24.01.13

Hannovers Trainer

Slomka – "Was habe ich beim FC Bayern zu suchen?"

Im Berliner Morgenpost-Interview spricht Mirko Slomka, Trainer des Fußball-Bundesligaklubs Hannover 96, über zu klein gewachsene Zugänge, den Bayern-Transfer von Pep Guardiola und seinen Traum von einem Titel.

Foto: dpa

Mirko Slomka (45) ist seit Januar 2010 Trainer von Hannover 96
Mirko Slomka (45) ist seit Januar 2010 Trainer von Hannover 96

Mit dem Transfer des Brasilianers Franca machte sich Hannover 96 unter der Woche kurzzeitig zum Gespött der Fußball-Bundesliga. Der 1,3 Millionen Euro teure Zugang ist mit einer Körpergröße von 1,81 Meter neun Zentimeter kleiner als bei seiner Vorstellung angegeben. Als Franca erstmals vor dem 1,87 Meter großen Mirko Slomka stand, fiel dem Trainer auf, dass sein neuer Spieler kleiner war als er selbst. Dann ließ er einen Assistenten nachmessen. Trotz der Panne hält Hannover an Franca fest. Ob er am Samstag im Derby gegen den VfL Wolfsburg eingesetzt wird, ist offen.

Berliner Morgenpost: Erlauben Sie die Frage: Nehmen Sie künftig zu Vertragsgesprächen ein Maßband mit?

Mirko Slomka (lacht): Das ist natürlich ein kurioser Fall, ganz klar. Durch die mediale Berichterstattung hat er in sich auch ein Stück weit an Seriosität verloren. Das ist schade, denn der Leidtragende ist der Spieler, der unabhängig von seiner Körperlänge ein richtig guter Typ und toller Fußballspieler ist. Aber der Fall ist uns eine Lehre. Wie werden – wie immer bisher – auch in Zukunft größten Wert darauf legen, einen Spieler live zu sehen. Aber das war ehrlich gesagt in der Kürze der Zeit diesmal nicht machbar. Auch wenn er eines unserer Qualitätsmerkmale, das Kopfballspiel, nicht so gut erfüllt, sind wir überzeugt von ihm.

Berliner Morgenpost: Sie haben gleich vier Spieler in dieser Transferperiode geholt. Was ist das für ein Signal?

Slomka: Unter anderem ein Signal für den Umbruch. Es gibt einige Spieler, deren Verträge auslaufen. Die Entscheidungen, wer bleibt oder geht, sind noch nicht getroffen. Wir wollen aber stabil bleiben und haben deshalb reagiert. Zumal auch wichtige Spieler langfristig ausfallen. Es zeigt, dass wir im Vergleich zu einigen Vereinen, die sich zurückhalten müssen, mittlerweile ohne große Probleme auf dem Transfermarkt aktiv werden können. Das ist gut, wenn wir uns auf Dauer mit den Topteams messen und regelmäßig international spielen wollen.

Berliner Morgenpost: Hannover stand lange Zeit für Power-Fußball. Nach Ballgewinn durfte ein Angriff bis zum Torabschluss nicht länger als zehn Sekunden dauern. Das klappt derzeit nicht so gut.

Slomka: Einerseits haben sich die Gegner besser auf uns eingestellt, anderseits haben wir vor zwei Jahren noch nicht unter der Woche international gespielt und konnten dadurch taktisch und läuferisch viel mehr trainieren. Es ist derzeit eine Herausforderung für uns, wieder dahin zu kommen. Daran arbeiten wir. Ich strebe nach einem systematischen Prozess im Anschluss an einen Ballgewinn und auch für die Rückgewinnung. Das permanente Attackieren des Gegners und das Verteidigen nach vorn ist das A und O. Das war in den vergangenen zwei Jahren auch die größte Stärke von Dortmund.

Berliner Morgenpost: Wenn über modernen Fußball gesprochen wird, sind wir schnell beim FC Barcelona, der Sinnbild dafür ist.

Slomka: Zu Recht. Aber Barcelona ist nicht unser Maßstab. Wir wollen unseren Fähigkeiten entsprechend einen guten Fußball kreieren. Und da gilt es ein Momentum für die ideale Spieleröffnung zu finden. Jeder muss wissen: Jetzt ist Attacke.

Berliner Morgenpost: Trainer Pep Guardiola hat bis Juni 2012 für viele Jahre Barcelona geprägt. Im Sommer kommt er zum FC Bayern München.

Slomka: Er ist doch schon da (lacht). Also zumindest gefühlt, wenn ich die Berichterstattung verfolge.

Berliner Morgenpost: Wie bewerten Sie die Verpflichtung?

