dopingarzt Fuentes wird der Prozess gemacht

200 Sportler soll der Arzt Fuentes mit Doping-Präparaten behandelt haben. Jetzt steht er vor Gericht. Ein hartes Urteil erwartet kaum jemand.

Von Jens Hungermann
Foto: REUTERS

Doping-Guru: Eufemiano Fuentes bei der Ankunft am Madrider Gerichtsgebäude. Der Gynäkologe hält sich für unschuldig
Doping-Guru: Eufemiano Fuentes bei der Ankunft am Madrider Gerichtsgebäude. Der Gynäkologe hält sich für unschuldig

Spitznamen sind in der Welt des Sports ja weit verbreitet, und wie seine Athleten hat auch Eufemiano Fuentes (57) über viele Jahre zu dieser Welt gehört. "El Importante", so ließ Fuentes sich gern rufen, "der Bedeutsame". Und tatsächlich: Bedeutsam ist er allemal gewesen mit seinem Wissen und seinen sinistren Serviceleistungen für all jene, die ihrer Leistungsfähigkeit pharmazeutisch nachhalfen.

Deshalb gab der zuletzt als Kronzeuge aufgefallene US-Radprofi Tyler Hamilton Fuentes einen weiteren Spitznamen: "Ein-Mann-Wal-Mart des Dopings". Weil es beim spanischen Arzt praktisch alles gab, was stramme Athletenwaden flott machte.

Nun allerdings ist es vorbei mit der Karriere als Dopingarzt. Fast sieben Jahre nach der "Operacion Puerto" genannten Razzia sitzt Eufemiano Fuentes Rodriguez seit Montagmorgen in Madrid auf der Anklagebank. Weil es zum damaligen Zeitpunkt in Spanien noch kein Antidopinggesetz gegeben hat, wird ihm wegen des Verdachts der Gefährdung der öffentlichen Gesundheit der Prozess gemacht.

Die Staatsanwaltschaft fordert zwei Jahre Haft sowie ein zweijähriges Berufsverbot. Angeklagt sind zudem Fuentes' Schwester Yolanda und die früheren Radrennstallbetreiber Manolo Saiz (Once, Liberty-Seguros), José Ignacio Labarta (Comunidad Valenciana) und Vicente Belda (Kelme).

Auch Schwimmer, Tennisspieler, Leichtathleten und Fußballer betroffen

"Spanien verschwendet viel Geld mit dem Verfahren gegen mich", sagte der Mediziner am Eingang des Gerichts. "Ich arbeite als Arzt in einer Klinik, die vom Staat finanziert wird, und meine Patienten brauchen mich." Den wartenden Reportern hielt er entgegen: "Ich glaube, Sie sind nervöser als ich."

Der Fall ist aufsehenerregend, aus mehreren Gründen. Nicht nur das Arsenal an Doping-Präparaten und -hilfsmitteln oder gefüllten Blutbeuteln, das die spanische Polizei Guardia Civil damals entdeckte, war beträchtlich. Auch der Kundenstamm des Doktor Fuentes war es. Eine Liste mit rund 200 Sportlernamen existierte, etwa 58 davon entstammten dem Radsport – unter ihnen große Namen wie Jan Ullrich und Alberto Contador.

In der Folge erhielten Spekulationen Nahrung, betroffen seien von der "Puerto"-Affäre aber auch Schwimmer, Tennisspieler, Leichtathleten und namhafte Fußballspieler. Schließlich hatte Fuentes bestätigt, dass Kicker zu seinen Klienten zählten: in einem Radiointerview 2006. In der Folge erhielt er nach eigenen Angaben dann Morddrohungen.

Als Nebenkläger gegen Fuentes und Co. tritt in Madrid neben dem Rad-Weltverband UCI die Weltantidopingagentur auf. Wada-Generaldirektor David Howman erklärte im "Guardian": "Der Sinn der ganzen Übung und der Grund, warum wir so resolut auf eine Verhandlung vor Gericht gedrängt haben, ist herauszufinden, wer diese Sportler sind. Wir müssen wissen, um welche Sportarten es geht." Denn nur so können "die Informationen denjenigen Agenturen übergeben werden, die in der Lage sind, etwas zu tun".

Spanien bangt um sein Renommee als Sportnation

Doch gerade an der Weitergabe der Informationen von staatlichen Ermittlungsbehörden an Antidopingagenturen hapert es weltweit erheblich. In Deutschland etwa, unken Fachleute, wissen viele Staatsanwälte nicht einmal, dass es die Nada überhaupt gibt – was nicht nur deren struktureller Schwäche geschuldet ist.

