28.01.13

Kolumne "Querpass"

Gibt es etwas Schöneres, als ein Sklave zu sein?

Die Vereinten Nationen sollten sich um wehrlose Fußballspieler kümmern. Der Schalker Holtby taugt als Beispiel. Er gleicht einem geknechteten Leibeigenen, den keiner fragt, wie er seine Zukunft sieht.

Von Oskar Beck
Foto: Bongarts/Getty Images

Schalkes Lewis Holtby kann nicht sagen, ob der Wechsel zu Tottenham noch diesen Winter zustande kommt. „Meine Wohnung ist jedenfalls noch komplett, der Kühlschrank ist auch noch voll“, sagt er
Schalkes Lewis Holtby kann nicht sagen, ob der Wechsel zu Tottenham noch diesen Winter zustande kommt. "Meine Wohnung ist jedenfalls noch komplett, der Kühlschrank ist auch noch voll", sagt er

Die Vereinten Nationen haben sich 1956 feierlich auf ein Zusatzübereinkommen über die Abschaffung der Sklaverei geeinigt. Seither ist es streng verboten, Sklaven zu erwerben, zu verkaufen, zu mieten, zu vermieten, zu verschenken oder zu vererben. Und nun das.

Wenn nur die Hälfte von dem stimmt, was Lewis Holtby am Samstag nach der Schalker Nullnummer in Augsburg erzählt hat, kommt er sich offenbar vor wie ein geknechteter Leibeigener, den niemand fragt, wie er sich seine Zukunft vorstellt – oder schlimmer gesagt als wehrloser Spielball vor den Kickstiefeln gieriger Kaufleute.

Die Frage war, ob er das nächste Spiel noch für Schalke oder schon für Tottenham macht. Holtby verzog das Gesicht, wiegte den Kopf, und es ergab sich ungefähr folgendes Gespräch:

"Das", antwortete er, "entscheiden andere." Wer? "Die Offiziellen." Und Sie? "Ich muss abwarten." Und dann? "Dann werde ich von euch Journalisten irgendwann erfahren, was passiert", lächelte der junge Schalke und trottete zum Mannschaftsbus.

Inzwischen ist er wieder daheim, und vor dem Hintergrund des soeben Geschilderten würden wir uns nicht wundern, wenn der Manager Heldt seinen begehrten Jungstar nach der Rückkehr gleich wieder auf einer Sklavenbühne des Schalker Markts öffentlich ausgestellt hätte – an den Füßen angekettet, damit er nicht fliehen kann, und mit einem Schild um den Hals, in das Name, Herkunft und besondere Verwendbarkeit eingraviert sind, etwa so: "Lewis Holtby. Bundesliga. Holzfuß rechts. Linksfuß virtuos."

"Die Wohnung ist noch nicht gekündigt."

Seit Wochen steht der begabte Schalker im Schaufenster. Ursprünglich sollte er erst im Sommer zu Tottenham wechseln, aber nun wird schon im Winterschlussverkauf zwischen London und Schalke gezerrt und gepokert, und Holtby sagt: "Die Wohnung ist noch nicht gekündigt, der Kühlschrank noch voll." Da hockt einer auf heißen Kohlen und ungepackten Koffern, wie bestellt und nicht abgeholt.

Ist Lewis Holtby ein Fall für die Vereinten Nationen – oder muss nicht zumindest Sepp Blatter, der als Fifa-Boss rigoros den Ausschank alkoholhaltigen Biers und den Rassismus in den Stadien bekämpfen will, mit der schnellen Eingreiftruppe seiner Ethikkommission auch in der wieder aufkeimenden Sklavenfrage aufmarschieren?

Da war ja zuletzt auch noch diese undurchsichtige Geschichte in Hannover: 96 hat sich im Winterkatalog einen defensiven Riesen aus dem brasilianischen Regenwald bestellt, kopfballstark, knapp zwei Meter hoch, aber als er ankam, war er nur gute Einsachtzig. Auf den ersten Blick bestätigt dieser Vorfall alle, die Fußballspieler für rechtlose Sklaven halten: Wenn sie beim Kauf nicht einmal mehr gemessen werden, können wir getrost davon ausgehen, dass sie auch zu nichts gefragt werden.

Elber fühlte sich damals als Sklave

Giovane Elber war der eisernste Verfechter der alten These. Als ihn der FC Bayern einst im nachlassenden Stadium seiner Schaffenskraft als Vollstrecker für verzichtbar hielt und zu Olympique Lyon schickte, verriet der Brasilianer der Welt: "Wir Spieler sind moderne Sklaven." Wie ein entrechteter Leibeigener kam er sich vor, fast verraten und verkauft, und seine Fans haben Rotz und Wasser geheult – mit Ausnahme etlicher alter Freunde in Stuttgart.

Denn beim VfB hatte Elber jahrelang nach jedem erfolgreichen Torschuss das Trikot gebusselt, auf Höhe des Herzens – bis er dasselbe Herz dann über Nacht jäh an die Bayern verlor, die ihm die Geldpistole auf die Brust setzten und zeigten, dass Sklave im Fußball in Wahrheit ein Traumjob ist.

Aber das muss der Fan ja nicht unbedingt wissen. Also tut jeder pfiffige Fußballstar so, als habe er mit einem Vereinswechsel gar nichts am Hut, er stellt sich betont als Marionette der mächtigen Drahtzieher dar – und hat das Mitleid seiner Fans in der Kurve und seiner 378 000 Freunde auf Facebook sicher.

Hecking wagt sich in vermintes Terrain

Nur wenige wagen sich mit offenem Visier ins verminte Terrain, wie neulich zum Beispiel Dieter Hecking. Als der das Training in Nürnberg von jetzt auf nachher niederlegte und an den fetteren Trog in Wolfsburg rochierte, sagte er wohltuend mutig: "Ich dachte, das ist jetzt vielleicht der Moment, wo ich auch mal an mich selbst denken muss." Gibt es im Fußball etwas Schöneres, als Sklave zu sein?

Wir hoffen, Lewis Holtby und seine Fans hiermit beruhigt zu haben. Er genießt alle Vorzüge des Sklaven, ohne die Nachteile ertragen zu müssen. Beispielsweise muss er diese eingangs erwähnte Ungewissheit keinen Tag länger aushalten, wenn er nicht will. Er muss diesen Fünfjahresvertrag, zu dem ihn Tottenham ohne Peitschenhiebe gezwungen hat, vor Sommer nicht antreten, wenn er nicht will.

Ein "No" genügt. Mehr muss er nicht sagen zu den Feilschern auf beiden Seiten, dem Manager Heldt und den Engländern. "Mein Vertrag läuft nicht bis Donnerstag", muss er einfach nur sagen, "sondern bis Sommer. Ich muss bis dahin in Ruhe noch die Wohnung kündigen, den Kühlschrank leeren, die Koffer packen und mit Schalke die Champions League gewinnen."

Ein nacktes, einziges, kurzes No, und schlagartig wäre Lewis Holtby diese Ungewissheit los, dass er nichts zu melden hat und irgendwelche anderen über sein Schicksal entscheiden – und ihn womöglich sogar gegen seinen Willen diese Woche angekettet in eine Galeere setzen und ungefragt nach London verschiffen, mit einem Sklavenschild um den Hals.

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