Slomka: Ich war überrascht vom Zeitpunkt der Bekanntgabe. Weil ich glaube, dass es für den FC Bayern nur ein Ziel gibt – und zwar die Deutsche Meisterschaft. Die ist Pflicht. Mein Eindruck war, dass sie dem Titel alles unterordnen. Der mediale Fokus auf Guardiola könnte ablenken. Aber die Verpflichtung von Pep Guardiola an sich kann ich nur begrüßen. Wir sollten uns aber alle im Klaren sein, dass es auch für einen Trainer wie ihn kein leichtes Spiel sein wird. Allein die Medien werden ihn vom ersten Tag an auf Schritt und Tritt verfolgen. Und ich glaube nicht, dass er so etwas schon in Barcelona erlebt hat, was er dann in München erleben wird.

Berliner Morgenpost: Meinen Sie wirklich?.

Slomka: Ja. Ich kann es natürlich auch nur aus der Ferne beurteilen. Aber was ich gehört und gelesen habe, ist, dass er quasi keine Einzelinterviews gibt, sondern nur Pressekonferenzen. Und das ist in der deutschen Medienlandschaft schon mal etwas kompliziert. Aber wir müssen Guardiola eine gewisse Eingewöhnungszeit gönnen, ihm die Chance geben, alles hier kennenzulernen.

Berliner Morgenpost: Vor Ihrer Vertragsverlängerung hieß es, Sie seien ein Kandidat beim FC Bayern.

Slomka: Es gab viele Gerüchte. Und zwar nur aufgrund des Fakts, dass Uli Hoeneß und ich einen guten persönlichen Kontakt zueinander haben. Aber es ist Quatsch daraus abzuleiten, dass ich deswegen in München Trainer werden kann. Zumal ich der Meinung bin, dass die Qualität als Trainer darüber entscheidet, ein Kandidat für den FC Bayern zu sein. Wenn ich mit Hannover die Europa League gewonnen hätte, wäre die Voraussetzung eine andere gewesen. Wir haben hier in den vergangenen Jahren Großartiges geleistet – jetzt fehlt noch ein Titel.

Berliner Morgenpost: Das klingt sehr demütig.

Slomka: Wieso? Ich habe die Auffassung, dass es eine wichtige Voraussetzung für ein Trainerengagement bei einem international renommierten Spitzenklub ist, wenn du einen Titel vorweisen kannst. Du musst einfach etwas Besonderes sein, in deiner Art, mit deiner Arbeit und dem ganzen Wirken. Du musst Entscheidungen treffen können und für Respekt sorgen. Das würde ich zwar alles für mich in Anspruch nehmen. Aber für einen Verein von der Qualität des FC Bayern benötigst du man dauerhaft sportlichen Erfolg. Und wir sind gerade auf Platz elf. Was habe ich da beim FC Bayern zu suchen? (lacht)

Berliner Morgenpost: Immerhin sind Sie in der 117-jährigen Geschichte von Hannover mit drei Jahren der dienstälteste Trainer.

Slomka: Das ist der Beweis für eine vertrauensvolle Arbeit mit Martin Kind, Jörg Schmadtke und der Mannschaft. Wir wissen was wir aneinander haben und können gemeinsam auch mal eine schlechte Phase durchstehen. Das ist eine Bestätigung unserer Arbeit, bei der wir uns immer wieder bereichern.

Berliner Morgenpost: Aber das galt für das Trio Slomka, Präsident Kind und Sportdirektor Schmadtke nicht immer so.

Slomka: Dass wir nicht immer einer Meinung sind, ist klar. Aber wenn es um Hannover 96 geht, sind wir uns einig und vertreten unsere Entscheidungen für den Klub auch geschlossen in der Öffentlichkeit. Hier sind alle füreinander da, mit all ihren Freiheiten, die sie bei ihren Entscheidungen benötigen.

Berliner Morgenpost: Ist das ein Erfolgsgeheimnis?

Slomka: Das mag sein. In den vergangenen drei Jahren ist der Zusammenhalt hier sehr gewachsen. Ich denke, die Geschichte um Robert Enke hat uns im Verein gestärkt. Es gibt eine große Wertschätzung. Und das spüren die Menschen draußen. Sie vertrauen uns.

Berliner Morgenpost: Und erkennen Ihre Arbeit an.

Slomka: Anerkennung ist die größte Droge für einen Spieler, von wem auch immer sie kommt, ob vom Trainer, von den Fans oder von der Familie. Wer Anerkennung bekommt, geht ganz anders in die neue Woche. Das war nach dem 4:5 bei Schalke natürlich etwas anders ( schmunzelt). Aber ich konnte den Spielern danach Anerkennung im Training geben, so dass sie jetzt mit einem guten Gefühl in das Spiel gegen Wolfsburg gehen. Sie haben zwar jetzt auch Druck, aber auch eine neue Chance.

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