28.01.13

Torjäger

Der belächelte Rudnevs schlägt beim HSV zurück

Der lettische Stürmer Artjoms Rudnevs galt schon als HSV-Fehleinkauf. Ihm versprangen mehr Bälle, als ihm Tore gelangen. Doch er arbeitete eisern an sich und wird von den Fans mittlerweile verehrt.

Foto: REUTERS

Artjoms Rudnevs kam im vergangenen Sommer für rund 3,5 Millionen Euro zum HSV
Artjoms Rudnevs kam im vergangenen Sommer für rund 3,5 Millionen Euro zum HSV

Die Füße wollten bei Artjoms Rudnevs zu Anfang nicht so recht mit dem Ball harmonieren. Thorsten Fink, sein Trainer beim HSV, erzählte am Montag diese Geschichte: Als der lettische Stürmer im Sommer nach Hamburg kam und ihm die Bälle reihenweise versprangen, da haben ihn auch die eigenen Mitspieler belächelt.

Aber "Rudi", wie er ihm Team genannt wird, "hat sich seine Akzeptanz im Team erarbeitet. Er hat jetzt eine ganz andere Aura". Sagt Fink, und ihm ist zu glauben.

Rudnevs ist zwar immer noch kein Fall für Fußballästheten. Seinem kraftstrotzendem Spiel geht Ästhetik ab. Aber acht Tore sind für einen einst Belächelten recht ordentlich und auch die Fans finden zusehends Gefallen an ihm.

Etwa nach dem 3:2 gegen Werder Bremen am Sonntag, beim dem der 25-Jährige zum vorentscheidenden 3:1 traf. Mit Sprechchören feierten sie ihn nach dem Schlusspfiff, Hamburg hat wieder einen Publikumsliebling. "Rudnevs wird jeden Tag ein besserer Fußballer", sagt Sportdirektor Frank Arnesen.

Das hat seinen Grund. Rudnevs erkannte nach seinem Wechsel von Lech Posen schnell, woran es ihm mangelte. Laufen konnte er wie ein Rennpferd, nur der Freiburger Jan Rosenthal erreicht in der Liga die gleiche Spitzengeschwindigkeit (35,4 km/h) auf dem Platz. Der Ball jedoch wollte ihm nicht gehorchen. Er drohte schon als Fehleinkauf durchzugehen. Arnesen stand unter Druck, der klamme HSV hatte 3,5 Millionen Euro für ihn bezahlt.

Mit Fußballtennis feilte er an seiner Technik

Rudnevs aber arbeitete besessen daran, dem Herr des Balles zu werden. Er ist extrem ehrgeizig. Der Lette hat verinnerlicht, dass er sich als Spieler einer kleinen Fußballnation im Zweifelsfalle mehr anstrengen muss als manch anderer.

Es galt also, sich die Technik einzubleuen. Deswegen spielte er tagein und tagaus vor dem Kabinentrakt auf einem mit Tapeband abgeklebten Feld Fußballtennis. Außerdem ließ ihn Trainer Fink nach dem Training gern mal rund eine Viertelstunde lang allein aufs Tor zulaufen und den Abschluss suchen.

Das hatte zuvor schon Heung-Min Son machen müssen und es zeigte Wirkung. Auch bei Rudnevs schien das förderlich zu sein. Son (sieben Tore) und Rudnevs mit seinen nunmehr acht Treffern sind jedenfalls schon jetzt erfolgreicher, als es das alte HSV-Sturmduo Mladen Petric (7) und Paolo Guerrero (6) in der gesamten Saison 2011/12 waren.

Ohne Familie keine Tore

Es ist auffällig, dass Rudnevs Stern beim HSV erst zu leuchten begann, nachdem seine Familie Ende Oktober zu ihm in die Hansestadt zog. Im Sommer war er allein nach Hamburg gereist. Er hatte gerade sein Diplom als Sportlehrer abgelegt, mit Auto und seinen sieben Sachen die Fähre in Lettland bestiegen und war 21 Stunden später im Lübecker Hafen angekommen.

Glücklich war er nicht. Seine Frau Santa fehlte ihm und Rudnves Herz schmerzte, weil seine kleine Tochter Arina den Bildschirm küsste, wenn er über Skype Kontakt suchte. Er trinkt keinen Alkohol und geht nur selten auf Partys, für ihn ist die Familie das Vergnügen. Als die schließlich bei ihm war, ging es aufwärts, Körper und Seele waren im Einklang. Mit den Toren klappte es nun, der Ball war kein Fremdkörper mehr.

Sein Spiel ist zwar nach wie vor unorthodox. Wenn dieser Kerl von 1,83 Metern und 81 Kilo durch den Strafraum stampft, weiß keiner so genau, was nun als nächstes kommt. Vielleicht nicht einmal er selbst. Beim HSV aber wissen sie mittlerweile auch, was sie an ihm haben. Torwart Rene Adler hat mal gesagt, einer wie Rudnevs sei schwer zu verteidigen, "weil er selbst nicht weiß, wohin er schießt und dazu noch rechts und links einen Schuss wie ein Pferd hat".

Quelle: pk/KS
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