Beim Versuch, Zugang zu den Ermittlungsakten der "Operacion Puerto" zu bekommen, "sind wir mit dem Kopf gegen Mauern gerannt", schimpft Howman.

Den zuständigen Richter mussten sie in Madrid überdies zum Jagen tragen: Antonio Serrano hatte das Verfahren schon eingestellt. Angeblich auf Druck aus der Politik, die um das Renommee der Sportnation bangte. Aus Justizkreisen heißt es entschuldigend bloß, die Guardia Civil habe nur die Sportler namentlich genannt, die sie eindeutig identifizieren konnte.

Der Erkenntnisgewinn aus dem Fuentes-Prozess droht nun gering auszufallen. Und die Causa zeigt, wie schwierig es für die Fahnder ist, effektiv gegen international operierende Dopingnetzwerke zu ermitteln, die für die beteiligten Mediziner ein florierendes Geschäft sind. Siehe etwa Italiens "Dottore Epo" Michele Ferrari, Leibarzt von Lance Armstrong.

Deutscher Jörg Jaksche als Zeuge geladen

Oder das hochprofessionelle Dopingsystem im niederländischen Rabobank-Rennstall über mehr als ein Jahrzehnt bis 2012. Erst Montag gestand der deutsche Ex-Profi Grischa Niermann, manipuliert zu haben.

Die Verhandlung gegen Fuentes und seine Mitangeklagten ist bis 22. März angesetzt, 35 Zeugen sollen aussagen. Montagmorgen wurden nach 75 Minuten Verspätung zum Prozessauftakt zwei Stunden lang zunächst Verfahrensfragen geklärt, eine erste Aussage Fuentes' ist auf Dienstag vertagt. Gibt es am Ende eine Revision, wird das Urteil wohl erst 2014 fallen – acht Jahre nach der "Operacion Puerto".

Der geständige Deutsche Jörg Jaksche, selbst für 11. Februar als Zeuge nach Madrid geladen, hat "keine großartigen Erwartungen. Die ganze Anklage ist sehr wacklig". Eine erneute Vertuschungsaktion würde ihn nicht wundern. Passend dazu äußerte sich Oberstaatsanwalt Eduardo Esteban. "Es geht hier nicht um die Sauberkeit des spanischen Sports, die muss schon der Sport selbst untersuchen, nicht die Justiz", sagte er dem WDR.

Jaksche glaubt daher nicht, dass spektakuläre Neuigkeiten ans Licht kommen werden: "Das ist wie Brot und Spiele im alten Rom: Halte dein Volk bei Laune." Wahrscheinlich sei es sogar so, dass das spanische Volk "die Wahrheit nicht ertragen könnte".

Rabobank-Profi Niermann gesteht Epo-Konsum

Spät

Grischa Niermann hat wenige Monate nach seinem Rücktritt als Radprofi Doping zugegeben. Wie der Deutsche jetzt mitteilte, habe er zwischen 2000 und 2003 "einige Male das verbotene Mittel Epo genommen". Weitere Details wolle der 37-Jährige der niederländischen Anti-Doping-Kommission mitteilen. Niermann fuhr von 2000 bis 2012 bei Rabobank, das seit dieser Saison Team Blanco heißt und in den vergangenen Wochen bereits von einer Geständniswelle erschüttert wurde. Zuletzt war er Nachwuchscoach im niederländischen Verband. Obwohl der Dopingmissbrauch verjährt ist, wird Niermann für sechs Monate bis August gesperrt.

Kritik

Für Jörg Jaksche ist das Geständnis seines Ex-Kollegen keine Überraschung. "Inzwischen weiß jeder, was in dieser Zeit im Radsport los war. Es ist nur eine Bestätigung dessen, was wir schon wissen", sagte Jaksche, der selbst ein geständiger Doper ist.

Forderung

Travis Tygart, Chef der US-Anti-Doping-Agentur Usada, fordert, dass US-Richter und die Usada über die Bestrafung von Lance Armstrong entscheiden sollen. "Sollte dies nicht so sein, wäre das ein weiterer Schock", sagte Tygart, "eine Jury sollte die Möglichkeit haben, zu entscheiden, ob die US-Regierung und die Millionen amerikanischer Steuerzahler für den Betrug Armstrongs entschädigt werden." Tygart hatte dem lebenslang gesperrten Armstrong eine Frist bis zum 6. Februar gesetzt, um mit der Usada zu kooperieren und die Sperre möglicherweise zu reduzieren.

Ablehnung

Über seinen Anwalt ließ Armstrong mitteilen, dass er eine Zusammenarbeit mit der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada und dem Weltverband UCI bevorzuge. Der Usada fehle die Autorität für weltweite Untersuchungen.

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